Europa braucht alle Energiequellen

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Geschrieben von: Aureliusz Pedziwol, Prag 12.02.09
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Europa muss Energie effizienter verbrauchen, sagt der lettische EU-Kommissar für Energie, Andris Piebalgs. Er setzt zudem auf die ganze Bandbreite der Energiequellen: von Solar bis zu Atomstrom. Aureliusz Pędziwol: Sie sind ein Lette, Sie haben also eine eigene Lebenserfahrung mit Russland. Hat Sie die jüngste Gaskrise überrascht?

Andris Piebalgs:Ja. Das Ausmaß und die Länge der Krise haben mich überrascht. Schließlich hat sie praktisch zwei Wochen gedauert. Und mit Polen dauert sie noch an. Das bedeutet, dass der Kunde weniger zählt, als vor zehn oder fünfzehn Jahre. Wir müssen uns darum bemühen, dass der Kunde König wird. Jetzt sind wir in einer umgekehrten Situation: Produktion und Transport sind wichtiger als der Kunde. Das ist falsch, wir müssen das ändern. Wir werden mit der Ukraine und mit Russland zusammenarbeiten, um die Situation zu normalisieren.

Aureliusz Pędziwol: Hat die Gaskrise das Image Russlands im Westen verändert?

Andris Piebalgs:Nein, ich glaube nicht. Aber man weiß, dass die Energiesicherheit ein sehr wichtiges Thema ist. Doch sie ändert die Sicherheitspolitik im Bereich der Energielieferungen für Europa. Das bedeutet, wir müssen selbst stärker einig auftreten und Maßnahmen treffen, um solche Krise zu überleben.

Aureliusz Pędziwol: Viele Gasleitungen zu nutzen, ist demnach unumgänglich. Eine Möglichkeit bietet die Pipeline Nabucco vom Iran über die Türkei nach Österreich, eine andere die Leitung Nord Stream, die von Russland aus über die Ostsee nach Deutschland kommt. Viele behaupten, eine Variante über die baltischen Staaten und Polen sei billiger. Was meinen Sie dazu?

Andris Piebalgs:Die Perspektive ist zu einfach, die Welt in Nord Stream oder Nabucco aufzuteilen. Die Differenzierung bedeutet auch, Kuppelstellen zwischen Spanien und Frankreich zu schaffen. Wir haben ja algerisches Gas in Spanien. Also eine Möglichkeit ist, mehr Gas aus Nordafrika nach Europa zu bringen. Die zweite ist die sogenannte Skanled-Gasleitung von Norwegen nach Polen.

Nabucco wird natürlich für Europa den Direktzugang zum Gas aus dem kaspischen Raum, sowie aus Irak und Iran schaffen. Nord Stream wird auch mehr Versorgungssicherheit für Europa bedeuten, weil es ein neuer Lieferweg ist. Ich weiß, dass manche Staaten es bedauern. Sie haben Polen genannt, aber die Polen wissen auch, dass wir neue Pipelines bauen müssen. Sie sagen, dass sie viel günstiger wäre, wenn sie über Polen geführt hätte. Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass die EU Nord Stream unterstützt. Es ist ein gutes Projekt und entspringt aus guter Zusammenarbeit zwischen den europäischen Gasunternehmen und Gazprom. Gazprom wird immer viel Gas haben und wir müssen mit dem Gedanken weiterleben, dass wir von Russland Gas kaufen werden.

Bei den Kosten bleibt zu sagen, dass es sich um keine öffentlichen Gelder handelt. Gazprom sowie die deutschen und niederländischen Unternehmen werden selbst investieren. Wenn sie glauben, dass es das beste Projekt ist, warum sollen wir uns für ihre Einnahmen interessieren?

Aureliusz Pędziwol: Müssen die Endabnehmer nicht die höheren Kosten in Gaspreisen bezahlen?

Andris Piebalgs:Im Prinzip nein, weil der Erdgaspreis sehr eng mit dem Erdölpreis verbunden ist. Das heißt, dass die Unternehmer weniger Geld bekommen werden. Aber sie werden keine Transitkosten zahlen. So glauben sie, dass sie nach 20, 30 Jahren mehr Geld erhalten, als wenn sie das Gas über ein Transitland transportieren. Ich glaube, wir müssen den Unternehmern die Wahl überlassen.

Aureliusz Pędziwol: Die Pipeline Nabucco solle ein Test für die europäische Integration werden, sagte EU-Ratsvorsitzender Mirek Topolanek in Budapest. Sind Sie auch dieser Meinung?

Andris Piebalgs:Er hat Recht, weil hier vier Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten. Deutschland ist dabei, der Kandidatenstaat Türkei und ebenso die Europäische Kommission. Es ist also ein Kooperationstest, weil am Ende alle von diesem Projekt profitieren müssen. Ich hoffe, dass es uns gelingt zu zeigen, dass die europäischen Strukturen funktionieren und dass die Türkei ein zuverlässiges Transitland ist. Es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, aber ich glaube, dass wir am 7. Mai, beim Gipfel des Südöstlichen Gaskorridors, doch über eine Einigung berichten können. Und das ermöglicht den Bau der Nabucco-Pipeline.

