Bioenergie ist keine nachhaltige Lösung für die Energiezukunft. Ein aktuelles Gutachten kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Mitautorin Renate Schubert warnt vor blauäugiger Förderung der Bioenergie. Das nachhaltig nutzbare Potential ist gering. Biosprit sollte ganz gemieden werden. Bioenergie ist höchstens eine Übergangslösung, bis genug andere erneuerbare Energie zur Verfügung steht.
Yvonne von Hunnius: Sie haben das Gutachten als Präsidentin des Wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WGBU) mitverfasst. Welche Ergebnisse hat der Auftraggeber denn überhaupt nicht gern gehört?
Renate Schubert: Eines unserer Ergebnisse ist, dass Biokraftstoffe besonders der ersten Generation – wie Biodiesel aus Raps oder Bioethanol aus Mais – nicht gut geeignet sind, um in nachhaltiger Weise das Klima zu schützen. Auch Biokraftstoffe der zweiten Generation sind nicht zwingend besser – nur dann, wenn mehrjährige tropische Pflanzen wie Zuckerrohr oder Ölpalme genutzt werden und wenn das ganze auf möglichst ungenutztem Land angebaut wird, besteht Aussicht auf positive Effekte.
Yvonne von Hunnius: Warum bleibt die Politik dann immer noch mit Förderprogrammen auf Bioenergie-Kurs?
Renate Schubert: Das Problem momentan ist, dass man noch am klassischen Verbrennungsmotor festhält. Der WBGU empfiehlt eine Förderung der Elektromobilität; doch das beinhaltet eine starke Veränderung des Kraftfahrzeug-Sektors. Und eine solche Veränderung ist angesichts einer starken Auto-Lobby nicht leicht politisch durchsetzbar. Ausserdem will man auch in einem Jahr, in dem grosse Wahlen anstehen, niemanden verärgern und in der Krise die Automobilbranche nicht noch zusätzlich belasten. Doch der wissenschaftliche Konsens darüber, dass Biokraftstoffe keine sehr sinnvolle Nutzungsform von Biomasse sind, ist so gross, dass nach den Wahlen die Diskussion sicher wieder aufgenommen wird.
Yvonne von Hunnius: Ältere Gutachten kommen zu Ergebnissen, die die Bioenergie-Förderung unterstützen. Was haben Sie anders gemacht?
Renate Schubert: Eine Potentialanalyse von Bioenergie, die eine umfassende Nachhaltigkeit als explizite Nebenbedingung hat, lag bisher nicht vor. Und das Ergebnis ist überraschend: Cirka zehn Prozent der Energienachfrage im Jahr 2050 könnten durch Bioenergie gedeckt werden - das ist weniger, als vielfach erhofft. Wir kommen auf diesen niedrigen Prozentsatz, weil wir bei der Analyse sowohl bei der Produktion als auch beim Einsatz der Biomasse auf Nachhaltigkeit geachtet haben. Bioenergie kann einerseits aus der Nutzung von Energiepflanzen, die extra angebaut werden, gewonnen werden. Und andererseits aus Rest- und Abfallstoffen. Letzteres ist im Hinblick auf die Nachhaltigkeit unproblematisch, allerdings auch nicht sehr ergiebig in Sachen Energie. Bei Bioenergiepflanzen hat man jedoch sofort die Nutzungskonkurrenz für Böden mit der Nahrungsmittelproduktion, der Biodiversität, der Qualität von Wasserressourcen und Ähnlichem. Will man Biomasse nachhaltig, das heisst unter Vermeidung solcher Nutzungskonkurrenzen produzieren, bleibt nicht mehr viel Boden übrig, auf dem Energiepflanzen angebaut werden könnten. Das Gutachten: Bioenergie steht im Fokus des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), das am 26. Februar in der Schweizer Botschaft Berlin vorgestellt wurde. Zum ersten Mal liegt hiermit eine Analyse des Potentials