Bonn - Die erneuerbaren Energien sind zu einem globalen Industriezweig geworden. In der internationalen Politik allerdings hatten sie bisher keinen Anwalt. Nun haben 75 Länder in Bonn die Internationale Agentur für erneuerbare Energien IRENA gegründet . Bonn und Wien beteiligen sich am Rennen um den Sitz der neuen Behörde.
Hermann Scheer ist am Ziel. Während fast zwei Jahrzehnten hat der Präsident von Eurosolar und SPD-Bundestagsabgeordnete dafür gekämpft, dass eine Internationale Agentur für erneuerbare Energien zu gründen. Am Montag haben sich die Vertreter von 75 Ländern - darunter der Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger - in Bonn getroffen, um IRENA aus der Taufe zu heben – und damit Scheers Idee umzusetzen. Aufgabe der neuen Agentur sei „die generelle Beschleunigung der breiten Einführung erneuerbarer Energien mit all den politischen, technologischen und auf die Ausbildung bezogenen Voraussetzungen“, sagt Scheer. Bisherige Behörden haben versagt Drei Länder haben sich für die Gründung der Agentur stark gemacht. Neben Deutschland sind dies Dänemark und Spanien – die drei Vorreiter der modernen erneuerbaren Energien in Europa und der Welt. Aus der Sicht dieser drei Länder braucht es diese Agentur, da die bestehenden internationalen Energiebehörden in dieser Hinsicht versagt haben. „Es gibt keine internationale Behörde, die genug Mittel für die erneuerbaren Energien aufbringt“, sagt Hans Jörgen Koch, stellvertretender dänischer Energiestaatssekretär. Die Internationale Energieagentur (IEA) komme dieser Aufgabe noch am nächsten, sagt Koch. Aber auch sie gebe nur 2 Prozent ihres Budgets für die Erneuerbaren aus. „Wir haben versucht, diesen Anteil und die Summen zu erhöhen“, sagt Koch, der selber acht Jahre als Direktor bei der IEA gearbeitet hat. „Aber die Mitgliedsstaaten wollten das nicht.“ Hinzu komme, dass die IEA nur den Mitgliedern der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit offenstehe, also den Industriestaaten. Die Initiatoren hatten zunächst versucht, die neue Behörde in den Rahmen der Vereinten Nationen einzubetten. Doch die Verhandlungen verliefen im Sande. In der UN braucht es für solche Entscheidungen den Konsens aller Mitglieder. Doch wer schnell sein wolle, könne nicht auf den Konsens warten, sagt Scheer. Er verweist auf Klimawandel und Energiekrise. „Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit.“ Wettkampf um den Sitz Die Delegierten der Gründungsmitglieder haben am Montag in Bonn nur die Organisation selbst gegründet. Die Entscheidungen über ihren Sitz und ihren ersten Generaldirektor sollen aber erst im Juni fallen. Mehrere Staaten haben bereits ihren Wunsch deutlich gemacht, die Agentur zu beherbergen. Deutschland hat Bonn ins Rennen geschickt. Als ehemalige Hauptstadt verfügt die Stadt am Rhein über die nötige Infrastruktur. Dort hat bereits das UN-Klimasekretariat seinen Sitz. Zudem hat Deutschland mit seiner Einspeisevergütung den weltweiten Aufschwung der erneuerbaren Energien erst möglich gemacht. Auch Mit-Initiant Spanien will Sitzstaat werden. Es wird auch erwartet, dass Kopenhagen kandidiert. Noch aber habe die dänische Regierung nichts entschieden, sagt Koch. Im Rennen ist zudem Wien, Sitz der Internationalen Atomenergieagentur und der Organisation der Erdölexportierenden Staaten. Ausserhalb Europas haben bisher nur die Vereinigten Arabischen Emirate ihren Anspruch angemeldet – dies aber umso vernehmlicher. Das Emirat Abu Dhabi möchte den Sitz in die Ökostadt Masdar holen, die derzeit gebaut wird. „Wir werden unser Ziel aggressiv anstreben“, sagt Sultan Al Jaber, Chef der staatlichen Betreibergesellschaft Masdars. Sein Trumpf: Das Emirat investiert 15 Milliarden Dollar in Masdar, und davon möchten auch europäische Unternehmen ein Stück erhalten. Mit dem Sitz ist auch die Frage nach dem Vorsitz verbunden. Hermann Scheer wird als Initiant der Agentur als ihr „natürlicher“ erster Generaldirektor angesehen. Scheer stellt sein Interesse an dem Posten nicht in Abrede. Allerdings müsste er von einer Regierung vorgeschlagen werden. „Das muss aber nicht die Regierung des eigenen Landes sein.“ Hans Jörgen Koch jedenfalls preist den „Solarpapst“ aus Deutschland in den höchsten Tönen. Doch macht Scheer das Rennen, kann sich Bonn den Sitz der Behörde abschminken. Aus der Nische zum globalen Geschäft Die Gründung von IRENA fällt zusammen mit weltweiten politischen Anstrengungen, auch mit Hilfe der erneuerbaren Energien die Wirtschaftskrise zu überwinden. Barack Obama will die Bundesausgaben in den USA in den nächsten zehn Jahren auf 150 Milliarden Dollar verdoppeln. Die EU will den Anteil der Erneuerbaren bis 2020 auf 20 Prozent verdreifachen. China wächst zum grössten Windkraftproduzenten der Welt heran. Die erneuerbaren Energien sind aus der Nischenbranche zu einem globalen Geschäft geworden. Mit IRENA wird das auch auf internationaler Ebene anerkannt. Bild: Der Initiant von IRENA, Hermann Scheer, während des World Future Energy Summit im Januar 2009 im Gespräch mit dem Chef von Masdar, Sultan Al Jaber. (Bild: Steffen Klatt)
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