Das Bauen mit Strohballen ist eine der ökologischsten Bauweisen, die besonders in den Ökodörfern weltweit eingesetzt wird – aber längst nicht nur dort. Gerade die als besonders stabil und beständig geltende Konstruktionsweise, der niedrige Energieverbrauch sowie die zumeist sehr gute lokale Verfügbarkeit des Baustoffes und letztlich die unkomplizierte Entsorgung ohne Sondermüll machen den Strohballenbau für Häuslebauer interessant.
Claudia Kohlus: Der Strohballenbau ist keine Erfindung unserer Zeit. Wo hatte er seinen Ursprung? Werner Schmidt: Der Strohballenbau hat Ende des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten begonnen, genauer gesagt in Nebraska, wo ungefähr zwischen 1885 und 1890 die ersten Strohballenpressen gebaut wurden. Mit den Strohziegeln (Strohballen) konnte man dann in dem waldlosen Gebiet damit beginnen, kostengünstig Gebäude zu errichten. Und plötzlich haben die Leute festgestellt, dass sie im Winter viel weniger Holz zum Heizen benötigten, und dass es im Sommer angenehm kühl war. Claudia Kohlus: Wenn Menschen heutzutage mit dem Gedanken spielen, in einem Strohballenhaus wohnen zu wollen, welche Unterschiede gibt es dann im Vergleich zum herkömmlichen Hausbau bezüglich der Baukosten? Werner Schmidt: Hier muss man unterscheiden. Eine Möglichkeit ist die Erstellung im Eigenbau, das heisst in Eigenleistung. Diese Variante kann sehr günstig werden, erfordert allerdings eine grosse Einsatzbereitschaft und viel Zeit. Nach meiner Erfahrung ist der Mensch eher versucht, sich zu überschätzen. Und doch: Es kann funktionieren. Claudia Kohlus: Und die zweite Möglichkeit? Werner Schmidt: Die zweite Option wäre, das gesamte Strohballenhaus mit kompetenten Firmen zu realisieren. Wenn die Handwerker normal entlohnt werden sowie eine Infrastruktur aufrechterhalten werden muss, kostet das Gebäude mit einer tragenden Holzkonstruktion nach meiner Erfahrung in etwa gleich viel wie ein konventionelles Haus. Wenn man hingegen das Gebäude als lasttragende Variante realisiert, dann kann es bei einfacher Konstruktion etwa 10 Prozent günstiger realisiert werden. Claudia Kohlus: Braucht es also für den Strohballenbau ein anderes Konstruktionsprinzip als beim herkömmlichen Hausbau? Werner Schmidt: Realisiert man ein Strohballenhaus mit einer Holzkonstruktion, dann sind die Strohballen nur das Isolationsmaterial. Es könnte aber ebenso gut ein anderes ökologisches Isolationsmaterial zwischen die Holzkonstruktion eingebracht werden. Diese Konstruktionsweise ist eigentlich ein herkömmlicher Hausbau, nur eben mit einem anderen Isolationsmaterial. Bei der Realisierung nach dem lasttragenden Verfahren braucht es allerdings ein komplett anderes Konstruktionsprinzip. Claudia Kohlus: Und das wäre? Werner Schmidt: Die Kompression der Strohballen unter der jeweiligen Last muss während der Planung berücksichtigt werden. Bei der lasttragenden Strohballenbauweise senkt sich das Gebäude durch das Gewicht der darüber liegenden Geschosse. Das geschieht innerhalb und auch in der ersten Zeit nach dem Aufbau. Wenn man ein lasttragendes Strohballenhaus errichtet, verhält es sich während der Bauphase wie ein Lebewesen, wie ein Organismus. Es reagiert also auf kleinste Gewichtsunterschiede. Nach ein bis zwei Monaten bildet sich ein Gleichgewichtszustand, der dann durch den Verputz und eventuelle Innenwände endgültig stabilisiert wird. Claudia Kohlus: Wie viele Strohballenhäuser sind mittlerweile gebaut worden? Werner Schmidt: Wie viele Strohballenhäuser es weltweit gibt, weiss ich nicht – vielleicht mehrere zehntausend. In der Schweiz gibt es vielleicht eine Handvoll. Claudia Kohlus: Wie viele haben Sie bis jetzt realisiert? Werner Schmidt: In der Schweiz, Italien und Deutschland sind es momentan insgesamt zwölf Strohballengebäude. Fünf davon mit einer Holzkonstruktion als tragende Struktur, sieben als lasttragende Konstruktion. Neun weitere Strohballenhäuser sind bereits in Planung. Claudia Kohlus: Sehen Sie Chancen, dass diese Technik für ärmere Regionen weltweit eine Alternative sein kann? Werner Schmidt: Nach meiner Ansicht ist diese Bauweise für ärmere Regionen, in denen Korn oder Reis angebaut wird, sehr geeignet. Wir haben beispielsweise ein Projekt für Pakistan aus Reisstrohballen gemacht, das allerdings bis heute noch nicht realisiert werden konnte. Vielleicht kommt es noch. Auf jeden Fall hat das Projekt aber gezeigt, dass mit dieser Bauweise viele der dortigen Probleme gelöst werden könnten. Claudia Kohlus: Welche Probleme haben Sie damit lösen können? Werner Schmidt: Weniger Abhängigkeiten durch kostengünstigeren Wohnraum aus eigenen Materialien, aber auch Heizkostenreduktion, was die Abholzung der Wälder minimieren kann. Und vor allen Dingen die Erdbebensicherheit, denn bei entsprechender Konstruktion sind Strohballenhäuser erdbebensicher. Claudia Kohlus: Wie sieht die Klimabeständigkeit im Hinblick auf Kälte, Hitze, Trockenheit oder Nässe aus? Werner Schmidt: Strohballenhäuser gibt es in tropischen Gebieten, in trockenen Regionen wie auch in sehr kalten Gegenden. Claudia Kohlus: Wie beständig ist das Material? Werner Schmidt: Die ältesten Strohballenhäuser, die ich kenne und die noch immer bewohnt sind, wurden bereits 1903 gebaut. Das spricht für das Material. Ein anderes Beispiel: Teile der chinesischen Mauer, die auch mit Strohballenbündeln realisiert wurde, sind Tausende von Jahren alt. Dagegen gibt es die heute normalerweise verwendeten Isolationsmaterialien erst seit etwa 20 bis 50 Jahren. Wer garantiert also, dass diese Materialien noch funktionieren, wenn sie, wie das besagte Strohballenhaus in Nebraska von 1903, einmal 105 Jahre alt geworden sind? Claudia Kohlus: Können mit dem Strohballenbau Niedrig- oder Passivhausstandards erreicht werden? Werner Schmidt: Die lasttragenden Gebäude mit „Jumboballen“, die ich realisiert habe, sind betreffend dem Energieverbrauch sogar um ein Vielfaches besser als Niedrigenergie- oder Passivhäuser. So betragen die geforderten u-Werte der Wände für ein Passivhaus etwa 0.12W/m²K (Mass für den Wärmedurchgang durch ein Bauteil; es besagt, welche Leistung pro Quadratmeter nötig ist, um eine Temperaturdifferenz von einem Kelvin aufrechtzuerhalten, ck). Das Strohballenhaus Braun-Dubuis beispielsweise, das wir 2002 realisiert haben, hat Wände mit einem u-Wert von ca. 0.04W/m²K. Das bedeutet, dass die u-Werte der Wände dieses Strohballenhauses um den Faktor 3 besser sind als diejenigen eines Passivhauses. Dabei hat das Haus Braun-Dubuis weniger gekostet als ein konventionelles Passivhaus. Claudia Kohlus: Was lässt sich zum Energiestandard der Gebäude sagen? Werner Schmidt: Wenn man sagt, dass man ein Strohballenhaus baut, dann kann man daraus noch nicht direkt auf den Energiestandard schliessen. Isoliert man ein Haus allerdings mit 35 Zentimeter Stroh, ist man bereits im Bereich einer Wandisolation eines Passivhauses. Die Frage ist also, wie dick man mit Stroh isoliert, etwa mit 35 Zentimeter, 50 Zentimeter, 80 Zentimeter oder 120 Zentimeter. Interessant ist dabei, dass die Stärke der Isolation im Falle einer Strohballenkonstruktion