Wirtschaft braucht neue Regeln

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 24.02.09
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Basel – Die Krise ist eine Chance für eine Wende zur Nachhaltigkeit, sagt André Hoffmann. Die Wirtschaft braucht aus der Sicht des Vizepräsidenten des WWF International und des Verwaltungsrates des Basler Pharmaunternehmens Roche neue Regeln, um das gegenwärtige ökologische Defizit zu beenden. Gesucht wird ein neues Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Politik.

Steffen Klatt: Ist die gegenwärtige Krise aus Gier entstanden, aus einem Mangel an Nachhaltigkeit?

André Hoffmann: Es ist im nachhinein immer recht einfach zu sagen, was falsch gelaufen ist. Diese Krise ist noch nicht fertig. Gier im engen materiellen Sinn hat sicherlich eine äusserst negative Rolle gespielt. Aber Gier nach Erfolg spornt die Menschen an, weiterzugehen. Sie ist nicht immer negativ. Ein grosses Problem ist, dass wir schon heute die biologische Kapazität der Welt überschritten haben. In diesem Fall ist Gier etwas Kriminelles. Denn man eignet sich an, was eigentlich anderen Leuten gehört. Die einzige Möglichkeit, das zu ändern, ist eine Regulierung. Und diese Regulierung hat versagt.

Steffen Klatt: Hat sich nicht gerade die Wirtschaft gegen Regulierungen gewehrt? Im Zuge des Neoliberalismus wurden viele Regeln abgeschafft und die Rolle des Staates geschwächt.

André Hoffmann: Das ist die grosse Debatte. Die Politiker haben in den 50er Jahren versucht, die Wirtschaft zu regulieren. Das hat keinen Erfolg gebracht, und es folgte eine grosse Deregulierung, Jetzt ist man damit vermutlich zu weit gegangen. Aber die Wirtschaft hat Leistung erbracht. Es gab eine grosse Wertschöpfung. Jetzt müssen wir das Gleichgewicht zwischen der Politik und der Wirtschaft wieder finden. Es wäre kontraproduktiv, jetzt überzuregulieren und den Politikern die Macht über die Wirtschaft zu geben.

Steffen Klatt: Welche Art von Regulierung wäre heute sinnvoll?

André Hoffmann: Es braucht eine Regulierung, die Nachhaltigkeit einbringt.

Steffen Klatt: Braucht es mehr ökologische Regeln?

André Hoffmann: Es braucht das Bewusstsein, dass wir nicht allein auf der Welt sind und auch auf die nächsten Generationen schauen müssen. Man kann keine menschliche Entwicklung haben in einer Natur, die nicht mehr funktioniert. Wachstum ja, aber Wachstum, das noch in zehn, fünfzehn Jahren möglich ist. Das haben wir bisher nicht genügend gewichtet. Deshalb ist die Arbeit des Global Footprint Network so wichtig. Das gibt ein Werkzeug an die Hand, um Entscheidungen zu treffen.

Steffen Klatt: Ist die Wirtschaft heute bereit, neue Regeln zu akzeptieren?

André Hoffmann: Die Wirtschaft ist heute auf der Suche nach neuen Ideen. Das heisst allerdings noch nicht, dass die Antwort auf Ihre Frage „ja“ ist.

Steffen Klatt: Ein Aspekt des Neoliberalismus war zu sagen, es gibt keine Gesellschaft mehr und die Wirtschaft müsse keine Verantwortung für sie mehr übernehmen. War das ein Fehler?

André Hoffmann: Ich sehe das anders. Man hat lange gedacht, man macht in der Wirtschaft Gewinn, und vom Gewinn gibt man einen Teil für „Corporate and Social Responsibility“. Das war sicher der falsche Ansatz. Man muss umgekehrt die ökologische und die soziale Dimension gleichgewichtig in das Geschäft hineinbringen. Dieses Geschäftsmodell wird nachhaltiger sein. Der Gewinn wird am Anfang vielleicht niedriger sein. Aber man kauft sich nicht mehr ein gutes Gewissen, indem man einen Teil des Gewinns an ökologische und soziale Organisationen gibt.

Steffen Klatt: Ihre Familie ist seit Generationen ökologisch, sozial und kulturell engagiert. Kommt man jetzt wieder zu den Werten eines scheinbar veralteten, patriarchalischen Kapitalismus zurück?

André Hoffmann: Vor allem mein Vater hat viel für die Umwelt getan. Ich bin nur in seine Fussstapfen getreten. Wir haben als Familie aus der Dividende Aufgaben unterstützt, die wir als wichtig erachtet haben. Aber das ist nicht, wovon wir hier reden. Um langfristig zu denken, muss die Wirtschaft diese Perspektive übernehmen, nicht nur ein paar Leute. Es muss etwas Strukturelles passieren. Patriarchalische Werte sind nicht die Lösung. Es braucht eine Debatte, welche eine Gruppendynamik auslöst.