Aureliusz Pędziwol:Wird Nabucco, falls es dazu kommt, die EU-Mitgliedschaft der Türkei wahrscheinlicher werden lassen?

Andris Piebalgs:Das kann so nicht gesagt werden, aber solche gemeinsame Projekte integrieren besser als Gespräche. Dennoch: Die schwierigsten Kapitel der Verhandlungen mit der Türkei sind nicht mit Energie verbunden,

Aureliusz Pędziwol: Bei den aktuellen Energiefragen geht es auch um Strom, auch um erneuerbare Energien. Wohin geht die Entwicklung?

Andris Piebalgs:Strom zu transportieren, ist komplizierter als Gastransport. Es genügt nicht, Windmühlen zu bauen; wir müssen die Infrastruktur stärken. Wir müssen viel in erneuerbare Energien investieren, auch in Netze, um den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion zu steigern. Gleichzeitig müssen wir Möglichkeiten schaffen, selbst Strom zu produzieren. Dann werden wir Kunden und Erzeuger. Das Problem, das wir mit Erdgas, Erdöl und Steinkohle haben, ist, dass jemand es für uns produzieren und in die EU bringen muss.

Aureliusz Pędziwol: Was halten Sie von „sauberer Kohle“?

Andris Piebalgs:Das ist eines der wichtigsten Probleme in Sachen Klimaschutz. Weniger in Verbindung mit der EU, sondern mit China, Indien oder den Vereinigten Staaten. Die einzige Möglichkeit, den CO2-Ausstoß zu verringern, ist zu sagen: „Wir haben Technologien der CO2-Abscheidung und -Speicherung. Ihr könnt sie verwenden.“

Außerdem kann die EU ohne den Strom aus der Kohle nicht leben. Daher haben wir nun den Vorschlag für den Rat, Vorzeigeprojekte zu unterstützen. Wichtig ist, dass das keine Forschungsprojekte, sondern richtige, große Werke sind. Sie werden Strom für Unternehmen liefern und CO2-Ausstoß zugleich verringern. Einige dieser Projekte sind in Deutschland, eines in Polen, in Spanien und andere in Großbritannien – alles große Projekte mit etwa je 800 MW Kapazität. Die Industrie glaubt zu wissen, wie man CO2 transportieren und lagern kann. Sie müssen nur testen, was es in der Praxis kostet, weil große Systeme anders als kleine funktionieren. Ohne diese neue CCS-Technik der CO2-Abscheidung und -Speicherung sind die Klimaziele nicht zu erreichen.

Aureliusz Pędziwol: Ist der Preis nicht abschätzbar?

Andris Piebalgs:Eine der Studien besagt, dass diese Anlagen nach 2020 rentabel sein können, wenn der Preis für den CO2-Ausstoß bei 30 bis 40 Euro liegt. Bei den Vorzeigeprojekten wird man jedoch mehr brauchen: 60 bis 90 Euro. Da gibt es noch viele Herausforderungen. An diesen Projekten freut mich, dass die Industrie sehr begeistert ist. Das ist natürlich auch ein Grund für Optimismus.

Aureliusz Pędziwol: Am Ende noch kurz zur Kernenergie: Hat sie Zukunft? Gibt es Chancen, das Endlagerungsproblem zu lösen?

Andris Piebalgs: Die Endlagerung hängt meiner Meinung nach von politischem Willen ab. Es fragt sich, wo es möglich ist und wer die Verantwortung übernimmt. In Finnland wird ein Lager gebaut. Es steht erst 2018, aber wichtig ist, dass alle davon wissen und dass auch die lokalen Behörden dem Unterfangen zustimmen. In Finnland läuft dieser Prozess sehr präzise ab. So kann ich ruhig sagen: Es wird die Kernkraft weitergeben. Neue Kernkraftwerke werden in Europa gebaut – wahrscheinlich weniger, als ich möchte.

Aber wir müssen uns mehr an erneuerbare Energien halten. Und noch wichtiger: Wir müssen uns mehr auf den Energieverbrauch konzentrieren. Da brauchen wir mehr Effizienz, weil da die größten Reserven liegen.

 

Zur Person:

Andris Piebalgs ist lettischer EU-Kommissar für Energie. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war er war Mitbegründer der liberal-konservativen Partei „Lettlands Weg“. Er war Bildungsminister, Finanzminister und lettischer Botschafter in Estland, bevor er zum Botschafter Lettlands bei der EU in Brüssel ernannt wurde. Dort agierte er als führender Unterhändler für die Beitrittsverhandlungen Lettlands zur EU. Als Energiekommissar steht er seit dem Beginn des Gasstreits im Brüsseler Scheinwerferlicht und profitiert bei den Verhandlungen durch seine russischen Sprachkenntnisse und sein baltisches Diplomatiegeschick.

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