von Bioenergie vor, die unter nachhaltigen Gesichtspunkten die Chancen und Risiken der Bio-Energieträger aufführt. Zwar von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegeben, liess sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel nicht davon abbringen, Bioenergie weiter zu fördern. Der Beirat rät davon ab, ab 2010 Biokraftstoff dem Sprit mit 2,62 Prozent beizumischen und hat hierdurch nach der Kurzpräsentation der Ergebnisse Ende 2008 eine rege Diskussion entfacht. Der WBGU sieht Bioenergie mit einem Potential von zehn Prozent prinzipiell als sinnvoll an, doch lediglich als Brückentechnologie. Wenn die Nahrungsmittelproduktion ab Mitte dieses Jahrhunderts wegen der steigenden Weltbevölkerung wieder mehr Land bräuchte, sei es kaum mehr möglich, in grossem Massstab Bioenergiepflanzen anzubauen. Energie aus Reststoffen bewertet er als unbedenklich, doch wenig ergiebig. Ältere Prognosen haben im Übrigen vielfach indirekte Landnutzungsänderungen nicht beachtet. Sie haben also nicht gesehen, dass der Ersatz von Agrarprodukten durch Bioenergiepflanzen auf einer Fläche Verdrängungseffekte mit sich bringt, wie etwa das Abholzen von Waldflächen für den Anbau der von den Energiepflanzen vertriebenen Agrarprodukten. Solche Verdrängungseffekte sind natürlich bezüglich der Klimaveränderung dramatisch.
Yvonne von Hunnius: Sie raten also ausschliesslich dazu, Rest- und Abfallstoffe zu nutzen…
Renate Schubert: Wir differenzieren. Im Hinblick auf die Nutzung der Biomasse ist es sinnvoller, Bioenergie statt Kohle zu nutzen. Interessant ist, dass die Klimaschutzwirkung bei einer Verstromung der Biomasse doppelt so hoch ist wie die Wirkung, die erzielt wird, wenn man Biomasse als Kraftstoff oder nur zur Wärmeerzeugung nutzt. Deshalb unser Fokus auf die Elektromobilität. Yvonne von Hunnius: Wie könnte sich Bioenergie in den kommenden hundert Jahren entwickeln?
Renate Schubert: Das Potential von Bioenergiepflanzen ist relativ gross in Mittel- und Südamerika. In Afrika südlich der Sahara, Europa, Nordamerika und China bestehen auch gute Möglichkeiten. Doch der WBGU geht davon aus, dass die Nahrungsmittelproduktion ab 2030 um bis zu 50 Prozent gesteigert werden muss – dies liegt vor allem an der erwarteten demografischen Entwicklung. Deshalb kann Bioenergie ohnehin nur eine Brückentechnologie sein: In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts muss der Anbau von Energiepflanzen zurückgehen, um die Böden stärker für die Nahrungsmittelproduktion nutzen zu können. Bis dorthin müssten wir in der Entwicklung der Solarenergietechnik so weit gekommen sein, dass diese die Bioenergie ersetzen kann.
Yvonne von Hunnius: 90 Prozent der Bioenergienutzung findet traditionell statt – das bedeutet zum Beispiel, dass in ärmeren Gesellschaften schlichtweg Holz verbrannt wird. Wie kann man hier Klimaschutz fördern?
Renate Schubert: Es ist wichtig, die Klimaschutzwirkung der traditionellen Nutzung und auch die bessere Energieversorgung ärmerer Länder im Blick zu haben. Auch die Verbesserung der Lebensqualität spielt eine wichtige Rolle, denn vielfach werden Ernteabfälle, Dung oder Holz in einer Weise verbrannt, die die Gesundheit der Bevölkerung schädigt. Bioenergienutzung wird weiterhin stattfinden, doch es muss für Umwelt- und Menschenverträglichkeit gesorgt werden. Hierfür ist ein massiver Technologietransfer von Nord nach Süd nötig.
