Sursee - Holz hat sich als Baumaterial durchgesetzt. Seine Bedeutung wird weiter steigern, erwartet Max Renggli, Chef von Renggli Holzbau. Holz stellt aber hohe Anforderungen an die Produktion. Die Vorfertigung dürfte sich daher von der Baustelle in die Fabrik verlagern. Der industrielle Holzbau öffnet auch Exportmöglichkeiten.
Steffen Klatt: Holz hat lange den Ruf von nett, niedlich, Chalet, Kuckucksuhr gehabt. Heute gilt Holz als modern. Was hat sich geändert?
Max Renggli: In den letzten Jahren hat sich die Bautechnologie im Holzbau so verändert, dass der industrielle Holzbau in der Schweiz Einzug gehalten hat. Seit 1990 haben wir mit den Baumaterialien ganz andere Rahmenbedingungen. Wir haben hochprofessionelle Maschinen, die millimetergenau fertigen. Das hat sich zunächst auf die Nische individuelles Bauen konzentriert. Später ist die Symbiose mit dem energieeffizienten Bauen hinzugekommen, weil sich Holz dabei als kohlendioxidneutraler Baustoff anbietet. Aus diesem Grund konnten wir die privaten Bauherren im mittleren und oberen Segment überzeugen. Heute hat sich Holz etabliert.
Steffen Klatt: In der Schweiz werden höchstens mittelgrosse Gebäude aus Holz gebaut, etwa die Kantonsschule Wil SG. In Oslo dagegen wurde ein ganzer Flughafen aus Holz gebaut. Warum diese Zurückhaltung in der Schweiz?
Max Renggli: Das hat mit der Tradition zu tun. Holzhäuser wurden früher nur in den Bergen gebaut. Anderswo muss es sich erst etablieren und Traditionen durchbrechen. In der Schweiz können wir seit 2005 sechsgeschossig mit Holz bauen. Damit öffnet sich dem Holz eine neue Dimension. Im Hallenbau hat Holz international schon immer eine Bedeutung gehabt. Nun wird Holz auch bei den Wohn- und Bürogebäuden Einzug halten. Holzgebäude bieten eine sehr hohe Qualität im Innenbereich. Wenn sie richtig gebaut sind, werden sie Generationen überleben. Holz wird auch unter dem Gesichtspunkt Nachhaltigkeit immer mehr zum Thema werden. Im Bereich von neuen Einfamilienhäusern sind Holzbauten in den letzten 15 Jahren von zwei auf zwanzig Prozent angestiegen.
Steffen Klatt: Kann Holz Stein in jeder Funktion ersetzen?
Max Renggli: Man muss jedes Material an dem Ort einsetzen, der für ihn geeignet ist. Die Zukunft geht hin zur Vorfabrikation mit den richtigen Bauteilen. Ein Holzhaus ist heute nicht einfach ein Holzhaus. Sondern ein gutes Haus erfüllt die Bedingungen eines guten Wohnklimas, von Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit. Holz kann dabei eine wichtige Rolle spielen.
Steffen Klatt: Was hat die Vorfertigung damit zu tun?
Max Renggli: Die Vorfertigung wird beim traditionellen Bauen auf der Baustelle gemacht. Wir haben heute den Anspruch, eine sehr hohe Qualität herzustellen. In einem Werk haben wir dafür bessere Rahmenbedingungen als auf der Baustelle. Auf den Baustellen können dann die Einzelteile passgenau zusammengesetzt werden.
Steffen Klatt: Sieht die Baustelle der Zukunft wie ein Lego-Baukasten aus, dessen Einzelteile nur noch zusammengesetzt werden?
Max Renggli: Das habe ich früher gedacht. Gute Bauten entstehen heute durch ein ausgezeichnetes Management. Am Anfang steht eine klare Analyse dessen, was der Kunde will. Dann bauen wir ihm massgeschneidert seine Lösungen. Das hat nichts mit Baukasten zu tun, sondern mit optimierten Bauprozessen und den richtigen Bauteilen.
Steffen Klatt: Das gilt für denjenigen, der sich ein massgeschneidertes Haus leisten kann. Gibt es für die andern das Holzhaus von der Stange?
Max Renggli: Das haben viele gemeint. Deutschland hat sich in den letzten drei, vier Jahrzehnten auch einen Namen bei den Fertighäusern gemacht. Die Realität ist aber eine andere. Der Kunde hat bei den Einfamilienhäusern das Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen. Die Zukunft wird dahin gehen, dass man die Bauprozesse im Griff haben muss, unter guten Bedingungen produzieren und auf der Baustelle die Zeit verkürzen kann. Aber es wird immer individuell sein. Ich glaube nicht mehr an Konzepthäuser oder gleiche Typen. Die Bauwirtschaft muss sich in diese Richtung ändern.
Steffen Klatt: Brauchen komplizierte Produkte nicht auch professionelle Leute, um sie zu zusammenzusetzen?
