Reis für die Welt

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Geschrieben von: Ruth Reichstein, Los Banos 26.02.09
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Los Banos – Reis ist das Grundnahrungsmittel für Milliarden Menschen. Das Internationale Reisforschungsinstitut bei Manila züchtet Sorten, die gegen Krankheiten, Kälte und Überschwemmungen resistent sind. Ausserdem führt es die grösste Reisdatenbank der Welt mit mehr als 100000 Sorten. Sie hat bereits Kambodscha vor dem Hungertod bewahrt.

60 000 Hektar Reis retten! Eine Milliarde Euro Einkommen sichern und Tausende Menschen vor Hunger bewahren! Solche Aussichten klingen gerade jetzt während der Krise, in der es von schlechten Nachrichten nur so wimmelt, besonders verlockend. Und sie sind durchaus realistisch.

Sie kommen ausgerechnet von den Philippinen, einem der ärmsten Länder Asiens, in dem über 30 Prozent der Bevölkerung mit weniger als 80 Euro im Monat auskommen müssen. Aber hier wächst ein Pflänzchen Hoffnung: In der Hochebene südlich von Manila, in Los Banos, liegt das Internationale Reisforschungsinstitut – kurz IRRI. Und seine Wissenschaftler sind durchaus positiv gestimmt, wenn sie in die Zukunft blicken. „In fünf bis sechs Jahren können wir Reis züchten für jede Region der Welt, Reis, der gegen Krankheiten resistent ist, Kälte und Überschwemmungen erträgt oder Trockenheit überlebt“, sagt Sigrid Heuer. Die deutsche Molekularbiologin kam vor zwei Jahren auf die Philippinen und ist seitdem für eines der wichtigsten Forschungsprojekte des Instituts verantwortlich, der Kreuzung von traditionellen Reissorten, um sie resistent zu machen gegen die verschiedenen Stressarten, die in ihren Anbaugebieten vorkommen.

Neuer Reis trotzt Überflutung

Dass die Zukunftsaussichten Heuers nicht nur Traumvorstellungen sind, beweisen die aktuellen Forschungsergebnisse der Wissenschaftler aus der ganzen Welt, die auf den Philippinen zusammenarbeiten. Die erste dieser Anti-Stress-Reissorten ist nämlich bereits fertig, die Tests in den jeweiligen Ländern sind weitgehend abgeschlossen und der Reis soll in den kommenden Wochen bereits an Bauern verteilt werden. So könnten eben bis zu 60 000 Hektar Reis, die von Überflutungen bedroht sind, gesichert und damit auch Einkommen und der tägliche Reis der Bauern garantiert werden. IRRI verteilt den Reis kostenlos an die jeweiligen nationalen Reisforschungsinstitute, die ihn dann – ebenfalls gratis – an die Bauern weiterreichen. „Dieser Reis, der Überflutungen übersteht, ist unser erstes Beispiel. Bald soll daraus ein ganzes Baukastensystem werden“, sagt Heuer. Sie steht am Rand eines Feldes, das etwa so gross ist wie der Strafraum vor einem Fussballtor und blickt über die Reisähren, die sich sanft im warmen Tropenwind biegen.

Farbe und Geschmack müssen stimmen

In dem Feld, eines der Versuchslabore der Wissenschaftler, stehen mehrere viereckige Parzellen von Reis. Die Sorten tragen so klangvolle Namen wie Samba oder wissenschaftlich nüchterne wie die eigens von IRRI gezüchtete Sorte IR 42. Einige der Parzellen schauen recht traurig drein. Kaum eine der Reispflänzchen ist gewachsen, die Blätter sind braun. Andere dagegen, die mit dem Schild „plus Sub-1“ gekennzeichnet sind, sind grellgrün und stehen in bester Blüte. „Das sind die Sorten, in die wir das überflutungressistente Gen eingekreuzt haben. Wir nennen es Sub-1“, sagt Sigrid Heuer. Über Jahre hinweg haben die Wissenschaftler bei IRRI nach diesem Gen gesucht und es schliesslich mit Hilfe von Methoden aus der Genforschung isolieren können. „Bereits in den 70er Jahren haben Wissenschaftler versucht, überflutungsressistente Sorten, die vor allem in Indien und Sri Lanka vorkommen, mit anderen zu kreuzen. Aber dadurch hat sich die Reissorte grundlegend verändert. Die Körner verloren an Geschmack oder veränderten ihre Farbe.“ Deshalb konnte sich dieser Reis nie durchsetzen. Nun können die IRRI-Forscher nur ein einziges, nämlich das Sub-1-A-Gen in die anderen Reissorten einkreuzen und damit die unerwünschten Nebenwirkungen ausschliessen.