Yvonne von Hunnius: Sie plädieren nicht dafür, dass stattdessen Atomkraftwerke gebaut werden?
Renate Schubert: Mal abgesehen von den Risiken, die damit verbunden sind, könnten Atomkraftwerke den weltweiten Bedarf nicht innerhalb eines sinnvollen Zeitraums decken. Die Energieausbeute der Atomkraftwerke ist, verglichen mit den Investitionskosten, sehr gering.
Yvonne von Hunnius: Wie können die alternativen Energieformen besser gefördert werden. Erwarten Sie Impulse vom Klimagipfel in Kopenhagen?
Renate Schubert: Es ist zu hoffen, dass man einerseits Geld für die Förderung von Bio- und Solarenergie bereitstellt und dass andererseits die Nutzung fossiler Energieträger künftig „bestraft“ wird. Sorgt man für eine angemessene Verteuerung der fossilen Energieträger, kann man sich sogar viele Fördermassnahmen für alternative Energieformen schenken.
Yvonne von Hunnius: Der WBGU vertritt die Meinung, Bioenergienutzung nicht mehr mit Nullemission gleichzusetzen. Wieso?
Renate Schubert: In der Kyoto-Regelung ist festgeschrieben: Bioenergienutzung ist CO2-frei. Das ist jedoch falsch. Wenn etwa spezielle Pflanzen neu angebaut werden, dann verändert sich der Kohlenstoffgehalt des Bodens. Eine komplette, am Lebenszyklus orientierte Treibhausgasbilanz der Bioenergie wäre eigentlich notwendig – sie ist aber sehr aufwändig. Deshalblautet unsere pragmatische Forderung, das CO2, das beim Verbrennen, Verarbeiten oder Nutzen der Bioenergie freigesetzt wird, als Kenngrösse für die Emissionen der Bioenergie zu verwenden.
Yvonne von Hunnius: Wenn schon Biosprit, dann wenigstens nachhaltig hergestellt. Wie weit sind die Pläne eines Nachhaltigkeitszertifikats?
Renate Schubert: Man muss sich zunächst auf Kriterien für die Zertifizierung einigen; da gibt es schon gute Initiativen wie den Round Table Bioenergy in der Schweiz. Nicht trivial ist die Festsetzung von Standards: Es sollten Mindeststandards definiert werden, die Biokraftstoffe erfüllen müssen. Bei sehr guten Werten in Punkto Nachhaltigkeit könnte es dann sogar auch eine staatliche Unterstützung geben. Eine solche Zertifizierung erscheint praktikabel. Man könnte mit Europa beginnen und die Zertifizierung dann Schritt für Schritt ausweiten.
Yvonne von Hunnius: Welche Forderungen leiten Sie aus dem Gutachten ab?
Renate Schubert: Erstens macht Bioenergie nur Sinn, wenn sie nachhaltig produziert wird und hierfür müssen geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zweitens macht sie besonders viel Sinn, wenn die Biomasse verstromt wird und darauf sind die Anwendungsgebiete auszurichten, beispielsweise was Elektromobilität betrifft. Drittens muss mehr Nachhaltigkeit bei der Gewinnung von Bioenergie dafür sorgen, dass die Entwicklungsländer auch zu den Gewinnern der Bioenergie werden, weil sie direkt durch einen höheren Lebensstandard profitieren und als Verkäufer von nachhaltig produzierter Biomasse auch zusätzliche Einkommen generieren können.
Zur Person: Renate Schubert ist seit 2004 Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), dem sie seit 2000 angehört. Die Professorin für Nationalökonomie leitete zwischen 1993 und 2006 das Institut für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich. Seit 2007 ist sie Vizepräsidentin des Nord-Südzentrums der ETH. Sie publizierte Arbeiten in den Bereichen Entscheidungs-, Risiko- und Versicherungsforschung, Energie- und Umweltökonomie, Frauenforschung sowie Studien über Probleme von Entwicklungsländern.
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