Schweizer zieht es an den Golf

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 20.01.09
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Bundesrat Leuenberger öffnet Schweizer Unternehmen Tür zu Ökoprojekt in Abu Dhabi. Die Schweiz will in der Ökostadt Masdar bei Abu Dhabi ein “Swiss Village” gründen. Mehr als 30 Unternehmen wollen dort eine Vertretung einrichten. Doch die Konkurrenz aus Ländern wie Grossbritannien und Deutschland ist stark.

Ausgerechnet Abu Dhabi will zum globalen Zentrum der erneuerbaren Energien werden. Das ölreichste der sieben Vereinigten Arabischen Emirate will nicht nur bis 2020 insgesamt 7 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen erzeugen – bis vor kurzem lag der Anteil bei Null. Der Golfstaat mit dem höchsten Energieverbrauch pro Kopf in der Welt hat zudem begonnen, eine Ökostadt aus dem Boden zu stampfen. Die Stadt Masdar vor den Toren der Hauptstadt Abu Dhabi soll ihre gesamte Energie aus erneuerbaren Quellen selbst erzeugen, netto kein Kohlendioxid freisetzen und keinen Abfall produzieren. Hier sollen 50000 Menschen leben und weitere 40000 zur Arbeit herpendeln. Kostenpunkt: 22 Milliarden Dollar, von denen 15 Milliarden vom Staat stammen.

Leuenberger öffnet die Tür

Kein Wunder, dass Schweizer Unternehmen dabei sein wollen – und gern auf Bundesräte als Türöffner zurückgreifen. Moritz Leuenberger ist Anfang der Woche mit einer Delegation von Wirtschaftsvertretern in Abu Dhabi gewesen. „Masdar ist ein Symbol, dass ein Leben ohne den Ausstoss von Kohlendioxid möglich ist“, sagte er vor den Medien in Abu Dhabi. Die Ökostadt könnte helfen, Zauderer vom Wert der erneuerbaren Energien zu überzeugen. Begleitet wurde Leuenberger von Bertrand Piccard. „Masdar ist einzigartig“, sagt der Solarflugzeugpionier. Kein Land in der Welt, auch nicht in Europa, habe sich bisher an ein solches Projekt gewagt.
Im eigenen Land musste Leuenberger keine Überzeugungsarbeit mehr leisten, jedenfalls, was die Reise nach Abu Dhabi angeht. Hundert Unternehmer hätten mit an den Golf kommen wollen. Immerhin 37 Unternehmen sind Mitglied der Swiss Village Association geworden. Der Verein will in Masdar ein eigenes Schweizer Stadtviertel einrichten, mit Vertretungen Schweizer Unternehmen, aber auch einem Hotel. Zu ihnen gehören Hersteller und Zulieferer der Solarindustrie wie Oerlikon und Meyer Burger in Baar. Zu ihnen gehören auch Spezialisten ökologischen Bauens wie die Zehnder Group, die bereits ein Viertel ihres Umsatzes mit Komfortlüftungen erzielt, und der Holzhaushersteller Renggli aus Sursee. Mit an Bord ist auch die Hotelkette Swissotel, die UBS und myclimate, die Organisation, die Kompensationen für den Ausstoss von Kohlendioxid anbietet.

Briten und Deutsche holen auf

Noch hat die Schweiz in Masdar die Nase vorn: In einer Absichtserklärung, die am Montag unterzeichnet wurde, sagte die staatliche Betreibergesellschaft der Schweiz das Filetstück der neuen Stadt zu, das zentral gelegene Viertel zwischen Universität und Verwaltungszentrum. Wenn alles gut geht, könnte das Schweizer Dorf am Golf bereits 2012 Wirklichkeit sein. Diese privilegierte Stellung verdankt die Schweiz ihrer frühen Präsenz in Masdar: Die Zürcher Planungsfirma Maxmakers war 2006 als erste ausländische Firma in die Planung einbezogen worden. Die Credit Suisse übernahm die Verwaltung eines 250 Millionen Dollar schweren Fonds, mit dem die Betreibergesellschaft in zahlreiche – vor allem amerikanische – Unternehmen der erneuerbaren Energien investiert hat. Und der Schweizer Botschafter, Wolfgang Amadeus Brülhart, war der erste ausländische Vertreter, der sich um eine Verlegung der Botschaft in die Ökostadt bemüht hat.

