Die Briten entdecken die Eisenbahn neu. Die Regierung erwägt Schnellstrecken mit einer Anbindung an den Flughafen Heathrow, den grössten in Europa. Damit wird auch die Erweiterung des Flughafens selbst in Frage gestellt. Die Wiederbelebung des maroden Bahnsystems käme einer allerdings in der Wiege der Eisenbahnen einer Revolution gleich. Zielstrebig im Kreis drehen - so könnten Zyniker die aktuellen Vorschläge der britischen Regierung zur Verkehrspolitik deuten. Während Premierminister Gordon Brown den Flughafen Heathrow vergrössern will, setzt sein Verkehrsminister neuerdings auf eine Hochgeschwindigkeitstrecke, die London via Heathrow mit dem Norden sowie mit Kontinentaleuropa verbinden soll. Transportminister Lord Adonis sieht die Strecke als Ergänzung zur Heathrow-Expansion. Seiner Ansicht nach würde die Bahn die Umweltbelastung bei der Anfahrt zum Flughafen reduzieren. „Eine übergreifende Herangehensweise ist bei der Planung neuer Bahn- und Flughafenkapazität entscheidend.”, sagte Minister Adonis gegenüber der Sunday Times. Wiederbelebung einer alten Dame Das 4,5 Milliarden Pfund (4,8 Milliarden Euro/7,2 Milliarden Franken) teure Projekt würde einen scharfen Richtungswechsel für Grossbritannien bedeuten. Denn ausgerechnet die Erfinderin der Eisenbahn hat ihr Streckennetz in den vergangenen Jahrzehnten eher stiefmütterlich behandelt. Seit der Eröffnung der ersten Eisenbahnlinie im Jahre 1825 ist von dem ältesten Eisenbahnnetz der Welt heute nicht mehr viel übrig. Hohe Preise, marode Trassen und unpünktliche Züge haben der Beliebtheit der privatisierten britischen Eisenbahnen mächtig geschadet. Bis dato gibt es nur eine Hochgeschwindigkeitsverbindung nach London, den Eurostar, und der kommt ausgerechnet via Eurotunnel aus Frankreich. Betreiber soll Flughäfen verkaufen Lange Warteschlangen bei den Sicherheitskontrollen, unzureichende Hinweise, wenig saubere Sitzgelegenheiten - Reisende leiden unter dem schlechten Service an vielen britischen Flughäfen machen. Dem möchte die britische Wettbewerbskommission ein Ende setzen. Schon im August erklärte sie, nur durch die Zerschlagung des Quasi-Monopols des Flughafenbetreibers British Airport Authority (BAA) könne eine Verbesserung gewährleistet werden. Im Dezember verkündete die Kommission in einem vorläufigen Bericht, dass drei Flughäfen den Besitzer wechseln sollten: Grossbritanniens zweitgrösster Standort Gatwick und Stansted - beide bei London - sowie der schottische Flughafen Edinburgh. „Durch eine Besitzverteilung wird für die Flughafenbetreiber, inklusive BAA, ein weitaus grösserer Anreiz geschaffen, Fluggäste und Fluggesellschaften bedarfsgerecht zu behandeln”, sagte Christopher Clarke, der Sprecher der Kommission. Die BAA betreibt sieben Flughäfen, darunter Heathrow. Erst vor zwei Jahren erwarb der spanische Ferrovial-Konzern BAA für 10,3 Milliarden Pfund (11,2 Milliarden Euro/17,5 Milliarden Franken). Einem Verkauf von Gatwick hat BAA bereits im August zugestimmt, wenn auch nicht leichten Herzens. Denn Gatwick fertigt 35 Millionen Passagiere ab. Der Wert des Flughafens wird auf rund 1,8 Milliarden Pfund geschätzt. Mehrere Investoren haben Interesse bekundet, darunter der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport und der Essener Baukonzern Hochtief. Auch die australische Bank Macquarie und die Fluggesellschaft Virgin Atlantic sind im Gespräch. Laut Angaben des britischen „Telegraph” will auch die Kuwait Investment Authority bis Ende Januar ein Angebot liefern. Den Standort Stansted wollen die Flughafenbetreiber nicht ohne weiteres aufgeben. Denn im Gegensatz zu Gatwick befindet sich Stansted auf einem Expansionskurs. Mit dem Bau einer neuen Landebahn in Stansted könnte die Zahl der Passagiere von derzeit 23,7 Millionen pro Jahr bis 2013 auf 50 Millionen steigen. Billigflieger Ryanair und Easyjet bilden die Hauptanbieter. Nach Ansicht von BAA hat die Wettbewerbskommission „keine triftigen Gründe für den Verkauf” angegeben. Ursprünglich hielt die Regierung eine Erweiterung des Flughafens für unerlässlich, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Londoner Flughafen hat mit 67 Millionen Passagieren jährlich das grösste Aufkommen von Flugverkehr Europas, verfügt aber im Gegensatz zu Frankfurt nur über zwei Start- und Landebahnen. Befürworter haben bislang argumentiert, London sei am Ende seiner Kapazität. Gegner befürchten dagegen verheerende Folgen für die Umwelt. Rund 95 Parlamentarier, darunter 40 Labour-Mitglieder, sind ebenfalls gegen eine dritte Startbahn. Selbst Browns engste Regierungsmitglieder stellen sich gegen die Pläne. Allen voran der Umweltminister Hilary Benn und Klimawandelminister Ed Miliband. Bahn statt Landebahn Die Konservativen gehen davon aus, dass eine neue Hochgeschwindigkeitsverbindung 66.000 Flüge jährlich ersetzen könnte. Damit würde sie bis zu 44 Prozent der Kapazität der dritten Start- und Landebahn abdecken. John Stewart von der Flughafenprotestgruppe Hacan befürwortet das Eisenbahnprojekt ebenfalls. Er sieht die Pläne der Regierung als „zynischen Trick”, die Flughafenexpansion durchzuboxen. Ob der „Trick” funktioniert, wird sich Ende Januar zeigen. Denn dann will die Regierung endlich entscheiden, ob sie Heathrow grünes Licht gibt oder nicht. Bild: Eurostar im Londoner Bahnhof St. Pancras (Bild: Eurostarimaginery, Michael Walter/Troika)
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