Versichert in den Klimawandel

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Zürich 31.03.09
Bookmark and Share
Stichworte:           

Bresch, Swiss Re, Klimawandel, VersicherungIn der Klimakrise ist eine globale Solidargemeinschaft gefragt. Die Kosten der Anpassung an neue Klimaverhältnisse und deren Folgeschäden rufen Rückversicherer wie Swiss Re auf den Plan. Die Klimakonferenz in Kopenhagen wird regeln müssen, wie der Klimawandel zu versichern ist. David Bresch analysiert bei Swiss Re die Risiken des Klimawandels.

Yvonne von Hunnius: Wo ist es aufgrund des Klimawandels nicht ratsam, ein Haus zu bauen?

David Bresch: Die ganze Welt wird von der Klimaproblematik betroffen. Aber man kann überall bauen, wenn man sich der Risiken bewusst ist und entsprechend angepasst plant. Je nachdem muss man einen Bunker oder ein leichtes Holzhaus bauen und mit hohen oder niedrigen Versicherungsprämien rechnen. Doch werden sehr wahrscheinlich Gebiete wie grosse Teile Afrikas oder der Karibik vom Klimawandel besonders stark betroffen sein, ganz zu schweigen von den Inseln im Pazifik.

Yvonne von Hunnius: Die volkswirtschaftlichen Kosten von Naturkatastrophen sind in den letzten zwanzig Jahren von 65 auf knapp 200 Milliarden Euro (300 Milliarden Franken) pro Jahr gestiegen. Welchen Prozentsatz davon schreiben Sie dem Klimawandel zu?

David Bresch: Das kann man nicht festmachen. Wir können nur Prognosen abgeben, wie viel uns der Klimawandel zu kosten kommt, wenn wir nichts unternehmen: zwischen 75 und 150 Milliarden Dollar gemäss dem Stern-Report. Um konkrete Aussagen darüber zu machen, inwiefern Extremereignisse klar dem Klimawandel zugeschrieben werden können, bräuchte man deutlich mehr als 100 Jahre Naturgefahrenschaden-Messungen – doch katalogisiert werden diese erst seit Anfang der 70er-Jahre.

Sicher ist: Ein immer grösserer Anteil der Schäden wird in Zukunft auf den Klimawandel zurückzuführen sein. Denn Klimawandel findet statt und ist im Temperaturbereich statistisch signifikant: Die acht wärmsten Jahre der letzten 150 Jahre wurden in den letzten zehn Jahren gemessen.

Yvonne von Hunnius: Sie erwähnten, dass man in Risikogegenden mit hohen Prämien rechnen muss. Wer will denn dann dort noch investieren?

David Bresch: Ohne Versicherung wüssten viele nicht, wie risikobehaftet ihre Region ist. Wird jedoch von der Versicherung eine risikoadäquate Prämie verlangt, dann wird sichergestellt, dass die Schäden vorfinanziert sind. Dies führt dazu, dass Versicherung eine positiv steuernde Wirkung hat.

Ausserdem gilt es, die Solidargemeinschaft heranzuziehen. Flächendeckende Flutversicherungen zum Beispiel können durch unterschiedliche Prämienhöhen auch Risikogegenden mitversichern. Das ist gesellschaftlich sinnvoll, bedenkt man beispielsweise, dass man für einen Hafen keinen anderen Ort als die Küste wählen kann und seine Tätigkeit wirtschaftlich gesehen allen zugute kommt.

Yvonne von Hunnius: Was ist mit Entwicklungsländern, in denen die Mittel fehlen?

David Bresch: Wir untersuchen gerade verschiedene Weltregionen und schauen uns die Wirtschaftlichkeit von Anpassungsleistungen an. Wie weit soll ich meinen Damm erhöhen und wann wird die Dammerhöhung überproportional zu teuer im Vergleich zum potentiellen Nutzen? Solche Fragen sind gerade für Entwicklungsstaaten wichtig. Werden Mittel für eine Damm-Erhöhung ausgegeben, sollte gegebenenfalls auch das Risiko einer Überspülung versichert werden. Um einen Ausgleich mit entwickelteren Ländern zu schaffen, ist zu Überlegen, ob die Prämien dafür nicht zumindest teilweise international finanziert werden sollten – zum Beispiel aus dem Anpassungsfonds, über dessen Ausgestaltung im Rahmen der Kopenhagen-Konferenz im Moment nachgedacht wird.

Doch müssen auch diese Prämien risikoadäquat angesetzt werden. Wenn man in Hochrisikogebieten niedrige Prämien verlangt, weil dort ein gesellschaftliches Interesse an einer Belebung herrscht, so ist dies in keine Weise nachhaltig.

Yvonne von Hunnius: Das Hab und Gut von knapp sieben Milliarden Menschen gegen Klimawandel zu versichern, ist unmöglich. Wie könnte der Schutz organisiert sein?

David Bresch: Ein schwacher Staat mit einer schwachen Rechtssicherheit ist kein Garant für Versicherungen. Dort ist es am sinnvollsten, die Zahlung nicht aufgrund einer Schadensmeldung auszulösen. Hier gehen wir mithilfe naturwissenschaftlich belegbarer Indikatoren vor, auch um das Betrugsrisiko klein zu halten. Wenn also beispielsweise in dieser Region in einer gewissen Stundenanzahl eine gewisse Menge an Niederschlag fällt, erhält diese Region einen fixen Betrag innert kurzer Zeit, um gegen Überschwemmungsschäden vorzugehen. Der Staat, der sich solcherart bei uns versichert hat, kann das sofort zur Verfügung stehende Geld dort einsetzen, wo er es für richtig erachtet.

