Bern - Die Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit Swissaid fordert ein Moratorium für den Import von Agrotreibstoffen und setzt sich auch weltweit für eine Denkpause ein. Agrotreibstoffe seien der falsche Weg, um die Mobilität der Zukunft zu sichern. Denn sie hätten tödliche Folgen für Menschen in Entwicklungsländern, in denen die Rohstoffe für Agrotreibstoffe angebaut würden.
Ein Sarg als Zapfsäule: Es ist ein schockierendes Bild, mit dem Swissaid in seiner Jahreskampagne auf die Bedrohung durch Agrotreibstoffe aufmerksam macht. Für Geschäftsleiterin Caroline Morel ist der Zusammenhang klar, wie sie gestern Vormittag an einer Medienkonferenz erklärte: „Der Preis für eine Tankfüllung Agrotreibstoffe ist ein Sarg. Der Sarg ist das Symbol für den Tod, für einen verhungerten Menschen. Denn für eine 95 Liter-Tankfüllung eines Autos mit reinem Ethanol sind 200 Kilogramm Mais notwendig. Dies ist genug, um einen Menschen ein Jahr lang zu ernähren.“ Und solange noch Abermillionen von Menschen an Hunter litten, habe es tödliche Konsequenzen, Nahrungsmittel in Treibstoff umzuwandeln. Millionen Kleinbauern bedroht An Beispielen für diese Bedrohung mangle es nicht, sagte Morel. So seien in Kolumbien von Swissaid unterstützte Kleinbauern durch die massive, teils illegale Ausbreitung von Palmölplantagen zur Biodiesel-Produktion akut in ihrer Existenz bedroht. Der Treibstoff soll nach Europa exportiert werden. Im ganzen Land seien Hunderttausende betroffen. Weltweit hat sich allein im vergangenen Jahr die Zahl der hungernden Menschen um 150 auf 963 Millionen Menschen erhöht. Inwieweit die Produktion von Agrotreibstoffen, die derzeit 2,2 Prozent des weltweiten Treibstoffbedarfs ausmacht, dafür verantwortlich zeichnet, ist umstritten. Aber, so Caroline Morel, der Anteil sei „massgeblich“. Und das soll erst der Anfang sein. Weltweit dürften in den kommenden Jahren viele Millionen Hektar mit Energiepflanzen bedeckt werden. So plant etwa der südkoreanische Automulti Daewoo in Madagaskar knapp die Hälfte des bebauten Ackerlandes in eine gigantische Energiepflanzen-Plantage mit einer Fläche von 1,3 Millionen Hektar umzuwandeln. Die jüngsten Proteste mit Dutzenden von der Polizei erschossenen Demonstranten waren massgeblich gegen dieses Mega-Projekt gerichtet, das einen Grossteil der Bevölkerung akut in seiner Existenz bedroht. Moratorium „überfällig“ Für Nationalrat und Swissaid-Präsident Rudolf Rechsteiner ist ein Moratorium auf den Import von Agrotreibstoffen deshalb überfällig. Er hat im vergangenen Oktober eine von 104 Nationalräten mitunterzeichnete parlamentarische Initiative lanciert, die von Swissaid unterstützt wird. „Der unüberlegten Förderung von Agrotreibstoffen durch Subventionen und Beimischungsquoten in den USA und in der Europäischen Union muss dringend Einhalt geboten werden. Auch die Schweiz fördert mit ihrer Steuerbefreiung die Nachfrage nach Agrotreibstoffen.“ Das sei der falsche Weg. „Die immer lauter werdende Kritik verlangt nach einer Denkpause.“ Zeit gewinnen Es gelte jetzt, Zeit zu gewinnen „für eine öffentliche Debatte und für weitere Forschung“, etwa in die Förderung von Elektroautos, wie sie in China und Japan eingeführt würden. Die Herausforderung zur Sicherung der Ernährung weltweit sei ohnehin „gewaltig.“ Angesichts der bisher mehrheitlich negativen Erfahrungen ist es schlicht zu früh, um guten Gewissens auf die Treibstoffgewinnung aus Kulturpflanzen zu setzen.“ Auch das im vergangenen Jahr in Kraft getretene Schweizer Mineralölsteuergesetz reiche nicht aus. Die dort definierten ökologischen und sozialen Mindeststandards, um in den Genuss von Steuererleichterungen zu kommen, seien ungenügend. Denn es gelte, neben der Energieversorgung auch den Klimawandel und die Ernährungssicherung als die grossen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. „Die Energie- und Klimakrise darf nicht auf Kosten der Armen gelöst werden. Und Agrotreibstoffe lösen keine der aktuellen Herausforderungen, im Gegenteil: Sie schaffen neue Probleme. Das Beste ist also, schlicht auf sie zu verzichten.“ Bild: Palmölfrüchte in Kolumbien (Lorenz Kummer/Swissaid)
|