Bauern, wacht auf!

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Geschrieben von: Philipp Aerni, ETH Zürich 03.03.09
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Momentan werden Bauern wie Patienten behandelt, die wegen des globalen Wettbewerbs auf dem Krankenbett gelandet sind. Innovative Technologien und unternehmerisches Denken stehen nicht zur Debatte und Direktzahlungen sind Trumpf. Ein Plädoyer dafür, Nachhaltigkeit neu zu definieren und sich von Neuseeland etwas abzuschauen.Die meisten Mitgliedstaaten der Welthandels-Organisation (WTO) würden heute behaupten, die Ziele einer nachhaltigen Landwirtschaft verfolgen zu wollen. Dabei wird nachhaltige Landwirtschaft nicht primär durch wissenschaftliche Erkenntnisse definiert, sondern auch durch öffentliche Einstellungen sowie einflussreiche politischen Interessen. Die jeweilige Definition der nachhaltigen Landwirtschaft ist politisch von zentraler Bedeutung. Insbesondere dann, wenn ein Land leicht handelsverzerrende staatliche Agrarsubventionen innerhalb des Agrarabkommens der WTO als Mittel zur Behandlung von ‚Non-Trade Concerns’ (Nicht-handelsbezogene Interessen) zu deklarieren versucht. Solche Subventionen gelten als legitime Green Box Schutzmassnahmen im Agrarabkommen und sollen nicht zuletzt der Erhaltung der nachhaltigen Landwirtschaft dienen. Oftmals ist es jedoch nicht klar, ob diese Subventionen effektiv die Nachhaltigkeit verbessern oder ob sie einfach ihre Verteilung hauptsächlich den etablierten Interessengruppen in der Politik dient.

Neuseeland hat liberalisiert

In unserer Studie wurde die Wahrnehmung von verschiedenen Interessengruppen zur nachhaltigen Landwirtschaft in der Schweiz und Neuseeland untersucht. Beides sind entwickelte Länder mit ähnlichen Werthaltungen, doch sehr unterschiedlichen Ansätzen in der Agrarpolitik. Die Schweiz schützt seine Bauern vor dem internationalen Wettbewerb weitgehend und versucht mittels des Konzeptes der Multifunktionalität eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Neuseeland hingegen hat seinen landwirtschaftlichen Sektor in den 1980er Jahren fast vollständig liberalisiert und die Agrarpolitik konzentriert sich heute fast ausschliesslich auf die Stärkung von Institutionen, welche es den Bauern ermöglicht, international erfolgreich und zugleich innovativer im Umweltmanagement zu werden.
Die Umfragen mit Interessenvertretern (stakeholders), welche an der öffentlichen Debatte um eine nachhaltige Landwirtschaft direkt oder indirekt beteiligt sind, wurden in Neuseeland und der Schweiz im Jahre 2006 durchgeführt. Die relevanten Interessenvertreter wurden mit Hilfe von Schlüsselinformanten ausgewählt. In beiden Ländern haben sich schliesslich rund 40 Interessenvertreter an dieser Umfrage beteiligt (Rücklaufquote war in beiden Umfragen über 80%). Die Teilnehmenden wurden mittels eines halbstandardisierten Fragebogens dazu aufgefordert, ihre Wahrnehmung einer nachhaltigen Landwirtschaft darzulegen sowie die übrigen Interessenvertreter in der öffentlichen Debatte bezüglich ihres politischen Einflusses und ihrer Position im politischen Netzwerk einzuschätzen.

