Ein stiller Gesellschafter ist ein Investor, der sich an einem Unternehmen beteiligt, ohne dabei öffentlich in Erscheinung zu treten oder aktiv in die Geschäfte einzugreifen. Mit dieser Rolle begnügt sich im übertragenen Sinn auch die Mehrheit der rund 12 000 Förderstiftungen in der Schweiz.
Getreu dem Motto „Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut.“ wirken Stiftungen im Verborgenen in vielen Gesellschaftsbereichen wie Forschung, Bildung, Kultur und dem Sozialwesen. Öffentlich wahrgenommen werden meistens nur die ausführenden Organisationen, deren Spektrum von Museen über Kindertagesstätten und Spitälern bis hin zu den Universitäten reicht. Der wichtigste Grund für diese Zurückhaltung ist die Sorge vor einer nicht zu bewältigenden Gesuchsflut, hat sich der Name und Zweck der Stiftung erst einmal herumgesprochen. Die grosse Mehrzahl der Stiftungen wird von ehrenamtlichen Stiftungsräten geführt, die die Sichtung und Bewertung der Gesuchsanträge in ihrer Freizeit bewältigen müssen. Bezahlte Angestellte können sich nur die wenigsten Förderstiftungen leisten. Seit dem rasanten Wachstum der Förderstiftungen und der gleichzeitigen Stagnation des privaten Spendenmarktes hat das Fundraising bei Stiftungen eine neue Dimension erreicht. Immer mehr spendenbasierte Nonprofit-Organisationen und Initiativen versuchen ihr Glück bei den Förderstiftungen in der Hoffnung auf eine schnelle, unkomplizierte Unterstützung. Ein Blick auf die schweizerische Stiftungslandschaft verrät jedoch, dass sich diese Hoffnung nur selten erfüllt. Abgesehen von ein paar wenigen Stiftungen, die der Vorstellung eines Goldesels mit unerschöpflichen Mitteln nahe kommen, verfügen die meisten Stiftungen nur über einen überschaubaren Finanzrahmen mit weniger als 5 Millionen Franken Stiftungsvermögen. Dies macht sie aber nicht weniger wertvoll für die Gesellschaft. Vor allem dann nicht, wenn diese Stiftungen ihre Potentiale voll ausschöpfen. Als stille Gesellschafter nur Überweisungen zu tätigen, ist für alle Beteiligten eine Minimallösung. Stiftungen fördern effektiver, wenn sie eine aktive Verantwortung über die Mittelvergabe hinaus übernehmen und den geförderten Partnern dadurch die Projektumsetzung erleichtern. Stiftungen unterstützen über Jahre oder gar Jahrzehnte Projekte in einem Schwerpunkt, zum Beispiel Kinderbetreuung. Dabei sammelt sich ein umfangreiches Wissen. Neben der Kenntnis der verschiedenen Projektgesuche sind das vor allem ein Kontaktnetzwerk, ein Gespür für erfolgreiche Projektumsetzungen und Erfahrungswerte zu Kostenstrukturen und Zeitbedarf. Dieses Wissen sollten die Stiftungen nicht für sich behalten, sondern ihren Projektpartnern zugänglich machen. Damit muss nicht einmal ein grösserer Zeitaufwand für die ehrenamtlichen Stiftungsräte verbunden sein, denn die Verantwortung kann auf die Projektpartner übertragen werden, die letztlich auch davon profitieren. Der erste Schritt zu einem aktiven Fördermanagement ist, jedes Projekt mit einem Abschlussbericht zu beenden, in dem die Destinatäre ihre Erfahrungen, den Projektverlauf, den Budgetbedarf usw. festhalten. So entsteht bei der Stiftung eine Know-how-Bibliothek, auf die spätere Interessenten zurückgreifen können. Durch eine gezielte Auswahl der Berichte kann die Stiftung auch Standards setzen und Erwartungshorizonte kommunizieren. Die Age Stiftung beispielsweise zeichnet alle zwei Jahre ein innovatives Wohnkonzept für ältere Menschen aus. Über den jeweiligen Preisträger wird zusätzlich ein Filmbeitrag produziert, der das Projekt näher vorstellt. Grösseren Einfluss und mehr Möglichkeiten, sich in Förderprojekte einzubringen, gewinnt eine Stiftung, wenn sie Projekte aktiv begleitet und die Projektpartner auch anderweitig unterstützt. Bei der Gebert Rüf Stiftung sind alle Projektpartner verpflichtet, eine Weiterbildung zum Thema „Wissenschaft kommunizieren“ zu besuchen, die von der Stiftung finanziert wird. Dadurch soll eine bessere Vermittlung von Projektergebnissen erzielt werden. In einem weiteren Schritt versteht die Stiftung ihr Engagement nicht mehr als Mittelvergabe, sondern als eine Investition. Zusammen mit den Projektpartnern werden am Anfang der Förderung die erwarteten Ziele definiert. Diese investitions- und zielorientierte Form der Stiftungsarbeit erfasst als „Venture Philanthropy“ gerade von Amerika aus Europa. Venture Philanthropy fördert weniger projektbezogen, sondern will vielmehr Kapazitäten und Fähigkeiten für Projekte aufbauen. Die Arbeit von Stiftung und Destinatären wird dadurch automatisch enger miteinander verbunden. Die Unterstützung durch die Stiftung soll den Destinatären auch helfen, im Anschluss an die Förderung neue Finanzmittel zu erhalten. Die Schwierigkeit bei diesem Konzept liegt in der ausgeprägten Ergebnisorientierung der Förderung, da soziale und karitative Zielsetzungen häufig nur schwer überprüft oder gemessen werden können. Es bleibt deshalb abzuwarten, inwiefern Venture Philanthropy auch in Europa eingesetzt werden wird. Ohne Zweifel aber haben Stiftungen mehr zu bieten als nur finanzielle Fördermittel. Indem sie neben dem Finanzkapital auch Sozialkapital zur Verfügung stellen, erhöhen sie nicht nur ihren eigenen Beitrag, sondern generieren einen Mehrwert für die ganze Gesellschaft. Georg von Schnurbein
Prof. Dr. Georg von Schnurbein ist Leiter des Centre for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel.
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