Think ist mehr als ein Stromauto aus Norwegen. Für Jan Olaf Willums, den Investor hinter dem Stadtflitzer, ist Think auch ein Konzept für eine effizientere Mobilität. Bisher steht dieses Konzept vor allem Unternehmen zur Verfügung, die für ihre Mitarbeiter ganze Fahrzeugflotten benötigen. Noch in diesem Jahr soll Think auch in die Schweiz kommen.
Steffen Klatt: Bildet das Stromauto die Lösung des Mobilitätsproblems?
Jan-Olaf Willums: Es ist eine der Lösungen. Wir haben ein Auto entwickelt, das für den Stadtverkehr geeignet ist. Es bietet genug Platz für die Einkäufe. Es hat eine genügend grosse Reichweite, um diese Einkäufe zu tätigen. Es gibt nur wenige Städte in der Welt, in der man mehr als 180 Kilometer am Tag fahren muss.
Steffen Klatt: Was macht Think so besonders?
Jan-Olaf Willums: Wir haben versucht zu analysieren, was Menschen in Städten brauchen. Die Idee, dass wir mit einem Auto Hunderte Kilometer in die Landschaft hinausfahren, gehört längst der Vergangenheit an. Wenn Sie heute weit reisen, nehmen Sie das Flugzeug oder den Zug. Deshalb können wir uns auf die Mobilität in der Stadt konzentrieren. Und da brauchen wir einfacheren Zugang zu Parkplätzen und wollen keine Schlangen an den Tankstellen. Wir wollen einfach nach Hause fahren und den Stecker in die Steckdose stecken. Alles soll so einfach wie möglich sein.
Steffen Klatt: Soll Think also ein einfaches Auto sein?
Jan-Olaf Willums: Ein Elektroauto ist einfach zu handhaben. Drücke auf den Knopf und fahre los. In der Stadt ist Think sogar sportlich. Von Null auf 20 beschleunigt Think wie ein Sportauto. Steffen Klatt: Wann lade ich die Batterien auf? In der Nacht?
Jan-Olaf Willums: Ja, und das reicht meistens auch. Die Batterien werden nur selten vollständig geleert. Dann braucht es die ganze Nacht. Sonst reichen auch eine oder zwei Stunden.
Steffen Klatt: Welche Batterien benutzen Sie?
Jan-Olaf Willums: Wir benutzen verschiedene Batterien. Wir wollen nicht an einen bestimmten Hersteller gebunden sein. Wir haben derzeit zwei Lithium- und eine Sodiumbatterie, und wir setzen sie jeweils nach dem Verwendungszweck ein.
Steffen Klatt: Sie arbeiten im Rahmen des World Economic Forum in einem Batterienkonsortium. Was macht dieses Konsortium?
Jan-Olaf Willums: Wir wollen die Kosten der Batterien für die Autoindustrie verringern. Ein Team in diesem Konsortium versucht herauszufinden, ob es einen gemeinsamen Einkauf und eine gemeinsame Kontrolle der Batterien geben kann. Das ist eigentlich ein Open-Source-Ansatz wie bei der Entwicklung von Computerprogrammen.
Steffen Klatt: Widerspricht dieser Ansatz nicht dem Wettbewerb zwischen den Unternehmen?
Jan-Olaf Willums: Genau das schauen wir uns an. Wir glauben, dass es ein sinnvoller Ansatz ist, offen für verschiedene Unternehmen zu sein.
Steffen Klatt: Was halten Sie vom Ansatz des Project Better Place von Shai Agassi, die Batterien auszutauschen statt aufzuladen?
Jan-Olaf Willums: Für manche Bedingungen ist das sinnvoll. Aber im normalen Stadtverkehr braucht man das gar nicht. Shai Agassi baut Ladestellen auf. Das ist sehr nützlich.
Steffen Klatt: Warum haben Sie Norwegen für die Produktion von Autos ausgewählt?
Jan-Olaf Willums: Das ursprüngliche Unternehmen war in Norwegen. Ford kaufte es vor acht Jahren und hat es einige Jahre später aus politischen Gründen wieder verkauft. Wir hatten die Chance, es kurze Zeit später wieder zu verkaufen. Aber es ist kein grosser Nachteil, dass wir in Norwegen sind. Think City ist ein in Norwegen hergestellter Zweisitzer. Er kann innerhalb von sieben Sekunden auf 50 Kilometer pro Stunde beschleunigen und erreicht 100 Kilometer pro Stunde. Seine durchschnittliche Reichweite beträgt 185 Kilometer. Think geht zurück auf die 1990 gegründete Firma Pivco, die 1999 von Ford übernommen wurde. 2003 wurde das Unternehmen an die Kamkorp Microelectronics in Le Locle im Neuenburger Jura verkauft, die 2006 in Konkurs ging. Dann übernahm eine Gruppe norwegischer Investoren um die Inspire Group das Unternehmen. Die Autoteile werden in der ganzen Welt hergestellt, in Thailand, der Türkei, Frankreich. In Norwegen setzen wir das Auto zusammen. Das braucht relativ wenige Arbeitskräfte. Wir schauen uns derzeit aber verschiedene andere Fabriken an.
Steffen Klatt: Was mache ich, wenn ich meine Grossmutter ein paar Dörfer weiter besuchen will, aber nicht den Zug nehmen kann oder will? Brauche ich dann ein zweites, grösseres Auto?
Jan-Olaf Willums: Wir verhandeln mit einer Zahl von Autovermietungsfirmen. Wir wollen da das gleiche elektronische System anbieten: Sie sagen, wo sie hingehen wollen, und das System sagt ihnen, wo Sie am Rand der Stadt das Auto abholen können. Anstelle eines technischen Systems, bei dem die Batterie ausgetauscht wird oder dergleichen, haben wir eine Systemlösung. Es wird immer ein anderes Auto bereitstehen für eine längere Fahrt. Aus der Statistik wissen wir, dass die meisten Leute nur sehr selten eine solche längere Reise antreten.
