Genf - Die Luftfahrtindustrie will künftig ein kohlendioxidneutrales Wachstum und langfristig einen Null-Ausstoss von Kohlendioxid erreichen. Mit welchen Mitteln dies möglich werden soll, sagt Paul Steele, Direktor für Umweltfragen beim International Air Transport Association (IATA), dem internationalen Dachverband der Luftfahrtgesellschaften.
Annegret Mathari: IATA hat sich ein kohlendioxidneutrales Wachstum zum Ziel gesetzt. Wie möchten Sie das erreichen? Paul Steele: Die Flugindustrie ist nach Angaben des Weltklimarats (IPCC) zurzeit für 2 Prozent aller vom Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich. Wir sind eine Industrie, die wächst, und damit auch ihre Ausstösse. Mittelfristig, also in den nächsten 20 Jahren, wollen wir ein CO2- neutrales Wachstum erreichen und langfristig, so bis Mitte des Jahrhunderts, eine Null-Ausstoss-Industrie aufbauen. Und das soll nicht einfach über Kompensation erreicht werden. Für das CO2-neutrale Wachstum haben wir eine Vier-Säulen-Strategie entwickelt. Als Erstes wollen wir in neue Technologie investieren. Jedes neue Flugzeug, das auf den Markt kommt, ist viel effizienter und hat daher weniger CO2-Ausstoss. Wir wollen eine Erneuerung der Flotte so rasch wie möglich erreichen. Zweitens wollen wir die Flugzeuge, die wir jetzt haben, so effizient wie möglich fliegen. Das können wir beispielsweise durch eine Verringerung des Gewichts erreichen, was weniger Treibstoff erfordert. Unsere Greenteams besuchen die Airlines jeweils während einer oder zwei Wochen und informieren sie, welche praktischen Schritte sie unternehmen können, um den Treibstoffverbrauch und damit CO2-Ausstösse zu verringern. Vieles geht über eine genauere Planung und Vorbereitung eines Flugs, da jedes Kilogramm weniger zählt. Annegret Mathari: Wie stark konnte bisher der Ausstoss von Kohlendioxid verringert werden? Paul Steele: Seit dem Beginn der IATA-Kampagne für eine CO2-Reduktion im Jahr 2004 wurden 59 Millionen Tonnen CO2 und damit 12 Milliarden Dollar eingespart. Allein 2008 wurden 14,8 Millionen Tonnen CO2 weniger verbraucht, was 5 Milliarden Dollar entspricht. Annegret Mathari: Welches sind die Säulen drei und vier? Paul Steele: Bei der dritten Säule geht es um eine bessere Infrastruktur, dazu sind die richtigen Investitionen nötig. Hier geht es um eine Verbesserung der Routen, kürzere Flugzeiten bieten das grösste Sparpotenzial. Für Europa fordern wir einen Single European Sky. Derzeit bestehen 34 verschiedene Flugsicherungssysteme für den Luftverkehr in Europa, während es in den USA einen einzigen gibt. Der Single European Sky ist ein EU-Programm und sieht neun Flugraum-Management-Zentren vor. Dies würde viel effizientere Flüge ermöglichen, indem die Distanzen verkürzt werden. Man spricht seit Jahren davon in Europa. Jetzt muss es wirklich zustande kommen. IATA arbeitet mit der Industrie und den Regierungen zusammen, um diesen Prozess zu beschleunigen. Nach Angaben der EU werden 16 Millionen Tonnen CO2 im Jahr verschwendet durch die Ineffizienz im gegenwärtigen Flugraum-Management. Annegret Mathari: Spielt Emissionshandel auch eine Rolle für IATA? Paul Steele: Die vierte Säule betrifft ökonomische Massnahmen. CO2-Kompensation ist eine Möglichkeit aber vor allem auch ein Emissionshandels-Plan. Wir sind jedoch eine globale Industrie und die Ausstösse finden nicht auf nationaler Ebene statt. Wenn wir daher über Emissionshandel reden, brauchen wir ein globales System, und nicht eines auf regionaler oder nationaler Basis. Ein Beispiel: Wenn ich von New York mit einer Zwischenlandung in der EU nach Zürich fliege, bezahle ich nach den EU-Regeln des