Nur eine Minikrise

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 17.03.09
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Steve Sawyer, GWEC, WindkraftFür Steve Sawyer steckt die Windindustrie nicht in einer echten Krise. Der Generalsekretär des Weltwindrates sieht auch für 2009 hohe Wachstumsraten vor allem in China und in Europa. Auf dem dritten grossen Markt, den USA, hängt die Entwicklung unter anderem von der Entwicklung des Bankensystems und vom Ende der Kreditklemme ab. Die Signale der Obama-Administration seien aber ermutigend.

Steffen Klatt: Die moderne Windkraft erlebt ihre erste Krise. Haben Sie das erwartet?

Steve Sawyer: Ich weiss nicht, ob es die erste Krise ist, und ich weiss nicht einmal, ob es eine Krise ist. Es ist eine Minikrise in dem Sinn, dass es keine Kredite für einige neue Projekte gibt. Der chinesische Markt, derzeit der dynamischste, ist weitgehend davon unberührt. China hatte eine Kreditkrise im April und Mai, das hatte aber nichts mit der von der US-Finanzkrise. Vielmehr erhöhte die chinesische Regierung die Anforderungen an Kredite von einem Tag auf den anderen.

Steffen Klatt: Die Windindustrie ist in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts um durchschnittlich 28 Prozent gewachsen. Welches Wachstum erwarten Sie dieses Jahr?

Steve Sawyer: Wir sind erst dabei, die Zahlen für 2008 zusammenzustellen. Es sieht aber danach aus, dass die installierte Kapazität zwischen 25000 und 26000 Megawatt zugenommen hat. Das wäre ein Zuwachs von 28 bis 29 Prozent.

Steffen Klatt: Was heisst das in Investitionen?

Steve Sawyer: Die Investitionen allein in Windkraftanlagen betrugen 2007 rund 26 Milliarden Euros. 2008 werden es 35 Milliarden Euro gewesen sein. Die gesamten Investitionen im Windbereich, also etwa auch in die Herstellung der Ausrüstung, betrugen 2007 rund 50 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr dürften sie deutlich höher gewesen sein.

Steffen Klatt: Was erwarten Sie für 2009?

Steve Sawyer: In China ist die installierte Kapazität jedes Jahr in den vergangenen vier Jahren verdoppelt worden. Jetzt beträgt sie 11000 Megawatt, vielleicht 12000 Megawatt. Viele sagen, dass der chinesische Markt nicht mit der gleichen Geschwindigkeit weiterwachsen kann. Aber er kann. Wir rechnen mit einem Anstieg von vielleicht 9000 Megawatt. Für Europa rechnen wir mit dem gleichen Anstieg, vielleicht etwas weniger. Damit würden wir bei der installierten Kapazität bei 65000 Megawatt ankommen.

Steffen Klatt: Was wird mit dem dritten Markt geschehen, den USA?

Steve Sawyer: Das ist die Frage. Je nachdem, mit wem sie reden, wird es eine Katastrophe sein oder der grösste Markt der Welt. Im Augenblick ist der Kreditmarkt sehr eng. Das hat auch mit den Steuerkrediten zu tun. Sie verstehen, wie die funktionieren?

Steffen Klatt: Nein, sagen Sie es bitte.

Steve Sawyer: Es funktioniert ähnlich wie eine Einspeisevergütung. Dabei gibt es eine Steuervergütung von 1,9 Cent für jede Kilowattstunde erzeugten Stroms. Aber dieser Kredit muss in Geld umgetauscht werden. In den letzten zehn Jahren war das möglich, indem man diese Steuerkredite an Banken wie Lehman Brothers und AIG gesandt hat. Solche Banken hatten Hunderte Millionen Dollar an Gewinn, den sie gern der Steuer entzogen hätten. Jetzt aber gibt es keine grossen US-Finanzinstitute, die Hunderte Millionen Dollar Gewinn machen. Und so kauft niemand mehr die Steuerkredite. Mit der Obama-Administration werden jetzt verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie man das Problem lösen kann. Uns wurde versichert, dass das schnell der Fall sein wird. Wenn das Konjunkturpaket Obamas akzeptiert wird, dann wird es neue öffentliche Investitionen in das Stromnetz und die Infrastruktur geben und staatliche Hilfe für die Windindustrie. Nicht umsonst hat Obama in seiner Rede zur Amtseinführung die Windkraft und die Sonnenkraft speziell erwähnt. Was dann noch fehlt, sind die Kredite. Und dieses Problem kann Obama nicht selbst lösen. Dazu muss das Bankensystem wieder hergestellt werden.

