Auf kleinerem Fuss leben

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Geschrieben von: Claudia Kohlus, Augsburg 13.02.09
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Sie verbrauchen wenig Energie oder stellen sogar mehr Energie her, als sie selbst brauchen. Sie verringern den privaten Verkehr oder verzichten ganz auf ihn: Ökosiedlungen gibt es inzwischen in mehreren Ländern Europas. Es dürften mehr werden, denn der sparsame Umgang mit Energie und andern Ressourcen lohnt sich.

Um Energie-Engpässe müssen sich die 2400 Bewohner der Gemeinde Wildpoldsried in Bayern keine Sorgen machen. Der Grund: Der kleine Ort im Oberallgäu, der bereits 2001 mit dem Umweltpreis der Bayerischen Landesstiftung ausgezeichnet wurde, ist unabhängig von fremdem Strom. Hier wird mit den unterschiedlichsten Energiekonzepten fast doppelt so viel Energie erzeugt, wie die Gemeinde letztlich benötigt. Fünf am Ortsrand aufgestellte Windkraftanlagen produzieren 13 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Weitere Energielieferanten sind Solar- und Photovoltaikanlagen, die fast auf jedem Dach in Wildpoldsried zu finden sind. Öffentliche sowie die meisten privaten Gebäude sind an einem Holzpellets-Heizungssystem angeschlossen. Mit einem Biomassekessel wird mit einer Leistung von 400 Kilowatt Wärme erzeugt, die dann über ein 795 Meter langes Wegenetz verteilt wird. Die alternative Energieversorgung ist im Laufe der Jahre gewachsen und deren Ausbau längst noch nicht abgeschlossen – eine Biogas-Anlage ist für die nächste Heizperiode bereits in Planung.

Keine Satellitenstadt

Andere Projekten sind auf dem Reissbrett entstanden , wie etwa die Stadterweiterung solarCity in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz. Auf einem Areal von 36 Hektar wurde hier ein ganzheitliches Modell mit insgesamt 1.300 Wohnungen realisiert. Es ermöglicht mittlerweile 3.000 Bewohnern eine komfortable und für den sozialen Wohnungsbau geeignete, weil kostengünstig nachhaltige Lebensweise. Die Idee für diesen Stadtteil, der nach ökologischen Kriterien in sparsamer Niedrigenergiebauweise errichtet wurde, entstand bereits vor 15 Jahren. Das städtebauliche Rahmenkonzept lieferte der 2004 verstorbene österreichische Architekt Roland Rainer. Ausführende Architekten waren unter anderem Lord Norman Foster, Lord Richard Rogers und Thomas Herzog. „Die Erwartungen an das Projekt haben sich aus unserer Sicht erfüllt“, sagt Gunter Amesberger, Direktor der Stadtverwaltung Linz, der von 1996 bis 2001 Projektkoordinator in der Baudirektion des Stadterweiterungsprojektes solarCity in Linz-Pichling war. Und in der Tat: Das Ergebnis kann sich sehen lassen. So werden etwa 50 Prozent des Warmwassers aus Solarenergie gewonnen oder durch Fernwärme aus Öl-, Gas- und Biomasseheizkraftwerken zugeführt. Das hat zur Folge, dass die Bewohner mit etwa ein Drittel weniger Betriebskosten als üblich rechnen können. Die Wege innerhalb von solarCity sind kurz. Es bestehen schnelle Verkehrsanbindungen in das Zentrum von Linz. Der Weg dorthin ist allerdings nicht immer nötig. Um zu verhindern, dass solarCity eine Satellitenstadt wird, „wurden die Wohnbauten und die für diesen Stadtteil notwendige Infrastruktur zeitgleich errichtet“, sagt Amesberger. Eine weitere Besonderheit ist das innovative Abwasserkonzept – die Urinseparation. In dem Pilotprojekt wird bei 88 Wohneinheiten mit so genannten Separationstoiletten der Urin von den Fäkalien getrennt und in Speichertanks gesammelt. Die restlichen Exkremente werden zusammen mit dem Abwasser aus Küche und Bad in eine Pflanzenkläranlage abgeleitet. Die Feststoffe werden abgetrennt und mit Strukturmaterial kompostiert. Der Vorteil liegt darin, dass 80 Prozent der Nährstoffe als Flüssigdünger in der Landwirtschaft eingesetzt werden können.

Nachhaltige Konzepte setzen sich durch

Aber nicht nur solarCity setzt auf Vorbildfunktion in Sachen Nachhaltigkeit. Vergleichbare Projekte sind auch Freiburg/Vauban, Freiburg/Rieselfeld oder Hannover/Kronsberg in Deutschland, sowie Hammarby Sjöstad in Stockholm und Amersfoort in den Niederlanden. Amersfoort besitzt zudem eine der mit mehr als 1 MegaWatt Leistung derzeit grössten dachintegrierten Photovoltaikanlagen weltweit.

In Wallington im Süden Londons ist die Passivhaussiedlung BedZED (Beddington Zero Energy Development) entstanden. Der Architekt Bill Dunster hat hier gemeinsam mit der Organisation BioRegional 100 Wohneinheiten in Null-Energie-Bauweise realisiert. Ziel war unter anderem die Schaffung von umwelt- und ressourcenschonenden Wohnformen, die gleichermassen attraktiv wie bezahlbar sein sollten. So benötigen die Wohnungen nur etwa 25 Prozent der Energie herkömmlicher Bauten. Strom und Heizwasser werden zum Beispiel mit 1.100 Photovoltaikmodulen und einem kleinen Biomasseheizkraftwerk erzeugt. Im eigenen Klärwerk wird Abwasser mikrobiologisch aufbereitet und für Toiletten und Gärten wiederverwendet. Auch optisch macht BedZED einiges her. Für die Gestaltung wurde viel Glas verwendet und ausserdem mit Form und Farbe nicht gegeizt. Weitere Pluspunkte: Der Kohlendioxidausstoss ist in BedZED praktisch Null. Allerdings: Die Infrastruktur innerhalb der Siedlung, die den Bewohnern lange Wege ersparen und die Umwelt schonen soll, muss erst noch ausgebaut werden. Trotzdem gilt BedZED beispielsweise dem WWF bereits als eine der Referenzprojekte für nachhaltiges Bauen.

Wissen für alle zugänglich machen

Doch nicht nur grosse Planungen sind in diesem Zusammenhang interessant – letztlich sind es auch die Vielzahl kleinerer Projekte wie unter anderem CarSharing-Modelle und autofreie Bezirke, die den Nachhaltigkeitsgedanken vorantreiben. Dazu zählen in Zürich das Kraftwerk 1 und in Amsterdam der Westerpark. Seit September 2008 werden Musterbeispiele und jegliche Konzepte nachhaltiger Städtebauprojekte in einer Datenbank zusammengefasst. Die Plattform wurde auf der 11. Internationalen Architektur Biennale in Venedig ins Leben gerufen. Ziel der von DAC Danish Architecture Centre geführten Datenbank ist das komprimierte Wissen nachhaltiger Bau- und Lebensweisen. Dabei sollen nicht nur Architekten angesprochen werden, um sich einen detaillierten Überblick verschaffen zu können, sondern auch Politiker, Städteplaner sowie nichtstaatliche Organisationen und Bürger voneinander lernen. Wenn alle auf kleinerem Fuss leben, haben alle etwas davon.

 

Bild: solarCity in Linz (Stadt Linz)

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