Für Schweizer ein Problem

Die Ergebnisse der zwei Umfragen zeigen, dass der wirtschaftliche und technologische Wandel in der Schweiz als Problem der nachhaltigen Landwirtschaft identifiziert wurde, während er in Neuseeland als Chance betrachtet wird. Die Konservierungshaltung in der Schweiz erklärt auch, wieso die finanzielle Unterstützung für eine nachhaltige Landwirtschaft hauptsächlich dem Biolandbau zu gute kommt, während die öffentliche Agrarforschung und Innovationen im Privatsektor bei der Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft eher eine untergeordnete Rolle spielen. In Neuseeland steht man dem Biolandbau als Nischenmarkt ebenfalls positiv gegenüber, doch glaubt man dort, dass die Umweltprobleme in der Landwirtschaft nur in Kombination mit der Nutzung von neuen Technologien und der Förderung von unternehmerisch denkenden und innovativen Bauern gemeistert werden kann.
Viele Schweizer Interessensvertreter würden argumentieren, dass Neuseeland eine andere Geschichte und deren Politik nicht auf die Schweiz übertragbar sei. Die Resultate der politischen Netzwerkanalyse unserer Studie scheinen diese Annahme zu bestätigen; denn die vorherrschend progressive Wahrnehmung bezüglich einer nachhaltigen Landwirtschaft in Neuseeland ist in der öffentlichen Debatte in der Schweiz kaum bis gar nicht vertreten.
Dennoch verfolgte die Schweiz im 19. Jahrhundert eine Agrarpolitik, die derjenigen von Neuseeland im 21. Jahrhundert sehr ähnlich ist. Damals hat die Schweizer Agrarpolitik auf den rasanten Globalisierungsschub nicht defensiv sondern offensiv reagiert. Mit der Gründung der landwirtschaftlichen Forschungsanstalten versuchte man, die Bauern bei der Lösung von konkreten Problemen zu unterstützen und entwickelte zugleich neue Agrargüter und Dienstleistungen, welches es den Schweizer Bauern erlaubte, die natürlichen Ressourcen effizienter zu nutzen und mehr Einkommen zu generieren.
Die Situation ist heute anders. Die hohe Kapitalintensität und die Produktivität der Schweizerischen Landwirtschaft sind nicht durch den Druck der globalen Marktkräfte entstanden. Sie sind aufgrund von produktionsgebundenen Subventionen und heute vermehrt auch durch Direktzahlungen zustande gekommen. Eine nachhaltige Landwirtschaft in einem industrialisierten Land kann sich jedoch nicht nur auf den Empfang von staatlichen Beiträgen beschränken, sondern muss lernen, durch Innovation in der Produktion, der Produktqualität und im Marketing in Eigenverantwortung zu wachsen und zugleich die natürlichen Ressourcen nachhaltiger zu nutzen.
Der Gebrauch von neuen Technologien wird im Schweizer Kontext aber hauptsächlich als Mittel zur Produktivitätssteigerung und nicht als Beitrag zur nachhaltigen Landwirtschaft angesehen. Wertschöpfung der Landwirtschaft hingegen wird fast ausschliesslich mit einer Nahrungsmittelqualitätssteigerung durch Bioprodukte in Verbindung gebracht. Die Bewirtschaftungsmethode selbst führt aber nicht zwangsläufig zu einer Geschmacks- oder Umweltverbesserung, wenn nicht auch Gebrauch gemacht wird von Innovationen im Bereich Ressourcenmanagement und Technologie.

Früher hat's funktioniert

Der Fall Neuseeland zeigt, dass der Einsatz von neuen Technologien (Präzisionslandwirtschaft, Biotechnologie) sowohl die Nahrungsqualität steigern, als auch die Umwelt schonen kann. Die Schweiz könnte von dieser Erfahrung lernen und die Rolle der technologischen Innovation in der nachhaltigen Landwirtschaft neu definieren. Sie würde somit zu den erfolgreichen Wurzeln der Schweizerischen Agrarpolitik des 19. Jahrhunderts zurückkehren. Dies bedeutet aber nicht, dass die Schweizer Regierung die Bauern nicht mehr unterstützten sollte, sondern dass dies lediglich in einer wirksameren Weise geschehen könnte.
Momentan werden die Bauern wie Patienten behandelt, die wegen des globalen Wettbewerbdrucks auf dem Krankenbett gelandet sind. Doch was die Bauern und Bäuerinnen tatsächlich bräuchten, ist eine Regierung, die sie tatkräftig in ihren unternehmerischen Aktivitäten unterstützt. Es geht dabei um Wissenstransfer, grosszügige Innovationspreise, Coaching beim Aufbau von neuen Agrarbusiness-Ideen sowie die Förderung von praxisrelevanter Landwirtschaftforschung. Sicher gibt es bereits viele regionale Initiativen zur Förderung des ländlichen Unternehmertums und auf föderaler Ebene werden sogar neuerdings Umschulungsprogramme für Bauern offeriert, doch sind es meistens die relativ sicheren und grosszügigen Direktzahlungen sowie der Mangel an kompetentem Coaching, welche verhindern, dass die neuen Möglichkeiten ernsthaft in Betracht gezogen werden. Somit investiert auch die Privatwirtschaft kaum in die Landwirtschaft.

