Katastrophale Agrarpolitik

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Geschrieben von: Urs Fitze, St. Gallen 10.02.09
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Schon heute hungern in Indien 200 Millionen Menschen. Doch es könnten noch mehr werden. Für den indischen Agronomen Devinder Sharma führen die Pläne seiner Regierung zum Anbau von Energiepflanzen direkt in die Katastrophe. Von bis zu 60 Millionen Hektar ist die Rede. Dabei leben 60 Prozent der Inder von dem, was sie selbst anbauen.

Urs Fitze: Wie viele Menschen hungern in Indien?

Devinder Sharma: Laut Angaben des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährung sind es rund 200 Millionen. In keinem andern Land der Welt hungern so viele Menschen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In Indien leben nicht weniger als 837 Millionen Einwohner von weniger als einem halben Dollar pro Tag. Das reicht vielleicht gerade für zwei kleine Mahlzeiten. Mit anderen Worten: Mehr als drei Viertel der Bevölkerung Indiens führen ein Leben auf der Kippe. Ein Windhauch genügt, und die Existenz dieser Menschen ist bedroht.

Urs Fitze: Zeichnen sich denn Fortschritte ab?

Devinder Sharma: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Trotz des starken Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre gehen immer mehr Menschen hungrig zu Bett. Beängstigend ist die Tatsache, dass seit dem Start der ökonomischen Liberalisierung in Indien vor 18 Jahren der Reiskonsum stetig abgenommen hat, ohne dass dieser kompensiert worden wäre durch mehr Eier, Gemüse, Früchte oder Milch.

Urs Fitze: Wie wichtig ist die Landwirtschaft in Indien?

Devinder Sharma: Sie hat eine überragende Bedeutung. Rund 60 Prozent der Bevölkerung leben von dem, was sie anbauen können, die meisten von ihnen als Kleinbauern auf winzigen Flächen. Die Regierung möchte diesen Anteil binnen weniger Jahre halbieren. Das bedeutet: Rund 400 Millionen Menschen würden aus den ländlichen Gebieten in die grossen Städte abwandern, deren Elendsquartiere schon übervoll sind. Ich sehe für sie dort keinerlei Perspektive.

Urs Fitze: Welche Rolle spielt die Produktion von Energiepflanzen?

Devinder Sharma: Indien hat schon vor fünf Jahren Ziele für eine nationale Biodiesel-Politik formuliert. Die gesetzliche Umsetzung ist bislang wegen Kompetenz-Streitigkeiten einzelner Ministerien ausgeblieben. Dennoch sollen binnen weniger Jahre rund elf Millionen Hektar (knapp die dreifache Fläche der Schweiz, die Red.) mit Jatropha (dt. Purgiernuss, nicht essbar, die Red.) bepflanzt werden. Insgesamt ist sogar von 60 Millionen Hektar die Rede, die geeignet seien. Für 2009 ist von rund 500'000 Hektar die Rede, die bepflanzt werden sollen. Mit ersten grösseren Ernten wird in zwei bis drei Jahren gerechnet.

Urs Fitze: Um was für Land handelt es sich, das für Energiepflanzen genutzt werden soll?

Devinder Sharma:Im Sprachgebrauch der Planungskommission sind das Brachflächen. Doch das ist falsch. Wir reden hier teils von Grasland, auf dem die grösste Rinderzahl der Welt weidet, und von Flächen, die für die Bevölkerung für verschiedenste Zwecke, sei es Brennholz oder Textilfasern, genutzt werden. Die Folgen einer Umwidmung wären schlicht katastrophal – in einem Land, das, noch hinter Staaten wie Ruanda, Nepal oder Malawi, auf dem 66. Platz des globalen Hunger-Indexes der Uno steht.

Urs Fitze: Regt sich in der Bevölkerung Widerstand?

Devinder Sharma: Nein, bislang kaum. Aber ich gehe davon aus, dass, wenn die katastrophalen Konsequenzen dieser Politik einmal ins Bewusstsein der indischen Öffentlichkeit gerückt sind, mit einem sehr breiten Widerstand zu rechnen ist.


Zur Person:

Der Agronom Devinder Sharma leitet das Forum für Biotechnologie und Ernährungssicherheit in New Delhi, Indien.

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