Wer die Umwelt liebt, sollte in grosse Städte ziehen. Denn dort leben die Menschen mit der günstigsten Schadstoffbilanz. Stadtbewohner produzieren weniger schädliche Treibhausgase als die Landbevölkerung. Dies ergibt eine britische Studie, die den städtischen Ausstoss schädlicher Treibhausgase gemessen hat.
Städter können buchstäblich aufatmen. London, Barcelona, New York und Rio sind gar nicht so schmutzig, wie weitläufig angenommen. Den Beweis liefert eine Studie des Internationalen Umwelt- und Entwicklungsinstituts in Ausgerechnet die bevölkerungsstarken Metropolen produzieren vergleichsweise weniger Kohlenstoff-Emissionen als die Bewohner des Umlands. Bevölkerungsdichte entlastetDer Bericht, der in der April-Ausgabe von "Environment and Urbanization" des Instituts ferscheint, enthält Untersuchungen der vergangenen 13 Jahre, die klären sollten, ob urbane Gebiete einen überdurchschnittlich negativen Effekt auf das Weltklima haben. Jetzt zeigt sich, dass offenbar das Gegenteil der Fall ist. „Obwohl die hohe Konzentration von Menschen, Betrieben, Fahrzeugen und Abfall in Städten oft als ein Problem angesehen wird, kann eine hohe Bevölkerungsdichte auch eine Reihe von Vorteilen für die Verwaltung der Umwelt mit sich bringen.”, so der Autor der Studie, David Dodman. Das unabhängige Umweltinstitut liess den Pro-Kopf CO2-Ausstoss von Grossstädten in Europa, Asien, Nord- und Südamerika mit dem jeweiligen Landesdurchschnitt der unabhängigen Organisation vergleichen. Dabei ergab sich, dass Londoner halb so viel CO2 ausstossen wie der Rest der Insel. Im Jahr 2006 produzierten sie 44,3 Millionen Tonnen CO2, das sind acht Prozent des Gesamtaufkommens Grossbritanniens. Bei sieben Millionen Hauptstadt-Einwohnern ergab sich 2004 ein Pro-Kopf-CO2 Fussabdruck von 6,2 Tonnen, während die Landbevölkerung 11,2 Tonnen CO2 produzierte. New York grüner als WashingtonIn den USA verursachen New Yorker mit 7,1 Tonnen Kohlendioxid nur rund ein Drittel der landesweiten Pro-Kopf-Treibhausgase. Als Ursache für die günstigere Bilanz der US-Metropole wurden die relativ kleinen Wohnungen und der Gebrauch von öffentlichen Verkehrsmitteln angegeben. Eine grosse Zahl von Verwaltungsgebäuden bei relativ kleiner Stadtbevölkerung erklären dagegen die vergleichsweise hohen Emissionswerte des Regierungssitz Washington DC. Sao Paolo und Rio de Janeiro verzeichnen ebenfalls eine geringere Pro-Kopf Bilanz, da massive Waldrodung und Viehzucht die Kohlendioxid-Werte in Brasilien in die Höhe treiben. Indirekte Emissionen nicht berücksichtigtDie erstaunlichen Ergebnisse sollten allerdings über eines nicht hinweg täuschen: Sie zeigen ausschliesslich den direkten Verbrauch einer Stadt. Sie berücksichtigen nicht die Treibhausgase, die bei der Produktion von Gütern entstehen, die die Städter konsumieren. Produktionsstarke Städte wie Peking oder Schanghai stossen dementsprechend mehr Kohlendioxid aus. Denn dort sind schliesslich die Fabriken beheimatet, die von den reichen Nationen ausgelagert wurden. David Dodman erklärte: „Ein Grossteil Umwelt verschmutzender und Kohlenstoff intensiver Produktionsstätten befindet sich nicht mehr in Europa oder Nordamerika, sondern wurde ausgelagert, um geringere Lohnkosten und weniger strenge Umweltverordnungen anderswo in der Welt zu nutzen.” Würden diese „indirekten” Kohlendioxid-Emissionen mit einkalkuliert, so müssten die Städte nicht 50 bis 60 Prozent, sondern 80 Prozent der klimaschädlichen Gase auf ihre Kappe nehmen. Nach Angaben von Anna Tibaijuka, Leiterin der Habitat-Organisation der Vereinten Nationen, lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, wo sie 75 Prozent des globalen Energiebedarfs nutzen. Umweltsünder KonsumDie wahren Schuldigen sind also nicht die Städte selbst, sondern das konsum-orientierte Verhalten ihrer Bewohner. Zwar machen reichen Länder das Gros der Treibhausgase aus. Laut Dodman müssten aber wohlhabende Nationen nicht automatisch Top-Umweltsünder sein. Anstatt Grossstädte zu verteufeln, sollten sich Entscheidungsträger gut gestaltete und organisierte Metropolen wie Tokio zum Vorbild nehmen: „Tokio verursacht beträchtlich weniger Emissionen pro Kopf als etwa Peking oder Schanghai. Dies zeigt, dass Wohlstand nicht unweigerlich zu mehr Schadstoffemissionen führt.” Bild: New York ist grüner als Washington und vor allem grüner als scheinbar idyllische ländliche Regionen (Yvonne von Hunnius)
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