Polen ist sich sehr wohl der Risiken einer Abhängigkeit zu Russland bewusst. Obwohl das Land eigene Energievorkommen hat, war es von jeder Gas-Krise der letzten Jahre betroffen. Und auch die Geschichte lehrte die Polen Vorsicht. Der polnische Wirtschaftsminister und Vizepremier Waldemar Pawlak geht auf Russland-Distanz.Aureliusz Pedziwol: Vor zwei Jahren hat Polen einen Energiesicherheits-Pakt unter dem Motto „Einer für alle, alle für einen“ vorgeschlagen. Ist es sinnvoll, darauf zurückzukommen – angesichts der Gaskrise zwischen Russland, der Ukraine und der EU im Januar?
Waldemar Pawlak: Ich glaube, dass man eine einfache Frage stellen kann: „Wäre die EU als Vertreterin aller Energienutzer Europas aufgetreten, wäre sie dann zum dominanten Partner für die Russische Föderation geworden?“ Wenn ja, dann würden die Gasverhandlungen sicher anders verlaufen. Polen hat gute Erfahrungen mit langfristigen Lieferverträgen. Die meisten Probleme werden durch die mittel- und kurzfristigen Verträge geschafft, weil es dort eine grosse Versuchung gibt, eine Zwangssituation auszunutzen. Die Europäische Union könnte zum Verfechter langfristiger Garantien für Energielieferungen zu vernünftigen Preisen werden. Aureliusz Pedziwol: …die multi- und nicht bilateral wären? Waldemar Pawlak: Das Beispiel der Gasleitung Nord Stream, die von Russland aus über die Ostsee nach Deutschland geht, zeigt: Man kann schwer über eine europäische Solidarität sprechen, wenn man sich nur um das Interesse eines Landes sorgt und die anderen ignoriert. Gleich gut könnte man sagen: „Wenn es zu einer Havarie von Nord Stream kommen sollte, dann wird man nach anderen Lieferwegen suchen. Was dann?“ Es darf keinen solchen Egoismus mehr geben, dass ein Land seine Anliegen erledigt und die übrigen Staaten der Gunst des Schicksals überlässt. Mir scheint es, dass die Europäische Union eine grosse Herausforderung vor sich hat. Aureliusz Pedziwol: Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft hat sich Energie-Sicherheit als eines ihrer Ziele gestellt. Waldemar Pawlak: Diese Priorität ist ein Volltreffer. Wahrscheinlich hat heute schon niemand mehr in Europa Zweifel daran, dass man gute und transparente Regeln im Energiebereich braucht. Es handelt sich nicht nur um die jetzigen Probleme mit Gas, sondern auch um die Erdöl- und Strommärkte. Auch dort muss man nicht nur einen freien Zugang schaffen, sondern auch annehmbare Preise sichern. Wir können ja nicht mit der Energiesicherheit zu jedem Preis einverstanden sein. Sollte das Erdgas zu teuer sein, werden wir auf Heizöl oder Strom umsteigen. Eigentlich ist die elektrische Energie die beste Lösung, weil sie andere Energiearten auf einfache Weise ersetzt. Es ist natürlich wichtig, dass ihr Preis stimmt und dass man hocheffiziente Geräte anwendet, wie zum Beispiel Wärmepumpen. Dann würde die elektrische Energie Chancen schaffen, viele energetische Probleme zu lösen. Aureliusz Pedziwol: Aber man muss noch sie dorthin transportieren können, wo sie benötigt wird. Waldemar Pawlak: Die neuen Technologien schaffen schon solche Möglichkeiten. Man kann die Energie auch lokal herstellen. Einerseits aus den erneuerbaren Energiequellen, anderseits in modernen, kompakten Nuklearanlagen. Sehr wichtig wird auch das Fördern der herkömmlichen Kohletechnologien mit CO2-Abscheidung und -Speicherung. Man kann sich die Auswirkung der neuen Technologien am besten am Beispiel der Telefonbatterien vorstellen. Vor 15 Jahren waren sie wie zwei Ziegel gross – heute sind sie kleiner als eine Zündholzschachtel. Und effizienter. So kann Technologie unser Leben verändern. Aureliusz Pedziwol: Also wird man nicht unbedingt mächtige Stromleitungen bauen müssen? Waldemar Pawlak: Möglicherweise wird die dezentrale, lokale Energieerzeugung, mit der wir es bei den erneuerbaren Energiequellen zu tun haben, eine Reihe von Problemen lösen. Dann werden sich solche kostspieligen Stromnetze erübrigen. Aureliusz Pedziwol: Wieder zurück zur Gaskrise. Welche alternativen Lieferwege sehen Sie? Waldemar Pawlak: In Swinemünde wird das Projekt eines LNG-Hafens für flüssiges Gas schon realisiert. Wir überlegen auch Nutzen alternativer Energiequellen. Gerade habe ich mit der Wirtschaftsministerin Schwedens, Maud Olofsson, über Lieferungen von Technologien für erneuerbare Energien gesprochen. Biogas zum Beispiel kann einen sehr interessanten Beitrag zur Energiediversifizierung beitragen. Man nutzt dort diverse Abfälle und Biomasse. Im Fermentationsprozess wird daraus Methan hergestellt. Daraus kann man entweder Strom produzieren oder nach der Bereinigung es in das Gasnetz einspeisen. Aureliusz Pedziwol: Welche Sonderbedingungen gelten hier? Waldemar Pawlak: Biogaswerke können an beliebigen Standorten gebaut werden. Natürlich muss man Lieferungen von Biomasse sichern, aber da gibt es eine interessante Regelmässigkeit, dass kleinere Anlagen weniger Probleme damit haben, als die grossen. Aureliusz Pedziwol: Wieviel des Energiebedarfs könnte Polen auf diese Weise abdecken? Waldemar Pawlak: In Deutschland gibt es 4000 Biogaswerke. Hätten wir nur 500 solcher Anlagen, könnten wir ungefähr zwei Milliarden Kubikmeter Gas herstellen. 2000 würden einen sehr bedeutenden Beitrag leisten. Da es sich um eine lokale und zerstreute Energieproduktion handelt, ist sie auch sicherer als eine grosse, zentrale Anlage. Zusätzlich werden Arbeitsplätze geschaffen. Aureliusz Pedziwol: Welche anderen Quellen ziehen Sie in Betracht? Waldemar Pawlak: Gas kann man auch aus Kohle gewinnen. Der Düngemittelproduzent Pulawy bereitet nun in der Kooperation mit der Schwarzkohlengrube Bogdanka eine Machbarkeitsstudie einer Kohlevergasungsanlage vor. Ich habe gerade bei der EU-Energiekonferenz in Ostrau mit den tschechischen Energetikern darüber gesprochen, aber sie sind skeptisch. Sie halten das Einsteigen in solche Grossprojekte bei so instabilen Energieträgerpreisen wie jetzt für sehr riskant. Ich glaube, dass man die Meinung erfahrener Fachleute in Betracht ziehen soll. Aureliusz Pedziwol: Diese Anlage soll unterirdisch sein? Waldemar Pawlak: Die unterirdische Kohlevergasung ist eine grosse Versuchung, aber dafür wird man noch ein paar Jahre brauchen. Polen hat schon damit Erfahrungen in den 50. und 60. Jahren des vorigen Jahrhunderts gemacht, doch das ist lange her. In der jetzigen Entwicklungsetappe kann man nur auf eine Installation an der Erdoberfläche denken. Aureliusz Pedziwol: Was ist mit Benzin-Gewinnung aus Kohle, wie es im Dritten Reich versucht wurde? Haben solche Technologien Zukunft? Waldemar Pawlak: Die Technologien haben Zukunft, aber alles ist eine Preisfrage. Solange das Erdöl mässig teuer ist, haben alle solchen Erfindungen keinen Sinn. Benzin und Diesel destillieren sich einfacher aus Erdöl als aus der Kohle. Dagegen sehr interessant sind die Perspektiven der Methanolproduktion. An der Maria-Curie-Sklodowska-Universität in Lublin arbeitet man an einer Art künstlichen Fotosynthese: Aus Kohlendioxid und Wasser wird in der Anwesenheit eines Katalysators und des UV-Lichts Methylalkohol hergestellt. Sollte es gelingen, solche Lösungen auf Industrieskala anzuwenden, würde man sowohl eine neue Energiequelle, wie auch einen CO2-Recycling-Mechanismus haben. Zur Person:
Waldemar Pawlak ist seit November 2007 stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Polens in der Koalition zwischen Konservativen und Linken. Er ist auch Vorsitzender der Konservativen Partei, die aus der Vereinigten Bauernpartei hervorgegangen ist. Zwischen 1993 und 1995 führte er als Ministerpräsident die Regierung, trat jedoch auf Betreiben des Staatspräsidenten Lech Walesa zurück. Bild: Waldemar Pawlak im Gespräch mit EU-Energiekommissar Andris Piebalgs (Aureliusz Pedziwol).
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