London - Eigentlich will die britische Regierung Europas grössten Flughafen erweitern. Befürworter wollen damit die Wettbewerbsfähigkeit Londons stärken. Gegner der Erweiterung kaufen Land auf, um die Erweiterung Heathrows zu verhindern. Der Bau einer dritten Landebahn würde aber auch der Klimapolitik der Regierung zuwiderlaufen – und spaltet entsprechend das Kabinett.
Die Auseinandersetzung um Heathrow geht in ihre entscheidende Phase. Gegner einer Erweiterung von Europas grösstem Flughafen trafen sich am Montag in und um Heathrow. Denn in diesen Tagen will die Regierung entscheiden, ob eine weitere Landebahn gebaut werden soll. Damit könnten bis zum Jahr 2030 jährlich 720.000 Flüge statt bisher 480.000 von Heathrow abgefertigt werden. Befürworter fürchten um Wettbewerbsfähigkeit Die Grossen der Flughafenindustrie, Gewerkschaftsvertreter und Wirtschaftsführer versammelten sich ebenfalls am Montag in der Londoner City, um nochmals an die Regierung zu appellieren. Ihrer Ansicht nach ist die Erweiterung unerlässlich für Londons Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegensatz zu Paris oder Amsterdam verfügt Heathrow nur über zwei Start- und Landebahnen. Die Nachbarn auf dem europäischen Kontinent drohen London im internationalen Markt zu überholen. Der Vorstandsvorsitzende des Dachverbandes der britischen Industrie (CBI), Richard Lambert sagte, „Heathrow ist unser Tor zur Welt. Wir müssen sicherstellen, dass der Standort weltklasse bleibt und den Bedürfnissen der globalen Wirtschaft gerecht wird.“ Dabei betonten Gewerkschaftssprecher, die Expansion würde bis zu 65.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Um Klimasorgen auszuräumen, erklärte British Airways-Chef Willie Walsh derweil, die Start- und Landebahn werde voraussichtlich nicht vor 2020 fertig gestellt werden. Bis dahin würden neue Flugzeuge 50 Prozent weniger Kohlendioxid ausstossen als heutige Maschinen. Gesundheitsrisiken lasten schwer Sollte Heathrow seine Kapazitäten erweitern, so müssten 255 Hektar Grünflächen weichen. 700 Häusern, darunter einhundert von historischer Bedeutung, droht die Abrissbirne. Anwohner fürchten erhöhten Fluglärm. Auch die Luftqualität würde durch einen höheren Ausstoss von Stickoxiddioxid weiter beeinträchtigt werden. Und das, obwohl die Werte bereits jetzt gegen EU-Luftschutz-Vorschriften verstossen. Die Regierung brachte in der vergangenen Woche eine völlig neue Komponente ins Spiel. So wird der Bau einer Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Londons Zentrum, dem Flughafen Heathrow und dem Norden des Landes erwogen. Damit soll auch der Anfahrtsverkehr zum Flughafen entlastet werden. Die Opposition sieht diese Erwägungen allerdings als Ablenkungsmanöver, um Umweltschützer und Anwohner ruhig zu stellen. Britische Stars kämpfen gegen Ausbau Die grüne Lobby hat inzwischen prominente Helfer ins Boot geholt. So gab Greenpeace bekannt, die Organisation habe eine für den Flughafenausbau designierte Fläche gekauft. Finanziert wurde das Land – etwa halb so gross wie ein Fussball-Feld – unter anderem von der Schauspielerin Emma Thompson, dem Kabarettisten Alistair McGowan sowie der Parlamentssprecherin der Konservativen, Justine Greening. Emma Thompson sagte, „Ich verstehe nicht, wie eine Regierung, die vorgibt, sich für den Klimaschutz einzusetzen, solche lächerlichen Pläne auch nur in Betracht ziehen kann.“ Der Preis der Grünfläche, die mit den Lettern „Unser Klima - unser Land“ versehen wurde, ist nicht bekannt. Die Schauspielerin versicherte, „Wir werden den Bau verhindern. Selbst wenn wir hier einziehen und Gemüse anbauen müssen.“ Unterdessen trafen sich 250 Anti-Flughafen-Demonstranten zum Picknick im Heathrow Terminal Eins. Als Verkleidung wählten die „Climate Rush“ (Klimasturm)-Aktivisten Kostüme der Jahrhundertwende, ganz im Stil der friedlichen Frauenrechtsbewegung der „Suffragettes“. „Wir wollen ebenso wie unsere Vorfahren auf zivilisierte Weise einen positiven Wandel für die Zukunft erreichen.“, sagte Protest-Organisator Dan Glass. Klimadebatte schafft neue Allianzen Die Flughafen-Debatte hat zu illustren Allianzen geführt. Klimaschutz-Aktivisten machen gemeinsame Sache mit den Konservativen, die den Bau im Falle ihrer Wahl stoppen wollen. Die Gewerkschaften ziehen mit der Industrie an einem Strang. Innerhalb der Labour-Regierung streitet sich der neue Klimawandelminister Ed Miliband mit dem Premierminister Gordon Brown. Der Ausgang wird als Zerreissprobe für die grüne Agenda der Regierung gesehen. Beobachter meinen derweil, der Sturm werde erst richtig losbrechen, wenn das Parlament das grüne Licht gibt. Denn die wahren Kämpfe würden in den kommenden zehn Jahren vor Gericht und in öffentlichen Ausschüssen ausgefochten werden, bis die neue Start- und Landebahn gebaut sein würde. Bild: Jürgen Lehle
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