Genf - Es hat die Art zu leben und zu arbeiten verändert wie kaum eine andere Erfindung der vergangenen Jahrzehnte. Und es hat gewaltige Effizienzgewinne ermöglicht: Vor 20 Jahren erfand Tim Berners-Lee am Cern in Genf das World Wide Web. Am Anfang schüttelte viele nur den Kopf. Berners-Lees Sprössling ist inzwischen unfassbar gross geworden und hört nicht mehr auf zu wachsen. Der Vater ist auch heute noch massgeblich an der Erziehung beteiligt.
Zwanzigjährige können sich heutzutage ein Leben ohne Internet gar nicht mehr vorstellen. Aber ihre Eltern konnten sich unmöglich über eine Single-Plattform im Internet kennengelernt haben. Vor zwanzig Jahren schrieb der damals 34-jährige britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee die Internetsprache „Hypertext Markup Language“ (HTML). Am Internationalen Forschungsinstitut für Teilchenphysik (Cern) in Genf erarbeitete er auch das Instrument für den Dokumententransfer, das „Hypertext Transfer Protocol“ (http). Das Cern liess die revolutionären Erfindungen nicht patentieren und hat somit den Grundstein für ein neues Informationsverständnis gelegt. „Lasst uns teilen, was wir wissen“, lautet das Motto von Berners-Lee. Weltweites Netz eroberte die WeltDie Bezeichnung World Wide Web hat der Wissenschaftler ebenfalls in Genf erdacht. Der französischsprachige damalige Kollege Jean-Francois Groff hatte damit seine Mühe: „Der Name ist so unaussprechlich furchtbar, dass man ihn tausend mal üben musste – so hat er sich in den Köpfen festgesetzt.“ Es dauerte nicht lange, bis der Begriff Menschen auf der ganzen Welt schnell über die Lippen kam. Berners-Lee: „Wenn ich auf einer Konferenz meine Ideen vorgestellt habe, schüttelten 99 Prozent der Teilnehmer nur den Kopf. Aber vielleicht drei verstanden das Potenzial. Das reichte, um das Web exponentiell schnell zu verbreiten.“ Bereits 1991 wendeten die ersten Universitäten seine Prinzipien an. Verzicht auf Patente und LizenzenDer schwarze Rechner, an dem 1989 das historische Programm geschrieben wurde, erscheint vorsintflutlich, die erste Web-Darstellung primitiv. Die URL-Adresse der Internet-Seiten war noch verborgen. „Wir wollen nicht, dass die Benutzer mit dieser Technik konfrontiert werden. Doch da haben wir uns geirrt“, erzählt Groff. Alles sollte streng am Anwender orientiert sein: schön, schnell, einfach. Wenn eine Internetseite mehrere Minuten brauchte, bis sie sich aufgebaut hatte, war das schnell. Tim Berners-Lee hat Ordnung in das Chaos der Vernetzungs-Ansätze der unterschiedlichen IT-Anbieter gebracht. Jeder hatte sein eigenes Süppchen gekocht. Es ist dem Genfer Wissenschaftsgeist zu verdanken, dass heute alle von dieser Erfindung profitieren und die Weiterentwicklung so rasch kam. Der ehemalige Cern-Leiters Mike Sendall unterstützte das Projekt mit dem Kommentar: „Vage, aber spannend.“ 1993 wurde die Entscheidung getroffen, das Web nicht zu lizensieren oder zu patentieren. Dadurch konnten unendlich viele Köche das Suppenrezept verfeinern. Papa Internet ist SirWas heute unter Internet verstanden wird, sei nur die Spitze des Eisberges, sagt Berners-Lee. „Die künftigen Entwicklungen werden die Welt noch viel nachhaltiger verändern.“ Der Wissenschaftler spricht, als habe er es eilig. So, als befinde er sich seit über 20 Jahren im Dauerlauf. Daran hat auch die Lawine an Auszeichnungen nichts geändert. Man kann sich Berners-Lee gut 2007 bei der Queen vorstellen, wie er – gross, sportlich und braungebrannt – den Award of Merit in Empfang nimmt und von ihr zum Sir ernannt wird. An der Weiterentwicklung des Internet ist der heute am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston arbeitende Brite immer noch beteiligt. Mit dem von ihm gegründete W3C-Konsortium werden Qualitätsstandards für das Web erarbeitet. Im letzten Jahr rief er die „World Wide Web Foundation“ ins Leben, die sich für Internetzugang auch in den ärmeren Staaten der Welt engagiert. Denn erst ein Viertel der Menschheit ist im Netz. Die fünf Milliarden Menschen, die keinen Zugang haben, leben hauptsächlich in Entwicklungsländern. Zukünftige Datenautobahn noch breiterImmer mehr Menschen vernetzen sich und auch das Datenvolumen des Internets steigt in den kommenden Jahren dramatisch. So sehen es die Experten um Berners-Lee. Das Zauberwort der Zukunft heisst „Linked Data Web“: Dahinter steht der Gedanke, nicht nur Dokumente sondern auch konkretere Daten miteinander zu verlinken. Schliessen sich Datenarchive an das Web an, kann letztlich viel spezifischer recherchiert werden. Der Berliner Forscher Chris Bizer sieht diese neue Informationswelt schon vor sich: „So kann dem Fragenden ein perfekt zusammengestelltes Paket an Antworten zugesandt werden. Und nicht nur eine Auflistung von Dokumenten, in denen Antworten stecken könnten.“ So löst das Internet Probleme der Datenflut, die die Menschen ohne es nicht hätten. Mit 20 ganz schön clever. Mehr Informationen: Internetseite des Cern zum Geburtstag des www Bild: Tim Berners-Lee in Genf (Yvonne von Hunnius)
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