Wachsen mit Minergie

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 02.02.09
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Minergie ist der Schweizer Standard für ökologisches Bauen. Doch die Lösungen, die dank Minergie entwickelt worden sind, liessen sich auch exportieren, sagt Ruedi Kriesi. Der eine der beiden Väter des Minergie-Standards ist heute für die Technologieentwicklung der Zehnder-Gruppe in Gränichen verantwortlich. Gleichzeitig ist er für die Produkte und Technologie bei Zehnder Komfortsysteme zuständig.Steffen Klatt: Minergie ist einer der weltweit erfolgreichsten Standards ökologischen Baustandards der Welt. Was ist das Erfolgsrezept?

Ruedi Kriesi: Das Geschäftsmodell von Minergie ist auch sein Erfolgsrezept. Wir haben Minergie so definiert, dass Energieverbrauch, Komfort und Werterhaltung verbunden werden. Der Nutzer soll ebenfalls einen Nutzen haben, nicht nur die Umwelt. Ich muss nicht vom Nutzer einen Beitrag für die Umwelt verlangen, sondern ich kann ihm einen Nutzen verkaufen, nämlich mehr Komfort. Das ermöglicht es, die Industrie einzubinden, weil sich damit ein Geschäft machen lässt.

Steffen Klatt: Warum sind dann in der Schweiz nur 10000 Gebäude Minergie-zertifiziert?

Ruedi Kriesi: Wir haben heute etwa einen Anteil von 10 bis 15 Prozent an allen neuen Gebäuden. Das ist sehr viel. Wir haben nicht das Ziel, 80 Prozent zu erreichen. Denn dann entspräche Minergie faktisch den kantonalen Vorschriften. Minergie will 20, 30, maximal 40 Prozent erreichen. Dann müssten wir wieder unsere Standards anpassen, um vorneweg zu gehen.

Steffen Klatt: Die Kantone verschärfen derzeit ihre Bauvorschriften. Werden auch die Minergie-Standards verschärft?

Ruedi Kriesi: Das war ein Anlass, die Minergie-Standards zu verschärfen. Aber die Kantone verschärfen nur die Vorschriften zur Wärmedämmung, sagen aber noch immer nichts zur Ventilation. Der grosse Unterschied zwischen einem Haus, das nach den kantonalen Vorschriften gebaut ist, und einem Minergie-Haus ist die Komfortlüftung. Ob ein nach den kantonalen Vorschriften gebautes Haus wirklich Energie einspart, hängt deshalb vom Nutzerverhalten ab.

Steffen Klatt: Warum reicht die Wärmedämmung nicht?

Ruedi Kriesi: Aus Gründen des Energieverbrauchs und des Schallschutzes möchte ich ein Haus dicht bauen. Wenn ich aber ein Haus abgedichtet habe, muss ich frische Luft hereinbringen. Sonst stinkt es und wird feucht, Schimmelpilze bilden sich. Also muss die Luft ausgewechselt werden. Wenn das nur gemacht wird, indem die Fenster geöffnet werden, dann hängt es davon ab, wie die Fenster bedient werden. Viele Menschen sind aber den Tag über bei der Arbeit und schlafen nachts. Richtig lüften kann ich eigentlich nur, wenn ich diese Aufgabe einem Automaten übergebe.

Steffen Klatt: Dann ist Wärmedämmung ohne Lüftung also nur die Hälfte der Lösung?

Ruedi Kriesi: Nur ein Drittel. Ein Drittel ist die Luftdichtigkeit, ein Drittel die Wärmedämmung, ein Drittel die Lüftung. Luftdichtigkeit und Wärmedämmung haben miteinander nichts zu tun.

Steffen Klatt: Wenn das so klar ist, warum beziehen sich die kantonalen Vorschriften nur auf die Wärmedämmung?

Ruedi Kriesi: Die kantonalen Vorschriften können nur einführen, was die Mehrheit akzeptiert hat. Die Vorschriften bilden deshalb immer den Stand der Vergangenheit ab. Wenn eine Mehrheit der Leute noch keine Komfortlüftung akzeptiert hat, dann können das die kantonalen Vorschriften auch nicht vorschreiben. Minergie wird noch ein paar Jahre Werbung machen müssen, bis die Mehrheit überzeugt ist, und dann geht das wohl auch in die Vorschriften ein.

Steffen Klatt: Wird Minergie dann seine Aufgabe erfüllt haben?

Ruedi Kriesi: Minergie wird es auch dann noch brauchen. Die Entwicklung geht weiter, es kommen neue Ansprüche. So steigt auch in der Schweiz der Anteil der Leute, die im Sommer eine Kühlung wollen.

Steffen Klatt: Minergie ist ein Schweizer Standard. Kann er auch exportiert werden?

Ruedi Kriesi: Er kann sicher exportiert werden. Es gibt einen Lizenznehmer in Frankreich, der regional tätig und auch noch nicht sehr erfolgreich ist. Es braucht dafür einen Träger, der möglichst beim Staat sitzt und eine sehr gute Verbindung zur Wirtschaft hat. Minergie kann nur funktionieren in einer engen Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft. Das hat in der Schweiz gut geklappt. Die Schweiz hat eine Tradition der engen Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft, und zwar nicht im Sinn der Vereinnahmung des Staates durch eine Branche. Die Gesamtheit aller Branchen, die an Energieeffizienz interessiert ist, muss mit dem Staat zusammenarbeiten.

Steffen Klatt: Es gibt in andern Ländern Standards, die durchaus nicht auf einer solchen Zusammenarbeit beruhen, aber sehr wohl exportiert werden. Was halten Sie von solchen Standards?

Ruedi Kriesi: Es gibt das amerikanische LEED, das in vielen Ländern angewandt wird. Aber die Durchdringung des amerikanischen Markts durch LEED liegt um den Faktor hundert niedriger als diejenige von Minergie in der Schweiz. Schon Passivhaus in Deutschland, obwohl es keine eingetragene Marke ist, ist um den Faktor zehn weniger verbreitet als Minergie. Es gibt keinen andern Standard in der Welt, der auf seinem Heimmarkt so verbreitet ist wie Minergie.

Steffen Klatt: Weshalb hat LEED dann eine solche globale Ausstrahlung?

Ruedi Kriesi: LEED strahlt aus über die grüne Welle, das Passivhaus über die Wissenschaft, Minergie mehr über die Wirtschaft. Weil die Wirtschaft so sehr an Minergie interessiert ist, ist dieser Standard auf seinem Heimmarkt soviel stärker geworden als die andern Standards auf ihren Märkten. Im Ausland ist die Wirtschaft sehr stark an den staatlichen Standards orientiert. In Frankreich ist das die einfache Entlüftung, und zwar ohne Wärmerückgewinnung. Um das zu ändern, braucht es einen starken Träger. In Deutschland ist die öffentliche Hand so heterogen, dass sich ein solcher Standard kaum durchsetzen liesse. Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg. In der Schweiz hat man diese Homogenität nur durch die gute Zusammenarbeit der Kantone erreicht, die den wichtigsten Teil der Trägerschaft von Minergie darstellen.

Steffen Klatt: Sie sind im Jahr 2000 von der Energiefachstelle des Kantons Zürich zu Zehnder gewechselt. Haben Sie damit wirtschaftlich angewandt, was Sie zuvor entwickelt hatten?

Ruedi Kriesi: Ich bin Maschinenbauer, und ich wollte noch einmal ein bisschen näher an meinen Beruf herankommen und zugleich auch die Prinzipien der Wirtschaft nutzen. Heute exportieren wir bei Zehnder zwar nicht Minergie, aber die Technik, die zu Minergie gehört. Wir exportieren sie nach Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Italien.

Steffen Klatt: Welche Rolle spielen die Komfortlüftungen bei Zehnder?

Ruedi Kriesi: Die Komfortlüftungen machen heute bereits einen beachtlichen Teil des Umsatzes aus. Vor acht Jahren gab es sie noch gar nicht. Zehnder ist in diesem Bereich auch durch Übernahmen im Ausland gewachsen. Der grösste Schritt war 2002 die Übernahme von Stockair in den Niederlanden. Das war damals schon der grösste Anbieter von Wärmerückgewinnung auf dem Wohnmarkt in Europa.

Steffen Klatt: Was ist der Unterschied zwischen der Komfortlüftung und einer traditionellen Lüftung?

Ruedi Kriesi: Die traditionelle Lüftung saugt die Abluft aus dem WC, aus dem Bad und vielleicht aus der Küche und bringt sie über Dach nach aussen. Gleichzeitig bringt sie die Frischluft von aussen durch die Fassade ins Haus. Abluft und Zuluft sind voneinander getrennt. Damit kommt kalte Luft in die Zimmer, das ist nicht sehr komfortabel. Wieviel Luft ein Zimmer bekommt, ist zudem sehr windabhängig. Gleichzeitig wird die Chance verpasst, die Zuluft mit der Abluft aufzuwärmen.

Steffen Klatt: Wie geht es weiter mit Zehnder in diesem Bereich? Geht es linear aufwärts?

Ruedi Kriesi: Es geht eher exponentiell aufwärts. Die Zuwachsraten sind gut. Einer der stark wachsenden Märkte ist – noch auf tiefem Niveau - Italien.

Steffen Klatt: Geht Zehnder über Europa hinaus?

Ruedi Kriesi: Wir arbeiten bereits in China. In China ist die durchschnittliche Energieeffizienz miserabel. Da geht es erst um ein paar Pilotprojekte. Auch im Mittleren Osten wird es Leute geben, die etwas besseres wollen.

Steffen Klatt: Spüren Sie die Krise?

Ruedi Kriesi: Natürlich merken wir sie, aber unterschiedlich in den verschiedenen Bereichen. Bei den Minergie-Bauten merken wir sie deutlich schwächer als bei den Durchschnittsbauten. Der Anteil der Minergie-Bauten oder der Bauten mit Komfortlüftungen wächst in vielen Ländern.

Steffen Klatt: Ist also Minergie ein Verkaufsargument, auch wenn es im Export nicht so heisst?

Ruedi Kriesi: Der Anteil der Leute, die merken, dass die Komfortlüftungen eine gute Technik sind, steigt in allen Ländern. Sie merken, dass diese Technik Komfort mit Energieeffizienz und mit Werterhaltung verbindet. Zehnder ist dabei egal, ob der Standard Minergie heisst oder Passivhaus oder anders. Wenn der Anteil der Komfortlüftungen wächst, wächst Zehnder mit.


Zur Person:

Dr. Ruedi Kriesi, gelernter Maschinenbauingenieur, hat gemeinsam mit Heinz Uebersax 1994 den Minergie-Standard zur Förderung des ökologischen Bauens in der Schweiz lanciert. Er ist heute Vizepräsident des Vereins Minergie. Bei der Zehnder-Gruppe in Gränichen ist er für Technologie zuständig. Bis 2000 leitete er die Energiefachstelle des Kantons Zürich. Ruedi Kriesi ist Mitglied der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften.

Das Interview wurde während des World Future Energy Summit im Januar in Abu Dhabi geführt.

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