Bankgeheimnis adieu

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 13.03.09
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Finanzplatz, Schweiz, Liechtenstein, Nachhaltigkeit, Finanzierung, NeustartDer Finanzplatz Schweiz hat mit dem Bankgeheimnis auch sein Markenzeichen verloren. Jetzt braucht er ein neues. Nachhaltigkeit könnte zu einem solchen Markenzeichen werden. Geld auf der einen Seite und Bedarf auf der anderen Seite gibt es in Hülle und Fülle. Die beiden Seiten müssen nur zusammengebracht werden. Eine Aufgabe für Schweizer Banken?

So sehen Revolutionen aus. Eben noch galten unumstössliche Wahrheiten, jetzt sind sie verschwunden, dahingeschmolzen wie Schnee in der Märzensonne. Für Finanzplätze wie die Schweiz, Luxemburg, Österreich und Liechtenstein ist die Preisgabe des Bankgeheimnisses eine solche Revolution. Da hilft es auch nichts, wenn Bundesrat Hans-Rudolf Merz versichert, das Bankgeheimnis bleibe bestehen. Natürlich bleibt es das nicht. Das Bankgeheimnis hatte in den letzten Jahren und Jahrzehnten vor allem als Schutz vor den neugierigen Augen ausländischer Steuerbehörden gedient. Jetzt geben diese Länder diesen Trumpf kollektiv aus der Hand.

Das Bankgeheimnis ist lange das Markenzeichen gerade der Finanzplätze der Schweiz und Liechtensteins gewesen. Auch wenn es seit Jahrzehnten kritisiert wurde, so zog es doch Kunden an. Nun ist es weg. Damit fragt sich, ob etwas an seine Stelle treten kann. Und wenn ja, was. Sowohl Erbprinz Alois als auch Finanzminister Merz einen Tag später haben die politische und wirtschaftliche Stabilität ihrer Länder hervorgehoben. Seine Durchlaucht durfte sogar daran erinnern, dass Liechtenstein seinen Finanzintermediären nicht finanziell beispringen mussten, wie das selbst in der Schweiz nötig war. Aber ob das als Verkaufsargument zieht, wenn neue Kunden angezogen werden sollen, darf bezweifelt werden. Zudem lobten beide die heimische Stabilität an Pressekonferenzen, an denen sie eine Revolution auf dem Finanzplatz ankündigten – gerade das Gegenteil von Stabilität.

Beide Finanzplätze brauchen neue Markenzeichen. Es braucht gute Gründe, sein Geld anderswo als zu Hause anzulegen. Ohne solche guten Gründe wird es schwer, neue Kunden anzuziehen. Und die alten sterben irgendwann weg.

Es gibt solche guten Gründe. Professionalität in Zeiten, in denen anderswo Banken zusammenbrechen, ist sicher einer der Gründe. Ein gewisser Konservatismus, der nicht jeder Mode blind folgt, ist ein anderer Grund. Doch diese Gründe sind „passive“ Gründe. Sie beruhigen, aber sie begeistern nicht. Dabei kann es durchaus „begeisternde“ Gründe geben, um bei dieser Bank und nicht bei jener Bank anzulegen. Beispiel Bank Sarasin. Die Basler Privatbank ist frühzeitig ins Thema Nachhaltigkeit eingestiegen. Das war noch zu einer Zeit, als dieses Thema den „Linken und Netten“ vorbehalten schien. Mit nachhaltigen Fonds ist sie etwa auf den Finanzplatz Deutschland gegangen und hat dadurch Kunden gewonnen. Und jetzt ist sie weniger durch die Krise getroffen als andere, die ihr und das Geld ihrer Kunden in strukturierten Phantasieprodukten versenkt haben.

Wer glaubt, mit Ethik und Verantwortungsbewusstsein liesse sich kein Geld verdienen, irrt also. Auch das Bankgeheimnis ist zunächst ein ethisches Argument gewesen. Ausländische Schnüffler sollten in Zeiten des Totalitarismus verschiedener Provenienz nicht in die Konten ihrer Untertanen schauen können.

Auch in der Gegenwart ist Platz für „profitables Verantwortungsbewusstsein“. Nachhaltigkeit wird immer mehr zum grossen Thema, nachdem der Kapitalismus der Gier die Welt an den Abgrund gebracht hat. Nachhaltigkeit bietet die Möglichkeit zur Reparatur bisheriger Schäden in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Sie bietet erst recht die Möglichkeit zu einem Neustart, um diese Schäden künftig zu vermeiden.

Die Welt braucht diesen Neustart, in der Wirtschaft ebenso wie im Sozialen und im Umgang mit der Umwelt. Aber dieser Neustart braucht Geld. Er muss finanziert werden. Eigentlich sollte das kein Problem sein. Denn Geld ist eigentlich in Hülle und Fülle vorhanden. Die Notenbanken stellen immer mehr davon zur Verfügung – so viel, dass niemand mehr es haben will. Es gibt auf der andern Seite auch genug sinnvolle Verwendungsmöglichkeiten. Ob bei erneuerbaren Energien, in der Ressourceneffizienz, im Städtebau, der Mobilität, bei der Hilfe für Entwicklungsländer – überall gibt es Bedarf für Investitionen. Dabei geht es nicht darum, Geld für gute Zwecke auszugeben. Vielmehr dürften sich viele, wenn nicht die meisten dieser Investitionen auch rechnen. Es fehlt schliesslich auch nicht an der Einsicht in die Notwendigkeit jener Wende hin zur Nachhaltigkeit.

Es fehlen aber die Mittler, die das viele im Überfluss vorhandene Geld mit dem grossen, schier überbordenden Bedarf zusammenbringen. Das kann nicht der Staat sein. In einer freien Welt kann das nur die Wirtschaft selbst tun. Es fehlt also an jenen Finanzinstitutionen, die jenes Geld für den nachhaltigen Neustart vorstrecken, das ihnen von den Notenbanken geradezu aufgedrängt wird. Gerade die Banken in der Schweiz, die jetzt ein neues Markenzeichen brauchen, und zwar eines, das ihnen ihren guten Ruf in der Welt wieder zurückgibt, fänden hier ein geeignetes Betätigungsfeld.

Der Markt ist da, und er ist gross genug. Er umfasst die ganze Welt. So könnte der nachhaltige Neustart für den Kapitalismus auch einen Neustart für den Finanzplatz Schweiz bedeuten.

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