Max Renggli: In der Schweiz haben wir unglaublich viel Know-how. Es gibt hier hochprofessionelle Leute im Ingenieurbereich und in der Architektur. In Zukunft schaffen wir Netzwerke, die die Gesamtplanung machen, die die Sicherheit für die Investoren bieten und unter optimalen Bedingungen produzieren. Die örtlichen Handwerker, auch im Ausland, haben dann die Kompetenz, die Teile passgenau zusammenzusetzen.
Steffen Klatt: Bietet sich damit der Schweiz ein neuer Exportmarkt?
Max Renggli: Es gibt ein grosses Bedürfnis nach Schweizer Know-How. Die Schweiz hätte enormes Potential, international tätig zu sein. Aber es ist nicht so, dass auf Schweizer Firmen gewartet wird. Wir brauchen kompetente Netzwerke vor Ort, die auf unsere Planungssysteme oder unsere Produktionsstätten zurückgreifen können. Wir wollen nicht alles in der Schweiz produzieren. Sondern wir wollen das Know-how zur Verfügung stellen und um die Komponenten ergänzen, die vor Ort zur Verfügung stehen.
Steffen Klatt: Welches sind dafür die richtigen Märkte?
Max Renggli: Es muss eine Nachfrage entstehen. In der Schweiz hätte 1990 wohl kaum jemand eine exklusive Villa in Holz gebaut. Heute ist Holz absolut in Mode. Dieser Prozess hat 15 bis 20 Jahre gebraucht. Diese Zeit braucht es auch anderswo. Holz hat überall auf der Welt seine Berechtigung. Wenn Sie in einem reinen Glashaus wohnen, brauchen Sie viel Haustechnik, um ein gutes Raumklima herzustellen. Viele Baumaterialien haben aber bereits die natürliche Eigenschaft, Feuchtigkeit und Wärme aufzunehmen und zu speichern. Die richtige Kombination dieser Baumaterialien schafft mehr Wert für Behaglichkeit, Wohn- und Arbeitsqualität.
Steffen Klatt: In welche Märkte würden Sie gehen?
Max Renggli: Die Schweizer Bauindustrie exportiert sehr wenig. Daher bieten bereits ganz kleine Schritte nach Deutschland, Frankreich und England oder in den Osten ein unglaubliches Potential. Entscheidend scheint mir, in den richtigen Ländern die richtigen Netzwerke und Investoren zu haben, um diejenigen Bauherren anzusprechen, die unsere Qualität wollen.
Steffen Klatt: Wie viel exportieren Sie heute?
Max Renggli: Wir exportieren maximal 5 Prozent. Wir sind im Moment daran, die Märkte zu prüfen. Wir sind auch in England und stellen dort ein echtes Bedürfnis fest.
Steffen Klatt: Sind Sie von der Krise betroffen?
Max Renggli: Das ist ein Thema. Wir bauen im oberen Segment, und da erleben wir beides. Es gibt zum einen Objekte, die gestoppt sind oder verlangsamt werden, auf der anderen Seite gibt es motivierende Faktoren.
Steffen Klatt: Welche?
Max Renggli: Die Zinsen sind so tief wie noch nie. Das wird viele dazu anregen zu bauen. Bauten sind reelle Werte.
Steffen Klatt: Ist die Diskussion über Nachhaltigkeit Wasser auf Ihre Mühlen?
Max Renggli: Es gibt nur zwei Themen, die uns in Zukunft wirklich beschäftigen werden, der Verzicht auf fossile Energieträger und der richtige Umgang mit den Rohstoffen, die uns zur Verfügung stehen. Das hat mit dem Weltklima zu tun, das hat aber auch mit den Bedürfnissen der Weltbevölkerung zu tun. Das Problem ist nicht die Technik. Das Entscheidende ist, wie man die Bauherren dazu bringt, in diese Richtung zu investieren.
Steffen Klatt: Wo sehen Sie den Holzbau in fünf oder in zehn Jahren?
Max Renggli: Wir werden vorn dabei bleiben bei der Entwicklung. Es gibt immer mehr Menschen, die Holzbauten nachfragen, weil sie sich darin wohlfühlen. Es ist eine spannende Aufgabe, aus der Schweiz heraus eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Wir können es uns heute erlauben, exklusive Projekte – auch Siedlungen oder ganz neue Stadtquartiere - zu realisieren, die als Vorzeigeprojekte national und international diskutiert werden. Zur Person: Max Renggli ist Chef der Renggli AG in Sursee LU. Er führt das 1923 als Sägerei gegründete Holzbauunternehmen seit 1991 in vierter Generation. Unter seiner Leitung wurden 1998 die ersten Minergie-Zertifikate an Renggli-Häuser vergeben. Ein Jahr später kam die erste Passivhaussiedlung der Schweiz in Nebikon bei Luzern hinzu. Im Jahr 2000 baute das Unternehmen ein Solarhaus aus Holz innerhalb von 24 Stunden auf dem Bundesplatz auf. 2006 errichtete die Renggli AG das erste sechsgeschossige Minergie-Holzhaus der Schweiz.
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