Es braucht Vorbilder

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 05.03.09
Bookmark and Share
Stichworte:         

Der WWF will mit seiner „One Planet Initiative“ zeigen, dass die Menschheit mit den Ressourcen dieses einen Planeten auskommen kann. Dazu braucht es Demonstrationsobjekte wie Masdar, sagt Eduardo Goncalves. Dort sollen Lehren gezogen werden, die auch anderswo umgesetzt werden können. Nachhaltiges Leben bedeute nicht Einschränkung, sondern gute Lebensqualität.

Steffen Klatt: Was beabsichtigen Sie mit der „One Planet Initiative?

Eduardo Goncalves: Der WWF veröffentlicht seit einigen Jahren den Bericht zum lebendigen Planeten (Living Planet Report). Diese Berichte zeigen, dass der ökologische Fussabdruck, die Folgen menschlichen Tuns, immer weniger nachhaltig werden. Gleichzeitig sinkt die Artenvielfalt. Wir verringern damit buchstäblich die Menge des Lebens auf der Erde. Auf der Artenvielfalt beruhen die Leistungen der Ökosysteme, von denen unsere Gesellschaften abhängen. Wir haben das Problem also erkannt. Nun mussten wir versuchen, eine Lösung auf den Weg zu bringen. Wir nannten das die „One Planet Initiative“, weil wir lernen müssen, nachhaltig zu leben, also mit einem Planeten auszukommen. Wenn wir dagegen so weitermachen, brauchen wir einen zweiten Planeten. Wir haben mit verschiedenen Akteuren zusammen. Wir haben etwa mit der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate eine Absichtserklärung, den ökologischen Fussabdruck des Landes zu untersuchen.

Steffen Klatt: Wie hat sie auf Ihr Anliegen reagiert?

Eduardo Goncalves: Sie unterstützt uns. Denn die Emirate haben realisiert, dass sie ein Problem haben. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind das einzige Land, das bisher mit dem WWF eine Absichtserklärung zur Nachhaltigkeit vereinbart hat. Die Initiative ging von der Regierung aus. Als ich das erste Mal nach Abu Dhabi kam, lud sie mich ein, und so begann die Partnerschaft mit der Ökostadt Masdar. Wir brauchen Demonstrationsobjekte in grossem Massstab, um Politikern, der Wirtschaft und der Gesellschaft zu zeigen, dass eine nachhaltige Zukunft machbar und wünschbar ist. Wir müssen die psychologische Schranke überwinden, die darin besteht, dass viele Leute nachhaltiges Leben mit dem Leben in einer Höhle gleichsetzen. Wir müssen zeigen, dass nachhaltiges Leben gute Lebensqualität bedeutet, dass es preislich wettbewerbsfähig ist, dass es Geschäftsmöglichkeiten bietet.

Steffen Klatt: Ist eine Ökostadt wie Masdar mit all ihrer Hochtechnologie nicht eine Art Porsche der Nachhaltigkeit, nur für wenige Reiche geeignet, während die Mehrzahl der Leute einen Volkswagen braucht?

Eduardo Goncalves: In Masdar kann vieles gelernt werden, das in der ganzen Welt anwendbar ist. Zwei Dinge machen Masdar so wichtig. Das eine ist wie gesagt Masdar als grosses Demonstrationsobjekt. Das zweite: In Masdar entsteht ein globaler Knotenpunkt der Erforschung und der Produktion erneuerbarer Energien. Die erneuerbaren Energien haben derzeit ein Problem: Das Wissen und die Fähigkeiten bestehen. Aber sie sind zerstreut und über die ganze Welt verteilt. Es gibt viele kleine Unternehmen und Unternehmenseinheiten. Masdar bringt sie an einem Ort zusammen. Masdar wird ein wichtiger Knotenpunkt von Forschung, Entwicklung und des Marketings. Hier kommen mehrere Aspekte zusammen: Das Kapital ist vorhanden, die Infrastruktur, hier wird es die Arbeitskräfte geben. Hier werden die besten Köpfe in einer Universität vereint, die der Erforschung der nachhaltigen Technologien gewidmet sind.

In London und am Golf

Die Demonstrationsobjekte der One Planet Initiative des WWF befinden sich derzeit zur Hälfte in London. Das grösste Projekt allerdings befindet sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten
BedZED ist das erste und immer noch grösste Ökodorf in Grossbritannien. Die Siedlung im Süden Londons wurde 2002 eröffnet und bietet hundert Wohnungen und Büros.
Die Londoner Olympischen Spiele sollen wenig Kohlendioxid freisetzen und keinen Abfall produzieren.
Masdar soll die erste Stadt der Welt werden, die ihre Energie selbst herstellt, kohlendioxidneutral ist und keinen Abfall produziert. Insgesamt 50000 Menschen sollen in der Stadt bei Abu Dhabi leben, 900000 Menschen hier arbeiten. Das Emirat Abu Dhabi investiert 22 Milliarden Dollar, davon 15 Milliarden aus eigenen Mitteln. Der Bau der Stadt hat Anfang 2008 begonnen.
Mata de Sesimbra ist ein Tourismusprojekt in Portugal, in das das Entwicklungsunternehmen Pelicano 1,1 Milliarden Euro investiert. Auf 5300 Hektaren, von denen 4800 Hektaren der Natur überlassen werden, sollen hier 5000 Hotels, Wohnungen und Läden und 11000 Arbeitsplätze entstehen.
Zeist ist ursprünglich eine landwirtschaftliche Forschungseinrichtung, die vom WWF Niederlande zwischen 2003 und 2006 zu seinem Bürogebäude umgebaut worden ist. Es ist kohlendioxidneutral.
Z-squared ist ein Konzept für eine Ökosiedlung in London mit 2000 Wohnungen und 5000 Bewohnern in London.

Steffen Klatt: Trotzdem: Die typische Stadt der heutigen Welt ist nicht Masdar, sondern etwa Schanghai, rasant wachsende Riesenstädte mit einem enormen Verschleiss an Ressourcen aller Art. In vielen dieser Städte wird das Geld fehlen, die Lehren Masdars umzusetzen.

Eduardo Goncalves: Städte sind wahrscheinlich für den grössten Teil des ökologischen Fussabdrucks der Menschheit verantwortlich. Und die Welt verstädtert immer mehr. 2008 lebten erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. 2050 sollen bereits doppelt so viele Menschen in Städten leben wie heute, 7 Milliarden anstelle von 3,5 Milliarden Menschen. Der Anteil der Städter an der Weltbevölkerung betrüge dann 70 Prozent. Wir müssen also rasch beginnen zu überlegen, wie wir damit umgehen sollen. Und irgendwo muss man beginnen. Masdar bedeutet riesige Investitionen. Daraus werden viele Ideen, Technologien und Führungsmethoden hervorgehen. Auch die Kosten der Technologien werden sinken aufgrund des Massstabs, in dem hier Forschung und Produktion betrieben werden sollen. Das wird auch anderswo zu spüren sein. Wir müssen aber Lehren aus Masdar ziehen und anderswo anwenden.

Steffen Klatt: Die Liste der Projekte der „One Planet Initiative“ scheint sehr kurz zu sein. Masdar ist eines davon, aber es gibt nur wenige andere. Warum?

Eduardo Goncalves: Wir wollten uns erstens auf grosse Projekte konzentrieren, zweitens auf verschiedene Projekte in verschiedenen Teilen der Welt, und drittens auf unterschiedliche Typen von Projekten. Wir brauchen ein Portfolio von Projekten, die wir vorweisen können. Dazu sollen auch Tourismusprojekte gehören, wie sie derzeit überall auf der Welt entstehen. Wir arbeiten auch mit Unternehmen zusammen, um deren Produktion nachhaltig zu gestalten, etwa mit einem grossen Hersteller von Mobiltelefonen. Wir entwickeln Instrumente, mit denen Konsumenten die richtige Wahl treffen können. Wir haben auch einen Reiseplaner auf unserer Internetseite. Sie zeigt etwa, was für einen enormen Unterschied es macht, mit dem Zug etwa von Zürich nach London zu fahren statt mit dem Flugzeug zu fliegen – und wie man mit dem Zug von Zürich nach London kommt.

Steffen Klatt: Projekte wie Masdar oder Ihr Tourismusprojekt in Portugal wirken auf den ersten Blick sehr technisch. Ist Nachhaltigkeit nicht mehr als Technik?

Eduardo Goncalves: Viel mehr. Wir haben zehn Prinzipien, mit denen wir Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen – Umweltschutz, Wirtschaft und Soziales - bestimmen. Dabei geht es nicht nur um solche, die einen engen Bezug zum ökologischen Fussabdruck haben, zur Emission von Kohlendioxid, zum Verbrauch von Wasser und Rohstoffen. Es geht auch um fairen Handel, Kultur, Glück, gesunde Lebensweise. Wir entwickeln auch Kriterien und Ziele für diese Bereiche. Es ist nicht leicht, sie zu quantifizieren. Aber sie müssen alle berücksichtigt werden, um eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen.

Steffen Klatt: Sind die sozialen Kriterien in Ihrem Vorzeigeprojekt Masdar erfüllt?

Eduardo Goncalves: Das Projekt der Ökostadt Masdar erfüllt alle Kriterien. Es gibt Ziele, die erfüllt werden müssen. Die Arbeitsverhältnisse sind in diesem Teil der Welt ein Thema. Wir haben mit Masdar vereinbart, dass die Minimum-Standards der Internationalen Arbeitsorganisation erfüllt werden müssen. Das gleiche gilt für Lebensmittel: Biologische Lebensmittel müssen hier angeboten werden. Es geht auch darum, wie die Menschen hier in das Projekt einbezogen werden können.

Steffen Klatt: Nachhaltigkeit scheint in der Geschäftswelt Mode geworden zu sein. Sind es mehr als Lippenbekenntnisse?

Eduardo Goncalves: Ich denke, ja. Nachhaltigkeit ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit geworden. Viele Unternehmen haben bemerkt, wie stark ihre Ressourcen beschränkt sind. Sie müssen deshalb planen, wie sie Verschwendung und Ineffizienz aus ihren Abläufen herausnehmen können. Die Unternehmen sehen auch, dass es einen Markt für Nachhaltigkeit gibt, und dass sie in diesen Markt hineingehen müssen, bevor es zu spät ist. Auch das Emirat von Abu Dhabi entwickelt Masdar, weil es gesehen hat, dass hier eine Nische ist. In diese Nische ist Abu Dhabi hineingestossen, und das kann man nur begrüssen. Wir müssen zeigen, dass Nachhaltigkeit auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Eines der interessanten Aspekte des portugiesischen Projekts ist die Tatsache, dass die dortigen Häuser genauso viel kosten wie traditionell gebaute und ökologisch nicht nachhaltige Häuser. Das ist ein wichtiger Durchbruch. Früher mussten wir sagen, dass ökologisch nachhaltige Häuser langfristig rentieren. Jetzt können wir sagen, dass sie vom ersten Tag an rentieren. Damit verschwinden viele Schranken für die Verbreitung von Nachhaltigkeit.

Steffen Klatt: Ändert die Krise etwas daran?

Eduardo Goncalves: Ich denke nicht, eher im Gegenteil. Die Leute haben gemerkt, dass im eigenen Umgang mit Ressourcen eine erhöhte Effizienz sinnvoll ist. Die Zukunft dreht sich um die Investition in Technologien, die mehr aus weniger machen. Die Krise ist sehr ernst, ohne Zweifel. Aber gleichzeitig findet eine sehr viel tiefere und ernstere ökologische Kreditklemme statt. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann geraten wir in eine viel tiefere und ernstere Krise als wir sie jetzt erleben. Deshalb brauchen wir ein Geschäftsplan für eine globale Volkswirtschaft, die mit einem Planeten auskommt.

Steffen Klatt: Kann die gegenwärtige Krise den Wandel hin zur Nachhaltigkeit beschleunigen?

Eduardo Goncalves: Diese Krise ist mehr eine Möglichkeit als eine Gefahr. Viele Unternehmen merken, dass sich die Dinge zum Besseren wenden.


Zur Person:

Eduardo Goncalves ist weltweiter Koordinator der WWF-„One Planet Initiative“.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren