Immer mehr Menschen hungern

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 01.02.09
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Davos - Das Weltwirtschaftsforum hat ausführlich über die Wirtschaftskrise diskutiert. Doch es gibt Probleme, die dringlicher sind: Die Menschheit zerstört ihre Lebensgrundlage, und über eine Milliarde Menschen hungern. Am WEF war davon nur am Rande die Rede, um so mehr am Open Forum Davos. Ohne Lösungen für den Klimawandel und den zunehmenden Hunger kollabiert die globale Wirtschaft.

In Davos hat die globale Elite aus Wirtschaft und Politik die Wunden der aktuellen Finanzkrise geleckt. Allein in den USA hat der Staat gerade für 800 Milliarden Dollar Medizin gekauft, damit die Wunden nicht mehr schmerzen. Dagegen brauchten manche verschleppte Krankheiten der Welt weit weniger Geld, um geheilt zu werden. Doch darüber wurde am Weltwirtschaftsforum (WEF) nur um Rande diskutiert. Um so mehr am Open Forum: Bereits zum siebten Mal richtet der Schweizerische Evangelische Kirchenbund mit dem WEF ein alternatives, frei zugängliches Podium aus. Ethische Themenstellungen werden hier von WEF-Referenten und von der Kirche geladenen Experten behandelt. Das Konzept geht auf. Simon Weber vom Kirchenbund: „Wir haben immer ein volles Haus.“

Klimakosten gerecht verteilen

Ex-UNO-Generalsekretär Kofi Annan konnte in diesem Jahr als Podiumsteilnehmer zum Thema Klimagerechtigkeit gewonnen werden. Er steht für den Open-Forum-Geist: „Im Moment sind auf der Agenda vier dringliche Fragen: Klimagerechtigkeit, Nahrungsmittelknappheit, Energiesicherheit und natürlich Finanzkrise.“ Auf dem Podium wurde klar: Kein Wirtschaftsführer kann die Augen vor dem Klimawandel verschliessen. Hohe Summen werden auf sie zukommen, die Folgen auszugleichen. Für die weltweit entstehenden Kosten müssen sie erst noch zur Verantwortung gezogen werden. Die 49 am wenigsten entwickelten Staaten der Erde produzieren lediglich ein Prozent des Ausstosses von Kohlendioxid, aber sie gehören zu den Ländern, die am stärksten von den Folgen betroffen sind. Bharrat Jagdeo, Präsident von Guyana, bezifferte allein für sein Land die Kosten des Klimawandels: 450 Millionen Dollar.
Können Mittel dieser Grössenordnung durch Partnerschaften zwischen dem Staat und Unternehmen aufgebracht werden? Raj Singh, beim Zürcher Rückversicherer Swiss Re oberster Verantwortlicher für Risiken, plädierte für entsprechend hoch dotierte Fonds. Ist Emissionshandel eine gerechte Lösung? US-Demokrat Howard Dean zweifelt daran. Er sieht eine Steuer auf den Ausstoss von Kohlendioxid als unausweichlich an. „Europa wird das Zugpferd in diesen Fragen sein. Hier werden die wegweisenden Regeln beschlossen, die Schule machen“, sagte er. Amerika allerdings lege seine Zurückhaltung ab. Die USA dürften sich am Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokoll beteiligen, das Ende des Jahres in Kopenhagen beschlossen werden soll: „Mit Obama weicht der amerikanische und somit auch der Widerstand vieler anderer Staaten gegen das Abkommen.“

Die Welt produziert zu wenig Nahrung

Die Lebensmittelkrise war ebenso Thema des Open Forums. Die Grenze von einer Milliarde Hungernden sei gerade überschritten worden, sagt Olivier de Schutter, UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung. Bis 2050 muss die Lebensmittelproduktion um 50 Prozent gesteigert werden. Eine Misere, die nicht zuletzt durch den wachsenden Anteil von Treibstoffen an der Agrar-Rohstoffverarbeitung verursacht wurde. Der Basler Sozialdemokrat Rudolf Rechsteiner, Nationalrat und Swissaid-Präsident: „Lebensmittel gehören nicht in den Tank.“
Kann eine neue grüne Revolution oder Gentechnik Abhilfe schaffen? Die letzte grüne Revolution habe zu einer starken Abhängigkeit von den Industrienationen bei Pestiziden und Düngemitteln geführt, stellte De Schutter fest. Ähnliches könne für hochpreisige Gentechnik gelten. „Wir müssen uns immer fragen: Wer profitiert davon?“, sagte De Schutter. Stattdessen forderten die Experten, nachhaltigen Wissenstransfer, wirtschaftliche Innovationen in der Dritten Welt und eine Regulierung der Lebensmittelmengen zu fördern. Durch Marktmechanismen allein sei das nicht zu erreichen. Ohne politische Eingriffe bliebe etwa Guyana aber auf den Klimakosten sitzen, ein fruchtbares Land wie Malaysia werde hungern. Die Wirtschaft hat sich lange gegen staatliche Eingriffe gewehrt. Doch heute,  da Wirtschaftsführer sich in Bescheidenheit üben, liessen sich Regulierungen leichter durchzusetzen. Mit gutem Grund: Wenn die Probleme der Ökologie und Nahrungsversorgung nicht gelöst werden, kollabiert langfristig das Wirtschaftssystem.