Zurückpumpen in den Untergrund

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 24.03.09
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Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid ist ein umstrittenes Rezept gegen den Klimawandel. Jeffrey Chapman sieht darin eine der wenigen Möglichkeiten, die mit dem Treibhausgas verbundenen Probleme zu lösen. Aus der Sicht des obersten Interessenvertreters der Unternehmen, die an der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, CCS) beteiligt sind, wird diese Technologie in den nächsten beiden Jahrzehnten zum Standard erst der neuen und dann auch der bestehenden Kraftwerke werden.

Steffen Klatt: Ist die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid die Antwort auf die Gefahr, die von fossilen Energieträgern für das Klima ausgeht?

Jeffrey Chapman: Sie ist fast die einzige Antwort, um mit den Kohlendioxidemissionen von fossilen Brennstoffen in einem sehr grossen Massstab umzugehen. Es gibt andere Technologien, die entwickelt werden. Aber sie bringen nur Teillösungen und könnten nicht sehr schnell in einem sehr grossen Massstab angewandt werden. Es braucht dringend CCS.

Steffen Klatt: Wie schnell kann es in einem grossen Massstab angewandt werden?

Jeffrey Chapman: Die ersten grossen Anlagen können ab 2013 installiert werden. Ab 2020 könnte CCS zu einer Massenerscheinung bei neuen Kraftwerken werden und ab der Mitte bis zum Ende der 20er Jahre könnte CCS der Normalfall in den Kraftwerken werden. Danach würde es auch in bestehende Kraftwerke eingebaut.

Steffen Klatt: Wo erwarten Sie die ersten grossen Anlagen?

Jeffrey Chapman: Ein Gaskraftwerk in Abu Dhabi könnte das erste grosse Beispiel in der Welt sein.

Steffen Klatt: Was soll mit dem Kohlendioxid geschehen, das in Zukunft in grossen Mengen in den Kraftwerken gewonnen werden könnte?

Jeffrey Chapman: Es wird tief im Untergrund gespeichert. Wir benutzen Gesteine wie Sandstein als riesige Schwämme. Die möglichen Lagerstätten müssen sehr sorgsam ausgewählt werden. Über dem Sandstein müssen sich undurchdringliche Gesteinsschichten befinden. Solche Lagerstätten gibt es – Erdgas wurde über Millionen von Jahren im Untergrund gespeichert.
Wir diskutieren nicht darüber, Kohlendioxid im Meer zu lagern. Das könnte zu gefährlich sein – wir wissen es nicht.

Steffen Klatt: Können Sie garantieren, dass das Kohlendioxid in den Lagerstätten bleibt?

Jeffrey Chapman: Man kann das garantieren. Man kann Kohlendioxid etwa in leeren Erdgaslagern speichern. Das Erdgas ist während Jahrmillionen in seinem Speicher geblieben. Der einzige Unterschied heute: Das Lager wurde durch Bohrungen angezapft. Diese Bohrlöcher müssen am Ende wieder versiegelt werden. Dann bleibt das Kohlendioxid ebenfalls während Millionen von Jahren dort.

Steffen Klatt: Gibt es genug solcher Lagerstätten?

Jeffrey Chapman: Es gibt viel Platz, besonders in Gebieten mit Öl- und Gasvorkommen. Diese Gebiete sind geologisch gut untersucht worden.

Steffen Klatt: Ist es sinnvoll, Erdgas vom Golf oder aus Russland nach Europa zu transportieren und dann das Kohlendioxid auf dem gleichen Weg wieder zurück zu bringen?

Jeffrey Chapman: Wahrscheinlich ist das sinnvoll. Wir transportieren auch das Erdgas über sehr weite Strecken zum Verbraucher. Kohlendioxid kann billig in grossen Gasleitungen transportiert werden.

Steffen Klatt: Könnte Kohlendioxid zum Rohstoff für irgendetwas anderes werden?