Steffen Klatt: Ist Think also nicht nur ein Auto, sondern ein Konzept für Mobilität?
Jan-Olaf Willums: Genau. Besonders Unternehmen haben sehr positiv auf dieses Konzept reagiert: Verschiedene Unternehmen teilen sich die Flotte der Elektroautos untereinander. Diese Flotte gehört vielleicht sogar einem Unternehmen, das sie für die anderen führt. Das kann man über das Internet tun.
Steffen Klatt: Wie funktioniert das?
Jan-Olaf Willums: Typischerweise hat ein Unternehmen ein Hauptquartier, von dem aus die Leute irgendwohin fahren und wieder zurückkommen. Das ist ein schöner Kreislauf, und mit unserem Konzept kann man die Taxis ersetzen.
Steffen Klatt: Wie überzeugen Sie die Unternehmen teilzunehmen?
Jan-Olaf Willums: Die Unternehmen sind zu uns gekommen. Sie haben uns gesagt, sie wollten Elektroautos und brauchten zum Beispiel 50 Stück. Da haben wir gesagt: „ Ihr braucht nur 30.“ So konnten wir sie überzeugen, dass sie Kosten sparen können, wenn sie ein solches integriertes System einführen.
Steffen Klatt: Kann dieses Konzept überall hin exportiert werden?
Jan-Olaf Willums: Ja. Wir planen das auch. Wir sind mit einer Reihe von Unternehmen im Ausland im Gespräch, die solche Autoteilete von Unternehmen einführen wollen.
Steffen Klatt: Welche Märkte haben Sie im Blick?
Jan-Olaf Willums: Vielleicht die Schweiz? Die nächsten Schritte sind wahrscheinlich Schweden und Dänemark. Viele Unternehmen wollen etwas für die Umwelt tun, und unser Konzept ist die effizienteste Art, die Leute zu ihren Verabredungen und wieder zurück ins Büro zu transportieren.
Steffen Klatt: Wann wird das Auto in der Schweiz angeboten?
Jan-Olaf Willums: Bald, im Laufe dieses Jahres. Wir wollen Think im Rahmen einer Autoteilete anbieten, einer elektrischen Autoteilete. Wir arbeiten mit verschiedenen Unternehmen in der Schweiz zusammen.
Steffen Klatt: Welchen?
Jan-Olaf Willums: Das will ich nicht sagen.
Steffen Klatt: Ist es schwieriger, Unternehmen oder Private von Ihrem Konzept zu überzeugen?
Jan-Olaf Willums: Private würden dieses Konzept ebenfalls gern nutzen können. Wir haben uns auf Unternehmen konzentriert, weil es leichter ist, mit ihnen zu arbeiten: ein Kunde, ein Konzept.
Steffen Klatt: Braucht es öffentliche Mittel, um eine Infrastruktur aufzubauen oder nutzen sie die bestehende?
Jan-Olaf Willums: Nein, es braucht keine solche öffentliche Unterstützung. In Norwegen haben viele Unternehmen bereits Steckdosen, weil sie dazu benutzt werden, die Autos aufzuheizen. In anderen Teilen der Welt wird es nicht schwer sein, ebenfalls Steckdosen an den Parkplätzen anzubringen.
Steffen Klatt: Derzeit werden an vielen Orten Elektroautos gebaut. Wird es eine Konsolidierung geben?
Jan-Olaf Willums: Vielleicht. Es kann auch sein, dass die grossen Unternehmen in den Markt gehen und einige der kleinen Unternehmen aufkaufen, um die Technologie zu bekommen. Wir wollen mit Think eine relativ hohe Qualität bieten im Vergleich zu anderen Elektroautos. Wir haben einige zusätzliche Elemente an Bord.
Steffen Klatt: Werden die Elektroautos herkömmliche Autos in absehbarer Zukunft ersetzen?
Jan-Olaf Willums: Nein. Man rechnet damit, dass bis 2020 ein Fünftel der neuen Autos Hybridantrieb haben wird, also Strom- und Verbrennungsmotor.
Steffen Klatt: Welchen Anteil werden die reinen Stromautos haben?
Jan-Olaf Willums: Das weiss ich nicht. Wir können in fünf Jahren vielleicht 50000 Autos herstellen. Dafür ist immer Platz.
Steffen Klatt: Wann wird das traditionelle Auto mit dem Verbrennungsmotor wie ein Dinosaurier aussterben?
Jan-Olaf Willums: Ich würde nicht von einem Dinosaurier sprechen. Es wird zum Beispiel immer Lastwagen geben. Aber die Leute in den Städten werden feststellen, dass sie kleiner Autos brauchen.
Zur Person: Dr. Jan-Olaf Willums ist Gründer und Chef der norwegischen Beteiligungsgesellschaft Inspire Invest. Zuvor arbeitete er für Storebrand, das grösste norwegische Finanzunternehmen, für Saga Petroleum und Volvo Petroleum. 1990 wurde er Chef der Abteilung Energie und Umwelt der Internationalen Handelskammer in Paris. 1992 war er Mitbegründer und erster Exekutivdirektor des Weltindustrierates für die Umwelt, einer der beiden Vorgängerorganisationen des Weltwirtschaftsrates für Nachhaltige Entwicklung. Willums hat an der ETH Zürich Maschinenbau studiert und am Massachusetts Institute of Technology seinen Doktor gemacht. Er lehrt heute an der Norwegischen Schule für Management.
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