Die Privatwirtschaft beisst nicht

Der Bund könnte den Forschern an den Agrarforschungsinstituten auch vermehrt Anreize geben, enger mit den Bauern und der Privatwirtschaft zusammen zu arbeiten, damit die Wissensproduktion effektiver in neue nachhaltige Agrargüter und Dienstleistungen umgewandelt werden. Dabei hätte gerade die Kombination von Biolandbau und neuen Technologien ein enormes ökonomisches und ökologisches Potential.
Dies wird jedoch kaum geschehen, solange diese alternative Sichtweise von nachhaltiger Landwirtschaft in der öffentlichen Diskussion in der Schweiz nicht vertreten ist. Dabei zeigen gerade die Resultate der Umfrage, dass viele Schweizer Interessensvertreter eigentlich die potentielle positive Rolle von neuen Technologien (i.e. Präzisionslandwirtschaft), des Technologietransfers und des Privatsektors für eine nachhaltige Landwirtschaft erkennen würden.
Auch wenn es keine einflussreiche Lobby für einen innovativen Nachhaltigkeitsansatz gibt, so besteht dennoch Hoffnung in der Tatsache, dass oftmals der Gesinnungswandel eines einzelnen einflussreichen Akteurs die ganze politische Debatte verändern und erneuern kann. In Neuseeland waren es die Bauern und Bäuerinnen unter der Führung der „Federated Farmers“, welche in den 80er Jahren die landwirtschaftliche Reform durch ihre politische Unterstützung ermöglichten und in Gang setzten. Die politische Netzwerkanalyse unserer Untersuchung zeigt, dass der Schweizer Bauernverband der zentrale Akteur in der Schweizer Landwirtschaftsdebatte ist. Würde sich dieser, wie damals die Federated Farmers, entscheiden, von der defensiven Position Abschied zu nehmen und im Namen der Bauern für eine innovationsfördernde Agrarpolitik einzutreten, so könnte die Erneuerung der Landwirtschaft auch in der Schweiz geschehen.
Eine innovationsorientierte und offenere Agrarpolitik würde die Schweizer Landwirtschaft mit dem WTO Agrarabkommen kompatibler machen und gleichzeitig der Regierung erlauben, Kleinbauern in den Bergregionen, die durch ihre Bewirtschaftung sowohl die Lebens- als auch die Umweltqualität in der jeweiligen Region verbessern, gezielter zu unterstützen (durch Greenbox-Massnahmen). Die konkurrenzfähigeren Bauern in den unteren Regionen sollten jedoch vermehrt dazu ermutigt werden, sich von den Direktzahlungen zu emanzipieren und vermehrt unternehmerisch zu denken. Zusammen mit Partnern an Forschungsanstalten und im Privatsektor könnten sie vermehrt nachhaltige Innovation schaffen. Dies würde zu einer Erneuerung der Schweizerischen Landwirtschaft führen von der letztendlich auch die Umwelt und die Gesellschaft profitieren würden!

Zur Person:
Philipp Aerni hat seinen Abschluss in Geografie und Wirtschaft an der Universität Zürich 1996 gemacht und erlangte seinen Doktortitel in Agricultural Economics an der ETH Zürich 1999. Nicht zuletzt Aufenthalte in Cambrigdge (USA), Spanien und verschiedenen Staaten Afrikas sowie Lateinamerikas zu einem Experten nachhaltiger Landnutzung und innovativer Entwicklungspolitik. Aerni ist Mitbegründer der Initiative “Africa Technology Development Forum” (ATDF), das Unternehmertum in Sambia fördert.

 

Weiterführende Literatur:

Aerni, P. (2009) What is sustainable agriculture? Empirical evidence of diverging views in Switzerland and New Zealand. Ecological Economics (Corrected Proof ).
Aerni, P., Rae, A. & Lehmann, B. (2008) Nostalgia versus Pragmatism? How attitudes and interests shape the term sustainable agriculture in Switzerland and New Zealand. Food Policy (corrected proof 2008).
Zugänglich auf folgender Internetseite:
http://www.afee.ethz.ch/people/aStelle/aernip/Publications

 

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