Jeffrey Chapman: Nein, nicht in diesen Mengen. Es gibt Technologien, die Kohlendioxid nutzen, etwa für die Herstellung von sprudelnden Getränken. Aber das sind winzige Mengen im Vergleich zu den Mengen, die heute anfallen. Wir müssen akzeptieren, dass Kohlendioxid als ein Ergebnis der chemischen Reaktion anfällt, mit der wir Energie erzeugen. Im Augenblick laden wir dieses Abfallprodukt einfach in der Atmosphäre und in den Meeren ab. Gerade die Versauerung der Meere ist eine Herausforderung, die mit dem Klimawandel verbunden ist.

Steffen Klatt: Leitet die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid die Renaissance der Kohle ein?

Jeffrey Chapman: Ich würde es nicht eine Renaissance nennen. Denn Kohle wird in einigen Ländern bereits in riesigen Mengen gebraucht. China ist ein Beispiel, aber auch in einigen Ländern Europas und in Nordamerika. CCS ist wesentlich, wenn wir Kohle weiter verwenden. Und wir werden Kohle weiter verwenden, weil sie da ist. Wir haben noch Reserven für 200 Jahre, und werden wohl noch weitere Reserven finden.

Steffen Klatt: Die neue Technologie kostet Geld wie alle Technologien. Was wird die treibende Kraft sein, um die Unternehmen dazu zu bringen, sie zu installieren?

Jeffrey Chapman: Jede kohlendioxidarme Technologie kostet Geld. Aber CCS ist im Vergleich zu andern kohlendioxidarmen Technologien extrem wettbewerbsfähig. Es gibt ein grosses Problem mit CCS: Es ist an sehr grosse Projekte gebunden. Damit sind grosse Kosten auf einmal verbunden, also auch sehr grosse Risiken. Das Investitionsrisiko in ein CCS-Projekt ist damit viel grösser als etwa in ein kleines Windparkprojekt. Aber die Technologiekosten ähnlicher Technologien in den Kraftwerken sind in der Vergangenheit stets rasant gesunken. Das wird auch bei CCS der Fall sein.

Steffen Klatt: Würde ein höherer Preis für Kohlendioxid helfen?

Jeffrey Chapman: Natürlich, und vor allem ein stabilerer Preis für Kohlendioxid. In der ersten Phase des EU-Emissionshandels brachen die Preise zusammen, als klar wurde, dass zu viele Emissionszertifikate ausgegeben worden waren. In der zweiten Phase, die derzeit andauert, brachen die Preise erneut ein, diesmal wegen der Rezession. Denn Rezession heisst, dass weniger fossile Brennstoffe gebraucht werden. Das drückt den Preis für Kohlendioxid.

Steffen Klatt: Wenn Sie einen stabilen Preis wollen: Sollte die Politik einen solchen Preis setzen?

Jeffrey Chapman: Ich denke nicht. Wir sollten auf den Markt vertrauen. Aber der Markt sollte nicht mit zu vielen Emissionszertifikaten versorgt werden. In der EU sollen zwölf CCS-Projekte bis 2015 realisiert werden. Brüssel untersucht derzeit, wie diese Projekte finanziert werden sollen.

Steffen Klatt: Wird die Zukunft der Technologie vom Ausgang des Kopenhagener Weltklimagipfel im Dezember abhängen, der sich auf eine Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll einigen soll?

Jeffrey Chapman: Ja. Das bringt uns zurück an den Anfang: Wir werden keine Lösung für die Zeit nach 2012 finden, wenn wir nicht anerkennen, dass CCS eine sehr wichtige Rolle spielen muss. CCS ist nicht die einzige Lösung. Aber es braucht alle möglichen Lösungen, denn das Problem des Klimawandels ist zu gross.

 

Zur Person:

Jeffrey Chapman ist Chef der Carbon Capture and Storage Association, der Vereinigung für die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Diese Organisation mit Sitz in London wurde 2006 gegründet, um die Interessen der Unternehmen zu vertreten, die diese Technologie anwenden oder anwenden wollen. Zu den Mitgliedern gehören Ölunternehmen wie BP, Shell und Total, Energieunternehmen wie EdF, Eon und RWE, Bergbauunternehmen wie Rio Tinto und Anlagenbauer wie Alstom, General Electric und Mitsubishi

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