Grösste Reisdatenbank der Welt

Dass Aussehen und Geschmack nicht verändert werden, ist bei Reis besonders wichtig, denn obwohl das Korn in vielen Ländern als das billigste Grundnahrungsmittel gilt, haben die meisten Menschen gerade in Asien eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Reis. „In Laos muss der Reis rund und klebrig sein, sonst essen ihn die Leute nicht; hier auf den Philippinen dagegen mögen sie die langen Körner“, erklärt Ruaraidh Sackville Hamilton, der schon seit Jahrzehnten für IRRI arbeitet. Er weiss aus Erfahrung, wie eng in manchen Ländern die Beziehung zu den kleinen weissen Körnern ist. Oft ist es schon am Namen zu erkennen: „In Laos zum Beispiel heisst eine Reissorte 'schlechter Ehemann'. Ihr Geschmack soll so gut sein, dass die Frauen darüber den schlimmsten Mann vergessen. Eine andere Sorte trägt den Namen 'Drei Häuser' , weil ihr Duft angeblich so weit zu erschnuppern ist.“ In vielen asiatischen Ländern wie Japan, Malaysia oder auch den Philippinen bringen die Menschen sogar ihren Göttern Reisgerichte als Opfergaben in den Tempeln dar und in Japan wird der Reis nicht nur gegessen, sondern als Saki auch getrunken.

IRRI verwahrt all diese kulturell und wissenschaftlich wertvollen Schätze. Der britische Biologe Hamilton ist sozusagen ihr Wächter: Er ist verantwortlich für die grösste Reisdatenbank der Welt. In einem erdbeben- und bombensicheren Raum lagern bei bis zu Minus 19 Grad über 100 000 Reissorten aus der ganzen Welt. Züchter und Wissenschaftler können sich hier für ihre Experimente bedienen. „Jeder kann 50 Gramm von jeder x-beliebigen Reissorte bekommen, sie untersuchen und daraus neue Sorten entwickeln, die vielleicht Hunger in der Welt bekämpfen können“, sagt Hamilton.

Auf Spenden angewiesen

Sieben bis acht Jahre dauert die Züchtung einer neuen Reissorte im Durchschnitt, manche – wie die überflutungsresistente – ziehen sich aber über Jahrzehnte hin. IRRI ist deshalb auf langfristige und zuverlässige Geldquellen angewiesen. „Reis ist das wichtigste Nahrungsmittel im Kampf gegen den Hunger in der Welt. Da hat es uns schon sehr verwundert, dass einige Geberländer gerade in der Nahrungsmittelkrise im vergangenen Jahr plötzlich ihre Zusagen reduziert oder sogar abgesagt haben“, sagt Achim Dobermann, der Leiter der Forschungsabteilung von IRRI. Namen will er lieber keine nennen, aber weder Europa noch die USA kommen dabei besonders gut weg. IRRI ist – wie andere Nahrungsmittel-Forschungsinstitute auch – eine internationale Organisation, die sich nur aus Spenden speist. „In den vergangenen Jahren sind private Investoren immer wichtiger geworden“, sagt Dobermann. Kürzlich erst war der Microsoft-Gründer Bill Gates zu Besuch und – so Dobermann – beeindruckt.

China und Indien blockieren

Andere Länder sind weniger begeistert von der Arbeit der Forscher. Seit der UN-Konvention zur Artenvielfalt, die 1993 verabschiedet wurde, erkennen alle Mitgliedsstaaten an, dass Nutzpflanzen Eigentum des jeweiligen Landes sind. Bauern dürfen deshalb ihren Reis nur auf die Philippinen schicken, wenn ihre Regierung einverstanden ist. Einige Staaten wie etwa China und Indien verwehren diese Zustimmung. Ihr Reis lagert nicht in der Tiefkühltruhe von IRRI. Und das, obwohl in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen worden ist, dass diese Bestände ganze Länder vor Hungerkatastrophen bewahren können. So zum Beispiel Kambodscha. Während des Bürgerkriegs in den 70er Jahren zerstörten die Rebellen der Khmer Rouge die gesamten traditionellen Reisbestände des Landes und zwangen den Bauern eine einzige angeblich sehr ertragreiche Sorte auf. Nach dem Krieg stellte sich allerdings heraus, dass diese Sorte in Kambodscha nicht gedeihen wollte. Nur mit Hilfe der Datenbank von IRRI konnten die traditionellen Sorten wieder ausgesät und das Land vor einem Kollaps bewahrt werden.

 

Bild: Reisfeld beim Reisforschungsinstitut Los Banos

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