Yvonne von Hunnius: Hier wird der Staat als Garant für eine gerechte Mittelvergabe herangezogen, das ist riskant. Welche Alternativen gibt es?

David Bresch: Um Bauern beispielsweise in Lateinamerika gegen Ernteausfall zu versichern, können Satellitenbilder herangezogen werden, auf denen objektiv zu erkennen ist, ob Biomasse produziert wird oder ob Dürre herrscht. Das Geld wird von lokalen Stellen direkt an die Bauern ausbezahlt. Wir pflegen auch Kooperationen mit Entwicklungshilfeorganisationen wie Oxfam, um die Geldvergabe zu sichern.

Yvonne von Hunnius: Welche Instrumente besitzt ein Rückversicherer, um zu ökologischem Verhalten zu bewegen?

David Bresch: Swiss Re ist selbst seit 2003 CO2-neutral und geht mit der Coyou2-Mitarbeiteraktion, bei der sie CO2-reduzierende Investitionen von Mitarbeitern finanziell unterstützt, mit gutem Beispiel voran. Mit Kunden wie Schweizer Mobiliar gibt es Gespräche, Produkte so auszugestalten, dass sie CO2-neutral sind. Zum Beispiel geht es hier darum, ob man eine Autoversicherung so ausgestalten kann, dass mit dem Kauf der Versicherung auch der CO2-Ausstoss kompensiert wird.

Yvonne von Hunnius: Das sind kleine Schritte. Welche globalen erwarten Sie sich vom Klimagipfel in Kopenhagen?

David Bresch: In Kopenhagen müssen Reduktionsziele von 30 Prozent bis 2030 formuliert werden – mit einem geringeren Reduktionssatz ist es nicht getan. Und ein globales Rahmenwerk ist notwendig, das zur Einhaltung verpflichtet. Eine globale CO2-Steuer wäre eine sinnvolle Lösung, die das Verursacherprinzip abbildet und einen Anreiz zu Emissionsreduktionen darstellt. Doch gehe ich nicht davon aus, dass dies in naher Zukunft zu realisieren ist. Deshalb sind wir für Emissions-Zertifikate.

Yvonne von Hunnius: Bezüglich der Finanzierung der Klimaanpassungskosten und Klimaschaden-Versicherungen kursieren momentan viele Modelle. Welches unterstützen Sie?

David Bresch: Konkrete Vorschläge zu früh zu bringen, könnte die Verhandlungen eher behindern. Es muss einen Anpassungs-Fonds geben, in den auch Gelder aus dem Zertifikate-Handel einfliessen. Wie viel hiervon im vorhinein für bauliche Massnahmen, wie viel hiervon für Versicherungslösungen für den Schadensfall ausgegeben wird, muss genau angeschaut werden. Eine Versicherungslösung ist aber unabdingbar, damit die Gelder nicht zu stark gebunden sind. Der Staat oder die Staatengemeinschaft soll das Rahmengebilde bestimmen und innerhalb dieses Rahmens soll die Privatwirtschaft die effizienteste Mittelverteilung über Marktmechanismen festlegen. Die Rückversicherer haben viel Erfahrung darin, wie man grosse Risiken global diversifiziert und effiziente Versicherungslösungen auch über Ländergrenzen hinweg ausgestaltet.

Yvonne von Hunnius: Wie hoch müsste der Anteil öffentlicher Gelder sein?

David Bresch: Wenn die Ausgestaltung risikoadäquat ist, dann gibt es keinen Grund, warum das Kapital vom öffentlichen Sektor kommen müsste. Auch jetzt finanziert ja schon manch ein CO2-intensives Unternehmen in der Schweiz durch CO2-Zertifikate ein anderes in einem Entwicklungsland mit, da die Einsparung der Emissionen ausserhalb der Schweiz oft mit niedrigeren Kosten erreicht werden kann. Dies bedeutet, dass mit derselben Geldsumme eine grössere Reduktion von Treibhausgasemissionen herbeigeführt werden kann.

Yvonne von Hunnius: Können Sie sich vorstellen, dass es eines Tages eine verpflichtende Klima-Versicherung, vergleichbar mit einer Autoversicherung, geben könnte?

David Bresch: Das wäre ein sehr effizienter Mechanismus. Doch an der Umsetzung habe ich Zweifel. Denn es ist schon erstaunlich, dass praktisch nur in England und in der Schweiz eine flächendeckend verpflichtende Flutversicherung existiert. Alle OECD-Staaten wären mit solch einer Versicherung gut beraten. Und wenn es sogar auf diesem Niveau nicht funktioniert, bin ich skeptisch, ob sich dies global umsetzen lässt.

Der Risikodialog setzt einen gewissen Bildungsgrad voraus. Man geht Verträge mit der Zukunft ein und das geht nur, wenn man Vertrauen hat und den Mechanismus versteht. Der Kauf einer Versicherung muss sich wie der Kauf einer Packung Waschmittel etablieren – letztere steht vielleicht auch lange im Keller. Schutz ist nur gegeben, wenn man ihn vorher eingekauft hat.


Zur Person:

Dr. David Nikolaus Bresch ist als „Head Sustainability & Emerging Risk Management“ Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit und neu entstehende Risiken des Schweizer Rückversicherers Swiss Re. Nach dem Studium der Physik an der ETH Zürich promovierte David Bresch an derselben Hochschule am Institut für Atmosphäre und Klima. Danach war er als Research Associate am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (Massachusetts, USA) tätig, bis er 2000 zu Swiss Re stiess.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren