Das Stromauto zum Mitnehmen

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Anna van Ommen, London 03.03.09
Bookmark and Share
Stichworte:       

Londons exzentrischer Bürgermeister Johnson will die Themsestadt zur „Elektro-Hauptstadt Europas” machen. Er plant einen Verleih von Stromautos. Allerdings braucht er dafür Geld von der Regierung und die Zustimmung der Stadtbezirke. Vorbild für Johnson ist Paris, das nach dem guten Start der Leih-Velos das Leih-Stromauto einführt.

Londons Bürgermeister Boris Johnson hat Grosses vor. Der 44-Jährige mit dem wüsten blonden Haarschopf will seine Stadt führend beim umweltfreundlichen Nahverkehr machen. Wenn es nach den Plänen des Bürgermeisters geht - selbst ein eifriger Radler -, wird London nächstes Jahr rund 6.000 Leihräder erhalten. Mit Leih-Stromautos soll es weitergehen.

Konservativer denkt grün

Der Konservative Boris Johnson, seit 2008 im Amt, bemüht sich schon länger, London zur grünen Vorzeigestadt zu machen. Dabei war er einstmals in seiner Rolle als Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Spectator” gar nicht so vom Klimawandel überzeugt. Der frotzelnde Londoner mit Oxford-Bildung und illustren Familienbeziehung zur Türkei und dem britischen Königshaus sprach früher gern abwertend von der „Klimareligion”. Inzwischen hat sich der 44-Jährige offenbar bekehren lassen. „Wenn sich das Klima wandeln kann, warum sollte sich nicht auch meine Meinung wandeln können?” erklärte Johnson jüngst.

Seine neue Umwelt-Initiative bringt Vertreter der Auto- und Energie-Industrie sowie der kommunalen Verwaltungen an einen Tisch. Mit „Londons Elektrowagen-Partnerschaft” will er die Weichen für die spritfreien Ambitionen der Stadt stellen. Dabei soll zunächst die Technologie inklusive Infrastruktur für Aufladestationen der Batterie betriebenen Fahrzeuge getestet werden. Ganz neu ist das übrigens in London übrigens nicht: Daimler testet seit gut einem Jahr hundert Stromsmarts in der britischen Hauptstadt. Auch die Polizei fährt einige der deutschen Stromflitzer.

Regierung soll zahlen

Einen Starttermin für die grünen Leihwagen gibt es noch nicht. Johnson braucht vor allem finanzielle Unterstützung von der Labour-Regierung. So will er Verkehrsminister Geoff Hoon dazu bewegen, London ein „beträchtliches Stück” des 250 Milliarden Pfund (280 Milliarden Euro/ 414 Milliarden Franken) schweren Förderungsprogramms für Elektrofahrzeuge zuzuschanzen. Bis zu zehn Niedrig-Emissionszonen innerhalb der Stadt werden ebenfalls in Erwägung gezogen. Das hat London auch bitter nötig. Die Luftqualität ist so schlecht, dass der britischen Regierung der Prozess droht, falls sich die Luft bis zu den Olympischen Sommerspielen 2012 nicht wesentlich verbessert.

Bei der praktischen Umsetzung der Stromauto-Initiative orientiert sich Johnson an Paris. Die französische Hauptstadt will nach dem Erfolg des öffentlichen Radverleihs Vélolib nächstes Jahr Autolib einführen. Damit können Nutzer ein Elektro-Auto stundenweise leihen und an verschiedenen, über die Stadt verteilten Stationen abholen und nach Gebrauch wieder abliefern. „Autolib” ein Wortkonstrukt aus „auto” und „liberté” (Freiheit) soll den Parisern eine Alternative zum eigenen Wagen bieten. Als Vorbild gilt das bereits erfolgreich eingesetzte Vélolib: Inzwischen gibt es in der Pariser Innenstadt rund 1.200 Stationen mit je 15 bis 20 Rädern. Autolib soll in Paris nach dem gleichen Prinzip wie der französische Fahrradverleih funktionieren. Gegen eine Kaution, die zunächst per Kreditkarte abgebucht wird, können die Nutzer einen von rund 4.000 Elektrowagen an 700 Stationen abholen oder abliefern.

Kulturwandel beim Autogebrauch

Im Gegensatz zum Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë kann Boris Johnson allerdings nicht über die ganze Stadt verfügen. Er muss sich die Zustimmung von über 32 Stadtbezirken Londons einholen. Die könnten sich querstellen, wenn bestehende lukrative Parkplätze den Elektrowagen-Stationen weichen müssen. Aber auch in Paris stossen die Elektroflitzer nicht nur auf Zustimmung. Mitglieder der französischen Grünen befürchten, Autolib werde mehr Pariser zum Autofahren animieren und den Verkehr eher noch mehr belasten. Eine Studie von Autoteilete-Anbietern wie Zipcar hat allerdings ergeben, dass für jedes neue Elektro-Auto etwa vier bis zwanzig herkömmliche Wagen von der Strasse genommen werden. So haben Autoteilete-Initiativen offenbar zu einer neuen Kultur des Autogebrauchs führt. Das Auto wird nicht mehr als Eigentum, sondern als Dienstleistung gesehen. Passenderweise wirbt Autolib mit dem Slogan „une voiture juste quand il faut” - ein Auto nur dann, wenn man es braucht.

 

Bild: Die Londoner Polizei fährt schon heute probeweise Stromsmarts (smart).

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren