Steffen Klatt: Ihr Konzept einer Ökostadt sieht vor, dass die Stadt aufhört, auf Kosten des Umlandes zu leben. Wie ist das in der modernen Welt möglich? Steffen Lehmann: Die Stadt ist über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende auf Kosten des Umlandes gewachsen. Daher war es in der modernen Stadt selbstverständlich, dass man im Umland den Müll abkippt und für die Energieversorgung das Kraftwerk mit seiner Verschmutzung auf dem Land baut, um dann die Energie mit Kabeln in die Stadt hineinzuführen. In der Ökostadt wird eine Wachstumsgrenze um die Stadt gezogen, über die sie nicht mehr hinaus wachsen darf. Will sie dennoch wachsen, muss sie sich nachverdichten. Steffen Klatt: Das geht vielleicht für Newcastle in Australien, wo Sie leben, oder in St. Gallen in der Schweiz, zwei überschaubare Städte mit verhältnismässig wenig Einwohnern. Aber geht das auch für Städte wie Schanghai, Mumbai oder Sao Paolo, die die Normalität der Zukunft darstellen werden? Steffen Lehmann: Genau, von solchen Städten werden wir immer mehr bekommen. Mumbai wird in den nächsten fünf Jahren zur grössten Stadt der Welt werden. Aus meiner Sicht wird der Schwerpunkt der urbanen Entwicklungsprozesse klar in Asien liegen. Deshalb hat der UNESCO-Lehrstuhl auch die Aufgabe zu untersuchen, wie diese Region mit ihrer raschen Verstädterung umgehen soll. Es sollen Modelle gefunden werden, die eine harmonische Stadtentwicklung sichern können. Diese Verstädterung stellt derzeit eine grosse Gefahr dar – ökologisch und sozial. Die Versorgung dieser Städte mit Nahrung, Energie und Wasser wird immer schwieriger. Deshalb braucht es ein Netzwerk von städtischen Kleinstädten, den „Urban Villages“. Steffen Klatt: Wollen Sie Riesenstädte wie Mumbai wieder aufteilen in Kleinstädte oder Dörfer? Steffen Lehmann: Das geht natürlich nicht so einfach. Aber man kann bestimmte Areale nachverdichten und andere, misslungene Wohngebiete abreissen und in Grünflächen umwandeln. Man muss in einer Stadt wieder zu Fuss gehen können oder mit dem Fahrrad fahren. Ein Problem Schanghais etwa ist es, dass es kaum noch Grünfläche gibt. Dabei kommt man nur noch schwierig aus dieser grossflächigen Stadt heraus. Die Stadt ist zu gross geworden. Ab einer bestimmten Grösse wird es unpraktisch und ungesund, in der Stadt zu leben. Steffen Klatt: Wollen Sie die Stadt in eine Art urbane Landschaft verwandeln? Steffen Lehmann: Oftmals fehlt eine Gliederung. Der endlose Brei, der überall gleich gebaut ist, ist keine praktische Stadt. Derzeit machen wir eine Studie zum Schrebergarten und zur Rolle des innerstädtischen Gartens, unter Einbeziehung kleinerer Brachflächen und ungenutzter Dächer. Dabei geht es nicht um grosse Parks, sondern um kleinere Flächen, die auch genutzt werden können für den Anbau etwa von Gemüsen zur lokalen Versorgung. Steffen Klatt: Lässt sich dieses Konzept einer Stadtlandschaft auf Asien übertragen? Steffen Lehmann: Wir haben in Asien teilweise extreme Klimabedingungen, entweder subtropisch, oder heiss und trocken. Deshalb haben wir das Stadtplanungsmodell der „Compact-City“ entwickelt, der kompakten Stadt, mit dem wir auf die verschiedenen klimatischen Bedingungen besser reagieren koennen. Das baut auf drei Pfeilern auf: Energie und Materialien, Wasser und Artenvielfalt, Städtebau und öffentlicher Nahverkehr. Mit diesem Konzept können wir eine lebenswerte Stadt auch unter verschiedenen Klimabedingungen entwickeln. Steffen Klatt: Ist die Technik vorhanden, um dieses Konzept umzusetzen? Steffen Lehmann: Die Technik ist weitgehend vorhanden. Die grösste Herausforderung ist heute doch die soziale Nachhaltigkeit. Die soziale Akzeptanz des rasanten Wachstums ist für mich das grösste Thema. Ich habe vor kurzem in Caracas in Venezuela ein neues Projekt gesehen, das unheimlich spannend ist, obwohl es überhaupt nicht schön ist: Es war nur ein grosser Betonbau, aber in der Innenstadt, dort, wo sich Favelas befinden. In diesen Favelas leben 150.000 Menschen. Die Jugendlichen haben am Wochenende nichts anderes zu tun, als sich gegenseitig abzuschiessen und Drogen zu nehmen. Dieses neue Gebäude ist eine Stapelung von Sportfeldern. Da können sie Fussball spielen, auf dem nächsten Geschoss Volleyball oder Tischtennis. Die Jugendlichen, die sich bisher mit Waffen beschossen haben, beschiessen sich nun mit Bällen. Dieses eine Gebäude hat die Gemeinschaft in den Favelas unglaublich gestärkt und positive Auswirkungen. Dabei hat es weder Photovoltaik noch Windturbinen. Dennoch ist es äusserst nachhaltig. Steffen Klatt: Ist Nachhaltigkeit ohne Umweltschutz möglich? Steffen Lehmann: Die soziale Nachhaltigkeit ist enorm wichtig. Das Endziel ist die Stärkung der Gemeinschaft, des Bewusstseins, zusammen zu wohnen, und die Schaffung gesunder Lebensumstände. Auf dem Weg dahin kann die ökologische Nachhaltigkeit ein Mittel sein. Aber die soziale Nachhaltigkeit ist für mich das umfassende Thema. Steffen Klatt: Treten Sie damit nicht an manchen Orten in Asien und Lateinamerika den Mächtigen auf die Füsse? Steffen Lehmann: Ich bin damit natürlich auch ein politischer Akteur, der versucht, ausserhalb des Parteienproporzes etwas zu bewirken. Es geht um Gemeinschaft, Selbstverwaltung, Selbstrespekt, Erhalt von Arbeitsplätzen. Partizipatorische Modelle sind in Asien meist noch neu. In Darhavi, dem grössten Slum Asiens in Mumbai, leben über 450.000 Menschen ohne fliessendes Wasser eng zusammen. Aber in anderer Hinsicht leben diese Menschen fast unheimlich nachhaltig. Es gibt kaum Abfall, es wird alles wiederverwendet. Es gibt auch keine Autos, die Leute sind arm, die Strassen zu eng. Steffen Klatt: Welche Rolle können da Ökostädte wie Masdar spielen, für die Milliarden Finanzmittel zur Verfügung stehen, in denen aber nur verhältnismässig wenig Leute leben? Steffen Lehmann: Es klingt sehr künstlich, unreal. Die Lage der neuen Stadt ist unglücklich gewählt, isoliert und weit ausserhalb von Abu Dhabi. Man muss abwarten, wie sich das entwickelt. Im Moment geht es in der Diskussion um Masdar vor allem um technische Lösungen und Umweltschutz. Aber was für Personengruppen da wohnen sollen, welches Leben die Kinder dort haben sollen, wo sie spielen, das scheint noch niemand gefragt zu haben. Masdar ist der erste Versuch, ein Demonstrationsprojekt zu bauen, in dem 90.000 Menschen leben und arbeiten können. Masdar kann natürlich nicht von heute auf morgen gebaut werden. Es muss langsam wachsen. Der Prozess geht sicherlich in Bauabschnitten, über zehn, fünfzehn Jahre. Steffen Klatt: Sie haben gesagt, im Augenblick gehe es in Masdar um Technik und Umweltschutz. Ist Masdar so etwas wie ein grosser Schuhkarton voll Hochtechnologie? Steffen Lehmann: Es ist die grosse Gefahr, dass in Masdar zu sehr einseitig auf die Technik geschaut wird, dem Glauben nach der alles-lösenden Technologie gefrönt wird. Es darf aber nicht vergessen werden, was die Stadt lebenswert macht und welches Ambiente hier hergestellt wird. Andererseits, am Potsdamer Platz in Berlin, an dem ich mitgebaut habe, war bei der Fertigstellung im Jahr 2000 auch alles zuerst sehr künstlich. Es hat der Abrieb gefehlt, der zu jeder Stadt gehört. Nun, Masdar ist in Grösse wie zwanzig Mal der Potsdamer Platz. Steffen Lehmann: Was in Vauban in Freiburg entstanden ist, kommt für mich dem Ideal nahe. Die Flächen wurden vorher vom Militär genutzt, es handelt sich also um eine innerstädtische Brachfläche, um ein sogenanntes Brownfield Grundstück. So soll es auch sein. Man muss aufhören, in die wertvolle Landschaft hineinzubauen. In Vauban stimmt auch die Nutzungsmischung. Die Leute wohnen dort, arbeiten aber auch teilweise dort. Sie brauchen keine Autos mehr, der öffentliche Nahverkehr ist überall schnell erreichbar, egal, wo sie sind. Dabei sind es immer nur 100 oder 150 Meter zum kostenlosen Bus oder zum Tram. Es ist kein Auto-freies, sondern ein Auto-reduziertes Stadtviertel für 5.000 Menschen.
Dr.-Ing. Steffen Lehmann ist Professor für Architektur an der Architekturschule der Universität Newcastle in Australien und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Nachhaltige Stadtentwicklung in Asien und der Pazifikregion. Seit 2006 ist er Herausgeber des Journal of Green Building. In den 90er Jahren hat er unter anderem an der Gestaltung des Potsdamer Platzes und des Hackeschen Markts sowie der Französischen Botschaft in Berlin mitgewirkt.
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