In der globalen Klimapolitik sollte konsequent zwischen Treibhausgasen aus fossilen Quellen und Treibhausgasen aus natürlichen Quellen unterschieden werden. Nur fossile Quellen erhöhen dauerhaft die CO2-Konzentration. Es braucht in der Klimapolitik eine systemische Betrachtungsweise.
Spätestens der Bericht des IPCC 2007 weckte weltweit das Bewusstsein dafür, dass der anthropogene Klimawandel eine entscheidende Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist. Die globale Gesellschaft versucht seit längerem, über die Klimarahmenkonvention und speziell das Kyoto-Protokoll von 1995, Treibhausgas-Emissionen zu mindern und eine CO2-Sequestration durch Vegetation und Böden zu erhöhen. Bis heute mangelt es aber an griffigen Massnahmen und Erfolgen in der Mitigation der Klimaerwärmung. Allzu sehr bleiben die Klimaverhandlungen in Unsicherheiten gefangen, welche sich aus der Komplexität des Verhandlungsgegenstandes ergeben. Instrumente und institutionelle Regelungen können nur über Vereinfachungen – Reduktion der Komplexität – geschaffen werden und bleiben deshalb unsicher in ihrer Wirkung und umstritten. Wie die Erfahrung zeigt, gestalten sich die Klimaverhandlungen daher äusserst aufwändig. Sie lassen den Verhandlungspartnern viel Raum im Durchsetzen von Partikulärinteressen und Vermeiden von substanziellen Massnahmen. Bestehende Erfassungs-, Berechnungs- und Monitoring-Instrumente erweisen sich als kompliziert und schwer kontrollierbar. Entsprechend hoch sind die Transaktionskosten. Es stellt sich die Frage, welche Vereinfachungen uns den Zielen tatsächlich näherbringen. Insbesondere als schwierig – und auch umstritten in Bezug auf einen „equity approach“ – erweist sich Festlegen von globalen und nationalen Emissionsgrenzen für Treibhausgase. Vordergründig erscheint hier eine Totalbilanzierung der unterschiedlichen Treibhausgase in Form von CO2-äquivalenten Einheiten auf Grund ihrer unmittelbaren physikalischen Wirkung in der Atmosphäre (radiation enforcement) richtig. Es wird daher nicht unterschieden zwischen (1) Emissionen, welche sich aus der Veränderung der natürlichen, durch die Evolution des Lebens auf der Erde entstandenen C-Flüssen in und aus Ökosystemen ergeben (ecosystem related emissions); und (2) den Treibhausgasen, welche aus fossilen Lagern freigesetzt werden (emissions from fossil sinks). Die Autoren stellen die Hypothese auf, dass die aktuelle Klimapolitik über diese Vereinfachung einem Umwelt-Trugschluss/environmental fallacy zum Opfer fällt: Eine eingeschränkte Problemwahrnehmung gibt dabei ungenügende Lösungsoptionen vor und blendet weit wesentlichere aus (Churchman CW. 1979. The System Approach and Its Enemies. Basic Books, New York). Ein Systemansatz erlaubt es, wesentliche Zusammenhänge zwischen dem durch die Evolution geschaffenen Klimasystem und dem anthropogenen Klimawandel besser zu verstehen und adäquate Vereinfachungen zu erkennen (Jantsch E. 1979. Die Selbstorganisation des Universums – Vom Urknall zum menschlichen Geist. Carl Hanser, München 1979/1990; Lovelock JE. 1979. Gaia: A New Look at Life on Earth. Oxford University Press, 3rd ed. 2000). Dazu nehmen die Autoren eine gründliche qualitative und quantitative Unterscheidung zwischen (1) dem Subsystem der Biosphäre (Atmosphäre und Ökosphäre) und (2) dem Subsystem der Nutzung fossiler Ressourcen vor. Diese Differenzierung von Treibhausgasemissionen aus anthropogener Veränderung der ökologischen Kreisläufe (ecosystem related emissions) und den neuen anthropogenen Emissionen (emissions from fossil sinks) folgt den Anforderungen des heutigen Verständnisses von system