Genf - Die Fluorkohlenwasserstoffe machen es vor: Wenn der politische Wille vorhanden sei, ist eine Verringerung der Treibhausgase möglich, sagt Geir Braathen, leitender Wissenschafter für Atmosphärenumwelt bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf. Doch beim Kohlendioxid fehlt dieser Ehrgeiz bisher. Die Verringerungen, die das Kyoto-Protokoll vorsieht, reichen bei weitem nicht. Die Nachfolgeregelung des Ende 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls müsse deutlich weiter gehen.
Annegret Mathari: Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie zeichnet sich noch keine Abnahme der Treibhausgase in der Atmosphäre ab. Weshalb? Geir Braathen: Ja, der Grund für die anhaltenden und zunehmenden CO2-Ausstösse ist der anhaltende und zunehmende Gebrauch fossiler Treibstoffe wie Öl, Gas und Kohle. Der Grund für die Zunahme des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ist die Tatsache, dass die Hälfte des ausgestossenen CO2 in der Atmosphäre bleibt. Die andere Hälfte wird vom Ozean und von Wäldern absorbiert. Wenn wir also weiter CO2 ausstossen, nimmt dessen Konzentration in der Atmosphäre dauernd zu. CO2 hat zudem eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Heute steigt die CO2-Konzentration etwa 0,5 Prozent im Jahr. Annegret Mathari: Wurde all den Aufrufen zur Verringerung des Ausstosses von Kohlendioxid noch keine Folge geleistet? Geir Braathen: Ich denke nicht, dass die Menschen bisher viel geändert haben. Je früher wir jedoch mit einer Reduktion der CO2-Emissionen beginnen, desto besser können wir die negativen Auswirkungen des Klimawandels verhindern. Viele Menschen sind sich zwar des Problems bewusst. Aber wir versuchen, damit zu leben. Um unser Verhalten zu ändern, wird zwar beispielsweise versucht, aus Konferenzen CO2-neutrale Events zu machen, indem die Teilnehmer mit dem Zug statt dem Flugzeug anreisen. Solche grünen Konferenzen sind nur eine von vielen Massnahmen, um die CO2-Emissionen zu begrenzen. Wir müssen aber viel drastischere Massnahmen ergreifen. Ausserdem sind auch Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel nötig. Laut dem Weltklimarat (IPCC) werden künftig häufigere und stärkere Stürme in den einen Weltregionen erwartet sowie mehr Dürren in andern Gebieten. Der Verkehr und auch die Weltbevölkerung nehmen jedoch zu, und solange wir uns auf fossile Treibstoffe stützen, führt dies auch zu mehr Emissionen von Treibhausgasen. CO2 ist dabei das wichtigste Gas. Weitere Treibhausgase sind Methan und Lachgas (N2O). Die letzteren beiden stammen vor allem aus der Landwirtschaft. N2O nimmt kontinuierlich zu. Die Konzentration von Methan hingegen stieg in den vergangenen 10 Jahren nur wenig an. Man weiss nicht genau weshalb. Zum einen gingen die Emissionen etwas zurück, zum andern ist unser Planet vielleicht fähig, mehr zu absorbieren. Aber 2007, dem Jahr, für das wir die neusten Zahlen haben, erreichte Methan eine neue Höhe. Heute sind seine Werte höher denn je. Annegret Mathari: Das Kyoto-Protokoll sieht vor, dass die Industrieländer den jährlichen Treibhausgas-Ausstoss bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent gegenüber 1990 senken. Bis wann werden positive Auswirkungen erkennbar sein? Geir Braathen: Bisher sieht man das Resultat noch nicht. Es ist ein komplizierter Prozess. Wenn wir beginnen, die Emissionen zu reduzieren, wird es einige Jahre dauern, bis erkennbar ist, dass die Massnahmen eine Wirkung haben. Es hängt auch vom Erfolg des politischen Prozesses ab. Annegret Mathari: Was müsste denn jetzt unternommen werden? Geir Braathen: Man kann ein anderes Protokoll zum Vergleich beiziehen, das erfolgreich war, das Montreal-Protokoll zu den Fluorkohlenwasserstoffen (FCKW). Das Montreal-Protokoll wurde 1987 unterzeichnet. Die darin vorgesehene FCKW-Reduktion war jedoch weit ungenügend, um eine Änderung zu bewirken. Die FCKW-Konzentration nahm weiter zu, wenn auch etwas geringer. Schliesslich wurde das Montreal-Protokoll zu Beginn der 90er Jahre mehrmals verschärft, und erst nach 2000 nahm die Konzentration in der Atmosphäre dann langsam ab. Das Kyoto-Protokoll betrifft die Treibhausgase. Und diese haben mit unserem Lebenstil zu tun, den wir ändern müssen. Beim FCKW, das beispielsweise in Kühlschränken eingesetzt wurde, konnte ein Ersatz gefunden werden. Die Industrie hatte den Willen zur Veränderung, weil man realisierte, dass man kein Wahl hat. Der politische Wille war stark, man wusste, dass dies kommen würde. Auch engagierten sich die USA sehr für das Montreal-Protokoll, im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll, wo sie bisher sehr zurückhaltend waren. Annegret Mathari: Bei den Fluorkohlenwasserstoffen ging es vor allem um die Abnahme der Ozonschicht. Wie lange bleiben die FCKW in der Atmosphäre? Geir Braathen: Die Ozonschicht in der Stratosphäre schützt uns wie ein Filter vor den schädlichen UV-Strahlen. Ohne Ozonschicht hätten wir 70mal mehr UV-Strahlen am Boden. Deshalb sind wir besorgt über die Abnahme dieses Schutzschildes. Schon in den 70er Jahren sagten einige Wissenschafter voraus, dass die FCKW die Ozonschicht zerstören können. Die FCKW bleiben für lange Zeit, zwischen 50 bis 100 Jahre, in der Atmosphäre. Annegret Mathari: Wie hängen die FCKW mit dem Klimawandel zusammen? Geir Braathen: Das Klimaproblem hängt auch mit chlor- und bromhaltigen Verbindungen zusammen wie FCKW und Halone. Letztere sind bromhaltig und wurden in Feuerlöschern benutzt, in Autos und Schiffen. Halon ist ein Gas, das den Platz der Luft einnimmt. Es bedeckt das Feuer, das keinen Sauerstoff mehr bekommt und erlischt. Die Halone sind sehr nützliche Moleküle. Sie sind nicht toxisch, sie reagieren chemisch nicht und sie sind nicht entflammbar. Aber gerade weil so nichtreaktiv sind, können sie überleben, bleiben in der Atmosphäre und steigen in die Stratosphäre. Dort werden sie vom Sonnenlicht zerstört, erst dadurch werden sie gefährlich. Solange ein FCKW- oder ein Halon-Molekül jedoch intakt ist, hat es keine Auswirkung auf die Ozonschicht. Aber wenn die Sonnenstrahlen diese Moleküle zerstören, werden Chlor und Brom frei. In dieser Form tragen sie zur Zerstörung der Ozonschicht bei, wobei Brom die Ozonschicht stärker schädigt als die FCKW. Es gibt noch einen zweiten Grund, auf den Einsatz von FCKW und Halone zu verzichten. Beide sind auch Treibhausgase. Das Montreal-Protokoll trug zur Bewahrung des Klimas bei. Aber CO2 bleibt das eigentliche Problem für das Klima. Das Kyoto-Protokoll ist im Gegensatz zum Montreal-Protokoll nicht sehr ehrgeizig. Aber man muss irgendwo beginnen. Und hoffentlich wird man nach ein paar Jahren und weiteren Verhandlungen auch einen geringeren CO2-Ausstoss feststellen. Annegret Mathari: Muss demnach das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls, das im Dezember 2009 in Kopenhagen verabschiedet werden soll, eine stärkere CO2-Reduktion vorsehen als das Kyoto-Protokoll? Geir Braathen: Ja. Wenn man wirklich etwas tun will, um den Klimawandel zu verhindern, braucht es ein strengeres Abkommen als das Kyoto-Protokoll. Man muss jetzt wirklich damit beginnen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, das geht auch aus dem Bericht des Weltklimarats (IPCC) hervor. Es gibt bereits Alternativen wie Elektroautos und Windmühlen, sie müssen nur vermehrt eingesetzt werden. Das heisst natürlich auch, dass die entsprechende Infrastruktur aufgebaut werden muss. Es braucht beispielsweise neue Gaskraftwerke, die Strom liefern. Dazu werden keine grossen technologischen Durchbrüche benötigt. Man muss es nur tun.
Zur Person: Geir Braathen ist leitender Wissenschafter für Atmosphärenumwelt bei der Weltorganisation für Meteorologie. Vor seiner Zeit in Genf war er Direktor für Forschung und Entwicklung am Norwegischen Luftforschungsinstitut in Kjeller bei Oslo.
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