Sieben Linden - Das Bewusstsein für eine nachhaltige Lebensführung gewinnt in der Gesellschaft immer mehr an Stellenwert. Einigen Menschen ist das jedoch noch nicht genug – sie gehen einen Schritt weiter und entscheiden sich für das Leben in einem Ökodorf. Dort werden unterschiedliche Gemeinschaftsmodelle gelebt, die nicht nur die Verwirklichung ökologischer Konzepte anstreben, sondern auch soziale, ökonomische sowie kulturelle und spirituelle Aspekte integrieren wollen.
Ein Impulsgeber für Ökodorf-Interessierte ist das Projekt Sieben Linden bei Poppau in Sachsen-Anhalt. Auf einer Fläche von 77 Hektar leben dort in der Altmark derzeit 82 Erwachsene und 35 Kinder. Das Dorf wird in seiner Hauptform als Siedlungsgenossenschaft verwaltet und ist Sitz des Europa-Büros des „Global Ecovillage Network“ (GEN), dem grössten Verbund für Ökodörfer und Siedlungsgemeinschaften weltweit. Gut die Hälfte der Bewohner ist in den fünf bestehenden Nachbarschaften (Untergemeinschaften) integriert. Die andere Hälfte lebt „unorganisiert“ – grösstenteils im Bauwagen – auf dem Gelände. Unterschiedliche Umsetzung der gemeinsamen Ziele Die Nachbarschaften tragen so verträumte Namen wie Brunnenwiese oder Windrose, andere Unterkünfte klingen eher nüchtern: Nord- und Südhaus oder schlicht Club 99. Die Lebensmodelle in Sieben Linden werden von den einzelnen Gemeinschaften untereinander geregelt, wobei die Unterschiede gross sein können. Denn während einige den konsequenten, fast schon kasteienden Weg beschreiten, wählen andere gemässigtere Formen des Zusammenlebens. Beispiele hierfür: Die Bewohner im Club 99, die ihren ökologischen Fussabdruck auf ein Minimum reduzieren wollen, verzichten weitestgehend auf elektrische Geräte und ernähren sich von veganer Rohkost. Ganz so streng sehen es andere nicht. Sie setzen den Schwerpunkt auf das generationsübergreifende Miteinander oder verschreiben sich dem spirituellen Wohnen mit Gleichgesinnten. Gemeinsam ist allen Nachbarschaften jedoch das Ziel, eine nachhaltige Lebensweise mit hoher Lebensqualität für den Einzelnen zu schaffen. Was das allerdings bedeutet, muss jeder für sich selbst herausfinden. Denn klar ist auch: Ein ausgemachter Schnitzelfreund wird im Club 99 wahrscheinlich nicht wirklich glücklich werden. Ressourcen konsequent nutzen Die nachhaltigen Lebenskonzepte in Ökodörfern und -gemeinschaften wurden auch wissenschaftlich untersucht. So hat eine Studie der Universität Kassel herausgefunden, dass das Leben in einer Ökogemeinschaft den Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid deutlich verringern kann. Das Ergebnis kommt nicht von ungefähr: In Sieben Linden etwa wird der Strom durch vier Photovoltaik-Anlagen erzeugt, die im Jahresdurchschnitt mehr Strom liefern als die Bewohner verbrauchen. Ausserdem verfügt das Dorf über einen lokal geschlossenen Wasserkreislauf sowie eine eigenständige Wärmeversorgung mit Holz und Solarenergie. Damit aber nicht genug: Das stille Örtchen besitzt keine Wasserspülung, sondern ist eine Trocken-Trenn-Komposttoilette. Und wer nicht nur per pedes unterwegs ist, sondern mobil sein möchte, nutzt bevorzugt öffentliche Verkehrsmittel oder das Autoteilete-Modell. Allerdings ist das Projekt hier noch nicht ganz ausgereift. Denn die Umstände sind nicht so, wie sie sein sollen. „Sieben Linden liegt zu weit weg vom nächsten ICE-Bahnhof und ein funktionierendes öffentliches Nahverkehrsnetz fehlt“, sagt Eva Stützel, Öffentlichkeitsbeauftragte des Dorfes. „Ich fahre mehr Auto, als ich in meinem Leben vorher je gefahren bin.“
Fortschrittlicher Strohballenbau Sechs Gebäude sind in Sieben Linden nach einer energetisch innovativen Bauweise erstellt worden, die zudem alle Punkte eines nachhaltigen Wohnens erfüllt. Die Rede ist von Strohballenhäusern, die in Ökodörfern weltweit grosse Zustimmung finden, aber keineswegs nur dort gebaut werden. Auch der „normale“ Hausbau hat seit einigen Jahren diese Bauweise für sich entdeckt. Die Planung und Umsetzung erfordert allerdings Expertenwissen. Ein anerkannter Fachmann für den Strohballenbau ist der Schweizer Architekt Werner Schmidt aus Trun in Graubünden, der bereits 2002 das erste zweigeschossige, lasttragende Strohballenhaus der Schweiz in Disentis auf 1300 Metern Höhe errichtete. „Der grosse Vorteil beim Strohballenbau liegt darin, dass kostengünstig eine bedeutend bessere und absolut baubiologische Isolation eingebaut wird.“ Und das sei schliesslich nicht nur für Ökodörfer interessant. „Ausserdem werden diese Häuser in ferner Zukunft kein Sondermüll sein, ganz im Gegensatz zu einem Grossteil der Gebäude, die heute realisiert werden.“ Altbackene 68er-Romantik? Doch wie werden die Ökodörfer von der Gesellschaft wahrgenommen? Es gibt Kritiker, die behaupten, dass diese Lebensweise eine selbst gewählte Ausgrenzung aus der bestehenden Gesellschaft darstellt. Andere belächeln die Ökodorf-Konzepte als altbackene Romantik nach dem Vorbild der 68er Bewegung, die auf Dauer nicht funktionieren kann. Doch eine Isolation ist seitens der Ökodörfler nicht gewollt: So beziehen einige von ihnen die Menschen aus der Umgebung bewusst mit ein, geben Seminare und veranstalten Führungen oder organisieren Feste. In Sieben Linden etwa erhalten Kinder, die mit ihren Schulklassen das Dorf besuchen, einen ersten Einblick in das ungewöhnliche Lebensmodell. „Die nehmen den Eindruck mit“, sagt Eva Stützel, „dass Öko auch ganz cool sein kann.“ Allerdings wird deutlich, dass diese Lebensart häufig nur jene Menschen erreicht, die sich bereits im Vorfeld schon darüber Gedanken gemacht haben und sich inspirieren lassen möchten. „Auf die normalen Altmärker haben wir wenig Einfluss“, gesteht Stützel, „denn dazu sind wir zu weit weg von ihrem Lebensalltag.“
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