dynamics (Sterman JD. 2002. All models are wrong: Reflections on Becoming a System Scientist. System Dynamics Review, 18/4, 501-531). Mit dieser Differenzierung lässt sich zeigen, dass zwar in der unmittelbaren physikalischen Wirkung von CO2 aus fossilen Quellen und CO2 oder Methan aus Landnutzung und Landnutzungsveränderung kein Unterschied besteht. Langfristig aber kommt ein wesentlicher Unterschied zum Tragen: CO2 aus fossilen Quellen erhöht kontinuierlich die CO2-Konzentration. Es wird geschätzt, dass eine fortgesetzte CO2-Emission aus fossilen Energieträgern die Gesamtmenge des im Metabolismus der Erde zirkulierenden Kohlenstoffs verdoppeln kann. Damit erhöht sich langfristig und zwingend auch die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Die Ablagerung in die Lithosphäre beansprucht als geologischer Prozess weit grössere Zeitdimensionen (Jahrmillionen). Im Gegensatz dazu können Emissionen aus Landnutzung und Landnutzungsveränderung durch die Regeneration und den Wiederaufbau von Ökosystemen und fruchtbaren Böden mittelfristig (in Jahrzehnten und Jahrhunderten) wieder absorbiert werden. Allerdings bleiben auch diese pools in ihrer Aufnahmekapazität beschränkt und bilden selbst wieder potentielle Emissionsquellen. Damit wird deutlich, dass die CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern das Hauptproblem für die Klimaerwärmung darstellen. Treibhausgase aus Landnutzung entfalten nur eine temporär verstärkende Wirkung – weshalb auch die Sequestration von CO2 durch die Rehabilitation von Ökosystemen eine sehr beschränkte, mittelfristige Milderung verschafft. Ein solch vertieftes Verständnis der Systemzusammenhänge erlaubt eine Neubewertung der Mitigationsstrategien. Die wenig erfolgreiche Strategie der undifferenzierten Reduktion der gesamten GHG emissions kann aufgeteilt werden in eine Hauptstrategie der Reduktion der CO2-emissions from fossil fuels – und eine ergänzende Strategie zu Landnutzung und Landnutzungsveränderung. In Bezug auf den Verbrauch fossiler Energiequellen bestehen griffige Kontrollinstrumente. Das viel komplexere Subsystem der Landnutzung und Landnutzungsveränderung erfordert eine Entwicklungspolitik, welche die nachhaltige Nutzung von erneuerbaren Ressourcen und Ökosystemen stützt. Dadurch können C-Pools erhalten und fossile Ressourcen zunehmend substituiert werden. Dies kann insbesondere den Entwicklungsländern zugute kommen, fördert die Adaptation von Land- und Forstwirtschaft und trägt mittelfristig zur Mitigation bei.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine systemische Betrachtungsweise eröffnet Wege, das institutionelle Gefüge der Klimapolitik effizienter zu gestalten. Die Autoren fordern dazu auf, in einem Kyoto-Nachfolge-Protokoll konsequent zwischen Emissionen aus fossilen/industriellen Energiequellen bzw. jenen aus natürlichen/erneuerbaren Energiequellen zu unterscheiden. CO2 aus fossilen Brennstoffen muss als Hauptproblem angegangen werden und griffige Massnahmen – wie handelbare Zertifikate auf der Basis fossiler Kohlenstoffe – sind umzusetzen. Die schnelle Reduktion von CO2-Emissionen aus fossilen Quellen ist entscheidend für den langfristigen Erfolg der Klimapolitik. In Ergänzung dazu leisten Zertifikate im Bereich der Landnutzung und Landnutzungsveränderung einen Beitrag zur Entwicklungs- und Klimapolitik. Andreas Kläy ist stellvertretender Direktor, Cordula Ott Wissenschaftlerin des Zentrums für Etnwicklung und Umwelt des Geopraphischen Instituts der Universität Bern
Bild: Treibhausgase heizen den Klimawandel an. Aber nicht alle Treibhausgase sind gleich (Steffen Klatt)
|