Verfolgt man die lebhafte energiepolitische Debatte in der Schweiz und die Berichterstattung in den Medien über eine Renaissance der Kernenergie, kann man leicht den Eindruck gewinnen, als handle es sich bei AKW um die Technologie der Wahl für die künftige Stromerzeugung in Europa. Ein Blick auf aktuelle Statistiken über neue Kraftwerke vermittelt hingegen ein ganz anderes Bild. Erneuerbare Energien sind in Europa vehement auf dem Vormarsch.
Kürzlich erschien in der Financial Times eine ungewöhnliche Anzeige der Europäischen Windenergievereinigung. Es handelte sich um ein nüchternes Balkendiagramm, auf dem die Anteile von sieben verschiedenen Energieträgern an den im Jahre 2008 in der EU neu installierten Kraftwerksleistung dargestellt war. Die Anteile der sieben Energieträger variierten von 36 Prozent für den am häufigsten gebauten Kraftwerkstyp bis 0.3 Prozent für die am seltensten eingesetzte Technologie. Ich habe einer Gruppe internationaler Management-Studenten an der HSG diese Grafik gezeigt und sie gebeten zu erraten, welcher Balken zu welcher Technologie gehört (um die Studenten nicht zu beeinflussen, habe ich den Ursprung der Grafik nicht vorab erläutert). Das Ergebnis war erstaunlich, und ist meines Erachtens auch aufschlussreich für die energiepolitische Debatte in der Schweiz. Überschätzte Kernenergie, unterschätzte ErneuerbareVon 18 teilnehmenden Studierenden haben 17 vermutet, dass Kernenergie im Jahre 2008 eine der drei am häufigsten gebauten Kraftwerkstechnologien gewesen sei, davon meinten 10 sogar, dass Kernkraftwerke auf Platz 1 dieser Statistik liegen. Lediglich eine finnische Studentin tippte richtig - und konnte zutreffend angeben, dass die Kernenergie in Wahrheit das Schlusslicht dieser Statistik bildet. Ein Student wandte ein, dass ein Vergleich der installierten Leistung ja das Bild verzerre, und man stattdessen die produzierten Kilowattstunden der neuen Kraftwerke vergleichen solle. Das Ergebnis der entsprechenden Berechnungen sehen Sie in der untenstehenden Grafik - an der Tatsache, dass bei der Kernenergie Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinanderklafft, ändert sich nichts.

Ebenso aufschlussreich ist eine Analyse der studentischen Einschätzungen erneuerbarer Energien. Nur zwei von 18 Studierenden haben richtig getippt, dass Windenergie - gemessen an der neu installierten Leistung von 8'484 Megawatt - im Jahre 2008 erstmals die Statistik der neuen Kraftwerke in Europa anführte. Zwei weitere lagen bei der Einschätzung der Solarenergie richtig, die 2008 mit 4200 Megawatt installierter Leistung quasi aus dem Stand auf den dritten Platz der Rangliste aufstieg, dies nicht zuletzt wegen des boomenden spanischen Marktes. 14 von 18 Studierenden vermuteten, Solarenergie trage am wenigsten oder zweitwenigsten zu den neuen Kraftwerkskapazitäten bei, und immerhin noch mehr als die Hälfte der Studierenden siedelten die Windenergie auf einem der letzten drei Plätze an. Die Auflösung des Rätsels löste grosses Erstaunen aus. Nur wenige hätten gedacht, dass erneuerbare Energien in der EU 2008 ein Drittel der neu ans Netz gegangenen Stromerzeugung, über die Hälfte der neu installierten Leistung, und zwei Drittel der Investitionen in neue Kraftwerke ausmachen.
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Wie kann es kommen, dass gut ausgebildete zukünftige Entscheidungsträger ein so verzerrtes Bild der Wirklichkeit haben? Aus der Diskussion im Hörsaal ergaben sich einige Erklärungsansätze, ohne dass eine so kleine Stichprobe ein abschliessendes Bild erlauben würde. Es fiel auf, dass in unterschiedlichen Ländern offenbar eine unterschiedliche Wahrnehmung bestimmter Energieträger herrscht. Finnland hat als eines von wenigen Ländern Erfahrungen aus erster Hand mit dem Neubau eines AKW, und die dabei auftretenden Schwierigkeiten haben wohl auch zu einer differenzierten Wahrnehmung im Land geführt. Umgekehrt stammten die vier erwähnten Studierenden, die entweder die Position von Wind- oder Solarenergie in der Rangliste richtig getippt haben, aus Ländern, in denen diese Technologien bereits in grösserem Massstab zum Einsatz kommen (Schweden, Polen; Deutschland, Frankreich). Die meisten inländischen Studierenden vermuteten hingegen Kernenergie auf Platz eins oder zwei, und Wind und Solar auf den letzten drei Plätzen - vielleicht ein Indiz dafür, dass das dynamische Wachstum bei diesen erneuerbaren Energieträgern hierzulande bislang kaum wahrgenommen wurde, während die kommunikative Präsenz der Kernenergie in der Schweiz sich überproportional in der Wahrnehmung niederschlägt. Gewiss nicht repräsentativ, aber doch vielleicht ein Anstoss zum Nachdenken: vier der fünf Studierenden, die den Rang eines der Energieträger Wind, Solar oder Kernenergie richtig getippt hatten, waren Frauen. Sind wir mit dem heutigen Wissensstand gut gerüstet für anstehende Energie-Entscheidungen? Dieser Text von Rolf Wüstenhagen ist am 25. März zuerst auf dem Blog der NZZ Online erschienen. Er bloggt dort vom 23. bis 27. März zur Frage: «Gibt es Alternativen zu einem neuen Kernkraftwerk in der Schweiz?» Rolf Wüstenhagen ist Vizedirektor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen.
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