Steffen Klatt: Was kann das für ein Unternehmen wie Roche heissen?

André Hoffmann: Man muss sich das ganze System anschauen, nicht nur ein Unternehmen. Die Wirtschaft muss näher an den Problemen der Menschen sein. Das wird auch geschehen. Die Leute, die die Firma leiten, machen sich Gedanken, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird. Man kann nicht in der Bel-Etage sitzen und sagen, mein System wird für immer funktionieren. Die Wirtschaft wird sich ändern. Sonst wird sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Wir müssen ihr zeigen, dass es gefährlich ist, nichts zu machen. Wenn uns das gelingt, wird sich die Wirtschaft selbst reformieren. Sonst wird sie nicht überleben.

Steffen Klatt: Ist die heutige Führungsschicht dazu bereit?

André Hoffmann: Die grossen Führungspersönlichkeiten werden sich anpassen können. Wahrscheinlich brauchen wir aber einen Generationswechsel. Das sehen wir auch in der Finanzwelt. Die Chefs der Banken vor zehn Monaten sind nicht mehr die Chefs von heute. Es wird eine neue Generation kommen.

Steffen Klatt: Zu den konkreten Problemen, welche die Basler Chemieindustrie im Bereich Nachhaltigkeit hat, gehören die Deponien vergangener Jahrzehnte. Ist die Basler Chemie bereit, da Verantwortung zu übernehmen?

André Hoffmann: Deponien wurden üblicherweise im Einvernehmen mit Gemeinden eingerichtet, die damals bestimmte Bedingungen daran geknüpft haben. Roche hat nur in einigen wenigen Deponien Abfälle entsorgt und wir bei Roche – und da spreche ich als Vizepräsident des Verwaltungsrats –,nehmen diese Verantwortung wahr. Wir haben freiwilligbeträchtliche Summen gegeben, um Deponien zu sanieren, bei denen wir beteiligt waren. Aber wir können das nicht allein lösen, Roche ist nur an wenigen Deponien beteiligt und auch bei diesen müssen die anderen Beteiligten einen Beitrag leisten. Die Leitung muss bei den Behörden liegen, das ist das demokratische Vorgehen.

Steffen Klatt: Ein anderes Thema, das in der öffentlichen Diskussion mit einem Mangel an Nachhaltigkeit verbunden wird, sind die hohen Managergehälter. Auch bei Roche wurden Gehälter in zweistelliger Millionenhöhe gezahlt. Ist das zu rechtfertigen?

André Hoffmann: Ich bin nicht sicher, dass gute Unternehmensführung nur mit den Gehältern zu tun hat. Wir leben in einer offenen Gesellschaft. Darum denke ich, dass in dieser Frage Transparenz entscheidend ist. Wir werden dieses Jahr den Entschädigungsbericht der Generalversammlung vorlegen. Die Aktionäre werden darüber abstimmen können. Als international tätiges Pharmaunternehmen stehen wir in einem Wettbewerb. Also müssen auch unsere Löhne wettbewerbsfähig sein. Dabei ist die Erfolgskomponente ausschlaggebend. Wenn auch bei Misserfolg oder gar Versagen Boni bezahlt werden, fehlt mir dafür jedes Verständnis.

Steffen Klatt: Krisen sind immer eine Chance, Bestehendes in Frage zu stellen. Ist die gegenwärtige Krise auch eine Chance für die Nachhaltigkeit?

André Hoffmann: Davon bin ich überzeugt. Das betrifft besonders die Investitionen. Das Merkmal dieser Krise ist, dass der Konsum nicht mehr steigen kann. Dafür wird in die Infrastruktur investiert. Da wird man die grüne Karte spielen können. Das ist eine Chance, absolut.


Zur Person:

André Hoffmann, Jahrgang 1958, ist zugleich Vizepräsident des WWF International und einer der beiden Vizepräsidenten des Verwaltungsrates des Basler Pharmakonzerns Roche. Nach einem Wirtschaftstudium an der Hochschule St. Gallen war er administrativer Leiter der Biologischen Station in La Tour du Valat in der Camargue. Später arbeitete er unter anderem als Projektleiter für Nestlé in Grossbritannien. Seit 1994 geht er privaten Investitionstätigkeiten nach. Er ist Mitglied mehrerer weiterer Verwaltungsräte, darunter des Genfer Duftherstellers Givaudan. André Hoffmann hat sich in zahlreichen Organisationen und Stiftungen engagiert, die gemeinnützige Ziele in der Kultur, im Umweltschutz und im sozialen Bereich verfolgen. Dazu gehören die Stiftung Patronatskomitee Kunstmuseum Basel und der Internationale Rat der Tate Gallery in London, die Paul Sacher Stiftung in Basel und das Institut International de Recherche en Paraplégie in Genf. Er ist auch Mitglied des Verwaltungsrats des Global Footprint Networks.

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