für die Kosten praktisch keine Rolle spielt. Die Materialkosten von Stroh pro Kubikmeter sind in Bezug auf die gesamten Gebäudekosten vernachlässigbar. Ganz im Gegensatz zu sämtlichen heute verwendeten Isolationsmaterialien, deren Preise aufgrund der energieintensiven Produktion ständig steigen. Claudia Kohlus: Spielt Nachhaltigkeit in der Architekten- und Baubranche heute eine Rolle? Werner Schmidt: Für mich spielt es seit bald 30 Jahren eine sehr grosse Rolle. Ich sehe das Thema für Architekten aufgrund ihrer Stellung in einem Bauablauf als grosse Chance. Denn der Architekt weiss, was der Bauherr realisieren möchte, er kennt dessen finanziellen Möglichkeiten, die gesetzlichen Vorgaben sowie die architektonischen und städtebaulichen Aspekte und kann dadurch Entscheidungskriterien aufzeigen, da er der Einzige ist, der die Informationen und Fakten zu einem Ganzen vermischen kann. Claudia Kohlus: Woher kommt Ihre Faszination für den Strohballenbau? Werner Schmidt: Mich hat schon immer die Natur fasziniert. Und Strohballen faszinieren mich deshalb, weil ich überzeugt bin, mit diesem Material das Ziel eines autarken Gebäudes mit grösstmöglicher Unabhängigkeit für die Bewohner realisieren zu können – und das zu vernünftigen Kosten. Für mich ist das Ziel, Gebäude realisieren zu können, die keinerlei Anschlüsse mehr benötigen, weder für Wasser noch für Abwasser, und auch keine für Elektrizität. Weiter muss das Gebäude drei bis vier Mal mehr Energie produzieren, als es selbst verbraucht, damit der Nahverkehr realisiert werden kann. Ein Gebäude dieser Art ist also von sich aus ökologisch. Vielleicht kann man sogar sagen, je weniger abhängig ein Gebäude ist, desto ökologischer ist es. Claudia Kohlus: Was meinen Sie damit? Werner Schmidt: Ein Punkt, der meiner Ansicht nach in unserer Zeit falsch läuft, ist die immer grössere Abhängigkeit von uns Menschen von irgendwelchen Institutionen, Konzernen und Energielieferanten. Wir haben zwar viele Vorteile in den letzten hundert Jahren erworben, aber die Abhängigkeit hat für mich persönlich unerträgliche Ausmasse angenommen. Claudia Kohlus: Wie sehen Sie die Zukunft des Strohballenbaus in Europa? Werner Schmidt: Für mich hat die Zukunft des Strohballenbaus längst begonnen. Im Moment planen wir wie bereits erwähnt neun Strohballengebäude. Das kleinste hat eine Grösse von 90 Quadratmeter, das grösste 1500 Quadratmeter. Es entstehen einfachste, autarke Strohballenhäuser, aber auch sehr exklusive im Hochpreissegment. Wie sich der Strohballenbau in Europa entwickeln wird? Wir werden sehen. Ich denke, die Studenten in den Architekten- und Ingenieurschulen stehen diesen Überlegungen mittlerweile weit offener gegenüber als manche Professoren. Deshalb glaube ich, sobald Aspekte der nachhaltigen Bauweise gleichwertig neben städtebaulichen Argumenten stehen, wird eine deutliche Entwicklung einsetzen. Dazu bedingt es wahrscheinlich einem Generationswechsel beim Lehrpersonal, wobei ich auch sehe, dass es Professoren sowie Lehrpersonal gibt, die schon heute in diese Richtung gehen. Es wird auf jeden Fall interessant bleiben. Zur Person: Werner Schmidt ist gelernter Maurer und studierte später unter anderm an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Meisterklasse für Architektur Professor Hans Hollein. (Diplom 1989). Der Architekt ist seit 1989 Inhaber des Atelier Werner Schmidt in Trun, Graubünden. 2002 baute er das erste zweigeschossige, lasttragende Strohballenhaus der Schweiz in Disentis.
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