Wenn der Anstieg der Meeresspiegel nicht mehr verhinderbar ist, muss die Menschheit sich auf die Konsequenzen vorbereiten. Und dagegen versichern. Denn der Klimawandel kann Milliardenbeträge verschlingen. Versicherungslösungen sollen vor dem Finanzkollaps insbesondere der ärmsten Staaten retten. Im Vorfeld des Klimagipfels in Kopenhagen werden gemeinsam mit Rückversicherern Lösungen der Finanzierung gesucht.
Es geht nicht nur um den Meeresspiegel: Auch Stürme, Dürreperioden und dramatische Wintereinbrüche werden häufiger, sind sich Experten inzwischen einig. Und dachte man noch vor zehn Jahren, man brauche nur Fluorchlorkohlenwasserstoffe aus den Haarspray-Dosen verbannen, geht es heute bereits um die Finanzierung der horrenden Anpassungskosten des Klimawandels. Im Dezember soll auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen eine verbindliche Regelung für die Verringerung der Treibhausgasemissionen und die Anpassung an den Wandel für die Jahre nach 2012 gefunden werden. Der private Sektor soll durch Versicherungslösungen stark in ein neues Rahmenwerk miteinbezogen werden. Wie eine gerechte Finanzierung möglich sein soll, darüber werden noch einige Expertenköpfe und Grossrechner bis Dezember surren. Gerechte Mittelverteilung ist schwierigDiejenigen, die am wenigsten zur momentanen Misere des Klimas beigetragen haben, müssen am meisten darunter leiden und ihnen stehen die wenigsten finanziellen Mittel zur Verfügung. Nicht nur der stark für das Klima engagierte Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan stellt dies unverhohlen heraus. Und es sind Milliardensummen, die Infrastruktur und Privateigentum auf die kommenden Naturkatastrophen vorbereiten müssen. Und es sind abermals Milliardensummen, die im Falle einer Katastrophe zum Aufräumen benötigt werden. Ein Adaptionsfonds soll eingerichtet werden – unter anderem gefüllt durch Gelder, die der Handel mit Emissionszertifikaten für den Ausstoss von Kohlendioxid abwirft. Versicherungslösungen sollen auch den Ärmsten ermöglichen, an Mittel zu gelangen. Sind wir solidarisch?Solidarität und Transparenz werden in diesem Zusammenhang zu Schlüsselbegriffen. Der Klimarisiken-Verantwortliche des Schweizer Rückversicherers Swiss Re, David Bresch, führt ins Feld, wie in der Schweiz die Naturkatastrophen-Versicherung entstanden ist. Eine Dorfgemeinschaft sah Gemeinnutzen darin, eine Bäckerei gemeinschaftlich wieder aufzubauen, die durch Blitzschlag zerstört worden war. Die Nachteile, das Brot aus dem Nebendorf holen und dem Bäcker Armenrente zahlen zu müssen, waren klar ersichtlich. Was in kleineren Einheiten klaren Gemeinnutzen und Transparenz besitzt, sollte auch auf globaler Ebene funktionieren. Doch noch hapert es am Verständnis. Bresch: „Die ganze Welt leidet noch immer mit den Opfern des Hurrikan Katrina in den USA. Bei genauerer Betrachtung machte der Schaden ein Prozent des amerikanischen BIP aus. Die starken Überschwemmungen in der Schweiz im gleichen Jahr machten ebenfalls ein Prozent des schweizerischen BIP aus. Der grosse Unterschied: Nur 30 Prozent der Katrina-Opfer waren versichert, hingegen 90 Prozent der Schweizer Flutopfer.“ Das zeigt: Eine flächendeckende Katastrophenversicherung ist für viele wohlhabende Industriestaaten immer noch ein Fremdwort. Hier gilt es, noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. An Modellen mangelt es nichtEin Zusammenschluss von Rückversicherern und internationalen Akteuren wie der Weltbank hat einen Vorschlag zur Finanzierung gemacht, der auf zwei Säulen basiert: Prävention und Versicherung. Die Präventionssäule kümmert sich um die Klima-Anfälligkeit von Regionen, die besonders betroffen sind. Die Versicherungssäule soll gegen Grossereignisse und geringere Schäden versichern. Doch: „Marktkräfte allein können den am meisten Betroffenen nicht genügend Sicherheit bieten“, sagt Klima-Expertin Joanne Linnerooth-Bayer vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg. Bis Dezember wird noch heftig diskutiert, wie das Zusammenspiel zwischen Privatsektor und öffentlicher Hand in einem nachhaltigen Rahmenwerk aussehen soll. Auch eine verpflichtende Klimawandelsteuer ist im Gespräch. Die Grossrechner werden in der Zwischenzeit verschiedene Klimamodelle durchrechnen und versuchen, gesicherte Aussagen über den Klimawandel zu stützen. Swiss Re finanziert mit fünf Millionen Franken in den kommenden sechs Jahren einen Lehrstuhl für integratives Risikomanagement an der ETH Zürich. Zudem werden Terrabites an Daten den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt. Denn für die Schadensberechnung muss man erst wissen, wie der Wandel genau aussieht. Die Uhr tickt. Bild: Unwetterkatastrophen wie der Hurrikan Katrina werden als Folge des Klimawandels weiter zunehmen (Münchener Rück)
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