Emissionshandels bereits ab dem Start in New York für die Ausstösse. Statt langen juristischen Auseinandersetzungen zwischen Staaten wäre eine engere Zusammenarbeit nötig. Die Internationale Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO) hat nun ein Mandat von der Uno-Konvention zum Klimawandel (UNFCCC) erhalten, einen Plan für die internationale Zivilluftfahrt zu entwickeln. Es gibt dazu eine Arbeitsgruppe von 15 Staaten, darunter die Schweiz, die im September 2009 einen Bericht vorlegen wird als Vorbereitung der UNFCCC-Konferenz in Kopenhagen im nächsten Dezember, die das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls verabschieden soll. Wir unterstützen dieses Programm von ICAO und liefern Informationen sowie Analysen. Die bisher bestehenden verschiedenen Schichten von Kosten und Steuern sind ein richtiger kollektiver Wahnsinn. So erhebt Grossbritannien eine Steuer auf alle Flugpassagiere, zusätzlich zu den Abgaben, die Airlines innerhalb der EU leisten. Auch in den Niederlanden und in Irland gibt es jetzt eine ähnliche Steuer. Und kein Rappen dieser Steuern wird entweder in die Umwelt oder in die Flugindustrie investiert. Wir glauben, dass dies nicht der richtige Weg ist, wenn wir die Ausstösse unserer Industrie reduzieren wollen. Annegret Mathari: Wie steht es mit alternativen Treibstoffen wie Agrartreibstoffen? Zumindest die erste Generation, die jetzt auf dem Markt ist, wird kritisiert, unter anderem, weil sie die Lebensmittelproduktion konkurrenziert. Paul Steele: Die derzeitigen Agrartreibstoffe können für die Luftfahrt nicht eingesetzt werden, da sie meist auf Ethanol oder Biodiesel, etwa aus Rapsöl basieren. Ethanol enthält zu wenig Energie pro Liter, und Rapsöl gefriert bei den Aussentemperaturen im Flug. Wir brauchen einen Treibstoff, der von minus 50 bis plus 50 Grad Celsius verwendbar ist. Daher arbeiten wir jetzt an der so genannten zweiten und dritten Generation von Biotreibstoffen. Vielversprechend sind vor allem Algen sowie eine ungeniessbare Pflanzensorte, Jatropha, die sich als Ersatz für Jetfuel eignen. Das würde eine signifikante Möglichkeit bieten, um die CO2-Intensität unserer Industrie zu reduzieren. Annegret Mathari: Hat IATA Forschungen in Auftrag gegeben? Paul Steele: Mehrere Unternehmen arbeiten daran. Dieser Treibstoff muss zuerst zertifiziert werden. Es muss also gewährleistet sein, dass er sicher ist, nicht gefriert oder explodiert. Wir arbeiten mit verschiedenen Partnern, um diesen Zertifizierungsprozess zu beschleunigen. Eine weitere Frage ist die Verfügbarkeit des Ausgangsstoffes, ob das Algen sind oder Jatropha. Dazu braucht es natürlich Investitionen. Dies bietet auch Möglichkeiten für Entwicklungsländer, die keine Ölreserven haben, eine neue Industrie aufzubauen. Wir wollen mindestens zehn Prozent unseres Treibstoffverbrauchs bis 2017 durch alternative Treibstoffe ersetzen. Möglicherweise ist auch ein höherer Prozentsatz erreichbar. Die nächsten ein zwei Jahre werden entscheidend sein, da brauchen wir auch die Unterstützung von Regierungen, den richtigen juristischen Rahmen zu setzen, damit die Entwicklung dieser Industrie ermöglicht werden kann. Zur Person: Paul Steele ist seit Dezember 2007 Direktor für Umweltfragen bei der International Air Transport Association (IATA), dem internationalen Dachverband der Luftfahrtgesellschaften. Zuvor war er während sechs Jahren für den WWF International tätig. Vorher war er unter anderem Chef von The Virgin Trading Company, die Konsumgüterfirma der Virgin-Gruppe von Richard Branson, und Verkaufsleiter der Hilton-Hotel-Gruppe.
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