Kontinent zu verkaufen

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Geschrieben von: Marc Engelhardt, Nairobi 10.03.09
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Daressalam - Angesichts des dringenden Devisenbedarfs veräussern immer mehr afrikanische Länder das letzte Gut, das ihnen bleibt: Land. Dort, wo Millionen hungern, wollen Konzerne billige Agrargüter produzieren.

In wenigen Wochen ist es soweit: dann wird der saudische Konzern Hadco auf seinen Feldern im Sudan die erste Ernte einfahren. Gemüse, Weizen und Viehfutter von 10.000 Hektar Land sollen helfen, den seit Jahren steigenden Bedarf an Lebensmitteln in Saudi-Arabien zu decken. Für den Boden an den fruchtbaren Bänken des Nils hat Hadco unbestätigten Informationen zufolge 95 Millionen US-Dollar Pacht an die Regierung in Khartum gezahlt- und das soll nur der Anfang sein. Sudans Regierung hat den Golfstaaten angeblich bereits 900.000 Hektar bestes Farmland zugesagt, für 99 Jahre Pacht. Offiziell will das in Khartum freilich niemand bestätigen. Denn der Verkauf von Ackerland an ausländische Investoren ist bei den Bürgern, die in Afrika immer noch überwiegend Kleinbauern sind, nicht sonderlich beliebt.

700 Milliarden Dollar fehlen

Doch weil Erz- und Ölpreise gesunken sind, Investoren und Touristen ausbleiben und afrikanische Auswanderer immer weniger Geld aus dem Ausland nach Hause überweisen können, suchen Regierungen verzweifelt nach anderen Wegen, um dringend benötigte Devisen zu bekommen. 700 Milliarden US-Dollar (560 Millionen Euro/830 Millionen Franken), so schätzt die Weltbank, werden den ärmsten Ländern bis Ende des Jahres fehlen. Dass ein Weltbank-Gipfel daran etwas ändern wird, bei dem Finanzminister heute und am Mittwoch im tansanischen Daressalam über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf den ärmsten Kontinent beraten, glaubt niemand.

Vorwurf des Neokolonialismus

Der koreanische Mischkonzern Daewoo will auf Madagaskar Futtermais und Ölpalmen anbauen - 1,3 Millionen Hektar hat die Regierung des bettelarmen Inselstaats dafür bereitgestellt. In Kenias Tana-Flussdelta sollen 40.000 Hektar Land an den Golfstaat Katar verpachtet werden - zum Anbau von Früchten und Gemüse. Ein Viertel Ersparnis gegenüber dem Weltmarktpreis erwarten die Regierungen, die mit den Verpachtungen praktisch ihr Hoheitsgebiet erweitern. Von “Neokolonialismus” sprechen denn auch Kritiker wie der britische Umweltschützer George Monbiot. “Früher haben die reichen Nationen Kanonenschiffe und Glasperlen eingesetzt, heute sind es Anwälte und Scheckbücher”, so Monbiot. “Der Westen will sich mit aller Kraft vor der drohenden Nahrungsmittelkrise retten, auch wenn das heißt, das Menschen anderswo verhungern werden.”

Doch diese Kritik teilen nicht alle. Beim Gipfeltreffen der Umweltminister vor einigen Wochen betonte der Nahrungsmittelexperte des UN-Umweltprogramms, Christian Nellemann, es führe kein Weg daran vorbei, die vorhandenen Ackerflächen besser zu bewirtschaften. “Wir müssen auch verhindern, dass mehr als die Hälfte aller geernteten Güter bei Transport und Lagerung verloren gehen”, so Nellemann. “Aber wir müssen auch die Ernteerträge erhöhen, wenn wir die angesichts des Bevölkerungswachstums drohende Hungerkrise aufhalten wollen.”

Kleinbauern ernähren Afrika

Mary Fosi, Staatssekretärin in Kameruns Umweltministerium, bettelt förmlich um Investoren: “Hauptsache, jemand entwickelt unsere Landwirtschaft.” Tatsächlich ernährt sich Afrika überwiegend von dem, was Kleinbauern ernten: In Kenia etwa bauen mehr als eine Million Farmer den Mais an, der das Hauptnahrungsmittel im Land ist. Fast alle sind auf Regenfälle angewiesen, künstliche Bewässerungssysteme oder gar Gewächshäuser haben sie nicht. Die Folge: Nach anhaltenden Dürren und mehreren Korruptionsskandalen hungert ein Viertel der kenianischen Bevölkerung. “Natürlich wäre es schöner, wenn wir Unterstützung beim Aufbau unserer eigenen Landwirtschaft bekämen”, gibt Fosi zu. “Aber wir können es uns eben nicht aussuchen.”

Bei den derzeitigen Modellen profitiert die lokale Bevölkerung allenfalls von Jobs auf den Farmen, von deren Produkten sie nichts abbekommen. Ziel der Investoren ist es schließlich, Agrargüter aus Billiglohnländern zu günstigen Preisen in Hochpreisländer zu verkaufen. Viele von Afrikas Regierungen haben zudem ganz eigene Interessen, ihr Land zu verpachten. Viele Politiker sind zugleich Großgrundbesitzer und profitieren direkt von den Verkäufen. Wie explosiv so etwas enden kann, zeigt sich derzeit auf Madagaskar: Über den Millionendeal mit Daewoo, von dessen Erlös sich der Präsident unter anderem eine zweite Boeing kaufte, haben die Armen einen blutigen Aufstand begonnen, dessen Ende noch nicht absehbar ist.

 

Bild: Ein Teil Afrikas, der nicht zu kaufen ist: Krügerpark in Südafrika (South Africa Tourism)

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