Wir brauchen das kollektive Glück

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Geschrieben von: Urs Fitze, Davos 29.01.09
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Davos - Der Franzose Matthieu Ricard ist buddhistischer Mönch in Nepal. Am Weltwirtschaftsforum in Davos wirbt er als Abgesandter des Dalai Lama für das Bruttonational-Glück, eine kollektive Anstrengung zum Wohlergehen für alle statt individuellem Glück.

Urs Fitze: Sie sind als buddhistischer Mönch und enger Vertrauter des Dalai Lama Teilnehmer am Weltwirtschaftsforum. Was machen Sie hier?

Matthieu Ricard: Nun, ich wurde als religiöser Führer eingeladen. Auch wenn ich das keineswegs bin und auch der Buddhismus nicht als Religion verstanden werden sollte, habe ich die Einladung dennoch gerne angenommen. Ich nehme hier an verschiedenen Veranstaltungen teil und führe auch viele Gespräche.Urs Fitze: Welche Botschaft überbringen Sie?

Matthieu Ricard: Mir geht es darum, das Glück wieder unter die Menschen zu bringen, oder, um es in der Sprache der Wirtschaft zu sagen, mir geht es um nicht um das Bruttosozialprodukt, sondern um das Bruttonational-Glück.

Urs Fitze: Was meinen Sie damit?

Matthieu Ricard: Wirtschaftlicher Erfolg alleine macht nicht glücklich. Natürlich sind wir alle froh und dankbar, wenn die Wirtschaft läuft und wir alle davon profitieren. Aber damit alleine werden wir unser Glück nicht finden, schon gar nicht, wenn wir nur auf unser eigenes Glück aus sind. Es braucht dazu das nationale Glück, ein gemeinschaftliches Glücksempfinden, zu dem wir alle beitragen können.

Urs Fitze: Wie reagieren die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums auf Ihr Anliegen?

Matthieu Ricard: Wohlwollend, interessiert. Aber dann kommt sofort das Argument der Machbarkeit. Man müsse realistisch sein und sich an dem orientieren, was sich auch umsetzen lässt. Alles andere wird damit ins Reich der Utopie verwiesen. Aber da liegt der Denkfehler. Es geht nicht um Utopien oder Religion, es geht um eine ganz weltliche Ethik. Hier geht es um das Glück der Menschen, aber auch um eine intakte Umwelt, zu der wir alle Sorge tragen müssen. Sie sehen, es ist eigentlich ganz einfach.

Urs Fitze: Aber wie soll diese Ethik vom kollektiven Glück in der Praxis eines Unternehmens umgesetzt werden?

Matthieu Ricard: Zum Beispiel, indem bewusst der Reingewinn auf fünf Prozent des eingesetzten Kapitals beschränkt wird. Höhere Gewinne dienen weder den Aktionären noch den Angestellten, sondern der Hebung des allgemeinen Wohlbefindens.

Urs Fitze: Sie leben in einem Kloster in Nepals Hauptstadt Katmandu, in einem der ärmsten Länder der Welt. Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise dort aus?

Matthieu Ricard: Die Menschen in Nepal lässt das eigentlich kalt. Sie sind mit dem täglichen Überleben schon genug beschäftigt.

Urs Fitze: Was sind Ihre nächsten Pläne?

Matthieu Ricard: Ich werde mich für einen Monat in meine Monatsklause zurückziehen, um zu meditieren. Das, so haben neurologische Untersuchungen gezeigt, hebt übrigens das Glücksempfinden enorm.

 

Zur Person:

Matthieu Ricard, geboren 1946, ist Zellbiologe. Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit Buddhismus, seit 1979 lebt er als einfacher Mönch in Nepal. Seit 1989 ist er der französische Dolmetscher des Dalai Lama.

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