Doch andere Länder holen auf. Der britische Premier Gordon Brown ist im Herbst persönlich nach Abu Dhabi gekommen, um britischen Firmen die Tür zu öffnen und Investitionen des Emirats in die britische Umweltindustrie zu erhalten. Masdar hat bereits in einen Windpark vor der englischen Küste investiert. Auch Deutschland holt auf. So bewirbt sich Siemens um das gleiche Grundstück, das eigentlich der Schweiz vorbehalten bleiben sollte. Die baskische Regierung hat mit Masdar eine Vereinbarung unterzeichnet, ein Gemeinschaftsunternehmen zur Produktionvon Komponenten für die konzentrierte Sonnenkraft aufzubauen. Der US-Mischkonzern General Electric hat einen Tag nach Leuenbergers Besuch mit Masdar vereinbart, in der Ökostadt das erste Zentrum seines Umweltprogramms "ecomagination" aufzubauen.

Das Emirat tut zudem alles, um die Anziehungskraft Masdars weiter zu erhöhen. Es will deshalb IRENA, die neue internationale Agentur für erneuerbare Energien, nach Masdar holen. "Wir werben aggressiv dafür, den Sitz zu bekommen", sagt Sultan Al Jaber, Chef der staatlichen Betreibergesellschaft Masdars.

Wie gross das globale Interesse der Wirtschaft gerade in Zeiten der Krise und versiegender Finanzquellen ist, in das reiche Emirat zu kommen, zeigt der World Future Energy Summit diese Woche in Abu Dhabi. Geschaffen faktisch als Einkaufsplattform für Masdar, fand er diesmal erst zum zweiten Mal statt. Doch ausser Würdentraegern wie dem holländischen Prinzen Willem-Alexander und dem britischen Ex-Premier Tony Blair waren auch zahlreiche internationale Energieunternehmen mit führenden Vertretern anwesend, darunter der britische Olkonzern BP, der spanische Energiekonzern Endesa und die deutsche Eon, Anlagenbauer wie Siemens und ABB, Ingenieurunternehmen wie die deutsche Lahmeyer, Solarmodulhersteller wie Applied Materials. Die Ausstellungsfläche der parallel stattfindenden Messe hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Wenn die Schweizer Unternehmen zögern, stehen andere bereit.

Von Masdar nach „Abu Dübi“

Geht es nach den Initianten des Swiss Village, soll Masdar nicht auf Abu Dhabi beschränkt bleiben. Nick Beglinger, Partner von Maxmakers und Präsident des Vereins Swiss Village, hat vorgeschlagen, auch in der Schweiz ein Zentrum der Nachhaltigkeit einzurichten. Ein geeigneter Standort sei der Militärflughafen Dübendorf, der umgenutzt werden muss. Für Moritz Leuenberger hat diese Idee Charme. „Für mich als Energieminister ist das ein hochinteressantes Projekt“, sagte er auf Anfrage. Und auch für Bertrand Piccard wäre es „wunderbar“, die Idee Masdars in die Schweiz zu „reimportieren“. Allerdings will er – ganz Pilot – wenigstens ein Teil der Landebahn Dübendorfs zu erhalten. Der Weg zu einem „Abu Dübi“ bei Zürich ist allerdings lang. Eine Gruppe um den FDP-Vizepräsidenten und Zürcher Nationalrat Ruedi Noser will das Gelände für einen Wissenschaftspark nutzen. So ähnlich die beiden Ideen scheinen – eine Einigung ist noch nicht in Sicht.

 

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