Steffen Klatt: Wenn alles gut geht, werden die USA also zum globalen Motor der Windindustrie?

Steve Sawyer: Sie werden es wieder. Zusammen mit China sind sie in den vergangenen zwei Jahren dieser Motor gewesen.

Steffen Klatt: Ist die Politik der Hauptreiber des Aufstiegs der Windkraft?

Steve Sawyer: Der Energiemarkt ist immer von der Politik gesteuert worden. Das wird wohl auch in der Zukunft so sein. Die Europäer träumen zwar von einem liberalisierten Energiemarkt. Aber wir sind noch weit davon entfernt und werden ihn wohl auch nie erreichen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass Deutschland es akzeptieren würde, wenn ein arabischer Staatsfonds RWE oder Eon kaufen wollte. Der Energiemarkt wird immer stark von der nationalen Politik beeinflusst werden, besonders, wenn die Regierungen rund um die Welt fossile Brennstoffe mit 300 Milliarden Dollar pro Jahr subventionieren.

Steffen Klatt: Wie bitte?

Steve Sawyer: Viele Entwicklungsländer subventionieren Treibstoffe. Auch OECD-Länder wie die USA und Australien subventionieren ihre Industrie. Denken Sie auch an den deutschen Kohlebergbau.

Steffen Klatt: Dann subventionieren die Staaten also die falschen Energien?

Steve Sawyer: Auch die erneuerbaren Energien werden subventioniert, aber in einem weit geringeren Ausmass. Das ändert sich nur langsam. Und die einzige Ursache, warum Kernkraft je existiert hat und womöglich weiter existieren wird, sind staatliche Subventionen: Ein grosser Teil der Kosten und der Risiken werden beim Steuerzahler abgeladen. Das ist seit 50 Jahren so. Dort, wo der Staat das nicht tut, kommt die Kernkraft zum Erliegen, so wie in den USA. Im Energiemarkt hat es nie gleichlange Spiesse gegeben und wird es sie auch nie geben. Es gibt eine Ausnahme: Neuseeland. Dort hat eine Labourregierung in den 80er Jahren alle staatliche Subventionen abgeschafft, für die Landwirtschaft, aber auch für die Energieindustrie. Windkraft ist jetzt wettbewerbsfähig mit Kohle und Erdgas.

Steffen Klatt: Wie wichtig ist es für die Windkraftindustrie, dass es Ende des Jahres eine Einigung beim Klimagipfel geben wird?

Steve Sawyer: Eine Einigung Ende Jahr ist besonders für Europa aus zwei Gründen wichtig. Wenn die USA mitmachen und es ein einigermassen gehaltvolles Abkommen gibt, dann will die EU sich zur Verringerung ihres Kohlendioxidausstosses um 30 statt um 20 Prozent wie bisher zugesagt verpflichten. Wenn das der Fall ist, dann müssen die EU-Länder durch den gleichen schmerzhaften Prozess gehen, diese zusätzliche Verringerung untereinander zu verteilen. Wenn die Einigung von Kopenhagen derjenigen von Kyoto ähneln wird – und das wird der Fall sein -, dann müssen die Einzelheiten anschliessend ausgehandelt werden. Ende 2012 muss alles fertig sein.

Steffen Klatt: Wird es Ende des Jahres ein Klimaabkommen geben, das den Namen verdient?

Steve Sawyer: Das hängt sehr stark von Obama ab. Aber in allem, was Innen- und Wirtschaftspolitik betrifft, ist der Kongress die entscheidende Instanz.

 

Zur Person:

Steve Sawyer ist seit 2007 Generalsekretär des Weltwindenergierates der weltweit oberste Interessenvertreter der Windindustrie. Der US-Bürger, der auch einen niederländischen Pass hat, war zuvor unter anderem Chef von Greenpeace USA und Greenpeace International. Er hat an zahlreichen internationalen Verhandlungen zur Klimapolitik teilgenommen und war als Berater der chinesischen Regierung tätig. Der Weltwindenergierat (Global Wind Energy Council) mit Sitz in Brüssel vertritt 1500 Unternehmen und Organisationen, darunter die grössten Windturbinenhersteller und 99 Prozent der installierten Kapazität.

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