Moskau - Der Klimawandel ist in Russland lange kein Thema gewesen. Jetzt hofft man auf die Erderwärmung. Damit würde Sibirien landwirtschaftlich nutzbar werden, die Bodenschätze liessen sich leichter ausbeuten. Selbst die arktische Nordpassage soll bei Dauer-Tauwetter schiffbar werden. Und man träumt sogar davon, Touristen von den bisherigen Sonnenzielen wegzulocken. Doch es gibt auch Risiken.
Zwei bis drei Wochen Kälte sind für Mittelrussland kein Winter. Wie schon der vorangegange ist dieser Winter zu mild. Das ist so offensichtlich, dass selbst der Chef der russischen Wetterbehörde Rosgidromet, Roman Wilfand, die Existenz der globalen Erwärmung offiziell zugeben musste. Klimawandel war für Russen bisher graue Theorie. Anders als in der übrigen Welt blieben apokalyptische Visionen bisher aus. Es heisst vielmehr, Russland werde zu den Gewinnern der globalen Erwärmung zählen. Zwei Drittel Eiswüste Die Temperatur steigt in Russland jährlich um 0,3 Grad Celsius in der warmen und um 1,3 Grad in der kalten Jahreszeit. In Moskau mit seiner Industrie und seinem rapide wachsenden Autoverkehr sind es noch mehr. Das Tourismusministerium rechnet im Zuge der Erderwärmung langfristig mit einer Zunahme des Fremdenverkehrs um 174 Prozent. Es erwartet, dass Westurlauber, die heute nach Mauretanien, Kuwait, Ägypten und Katar reisen, künftig nach Russland und Kanada fliegen werden. Ein milderes Klima könne Sibirien endlich landwirtschaftlich nutzbar machen. Geringerer Aufwand und bessere Strassen können die Förderung von brach liegenden Bodenschätzen wirtschaftlich werden lassen. Heute künstlich am Leben gehaltene Städte am Polarkreis würden auf natürliche Weise existieren. Überhaupt könne Russland nie genug Wärme kriegen, meint der Klimaforscher Wladimir Klimenko, Leiter des Moskauer Instituts für globale Energieprobleme. Seine Millionenstädte befänden sich in Gegenden mit einer Jahresdurchschnittstemperatur um Null Grad. In Kanada, wo das Klima vergleichbar sei, liege die Hauptstadt Toronto 400 Kilometer südlicher als Moskau. Oft sei von der riesigen Ausdehnung Russlands die Rede. Zwei Drittel seines Territoriums lägen aber in der Permafrost-Zone. Auch in der Vergangenheit war Kälte laut Klimenko die schlimmste Plage Russlands. Als es zwischen 1600 und 1603 vier Jahre hintereinander Bodenfrost im Sommer und Missernten gab, sei eine Hungersnot ausgebrochen, die den Zaren Boris Godunow den Thron kostete, so der Klimaforscher. Er zitiert den Zarenbeamten Konstantin Pobjedonoszew mit den Worten, Russland sei „eine Eiswüste, in der Räuber herumlaufen”. Die globale Erwärmung werde zumindest die Eiswüste beseitigen. Schöne warme Welt Die quasi amtliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti veröffentlichte Auszüge aus einem Bericht des US-amerikanischen National Intelligence Council, der unter anderem aus Geheimdienstberichten Langzeitprognosen erstellt. Russland werde aus der zu erwartenden Klimalinderung auf seinem Gebiet beträchtliche Vorteile ziehen, heisst es darin. So werde der Klimawandel Gas- und Ölfelder in Sibirien und an der Eismeerküste zugänglicher machen. Dies sei für die Wirtschaft wichtig, weil 80 Prozent der russischen Exporte und 32 Prozent der Einnahmen des Staates auf der Rohstoff- und Energieproduktion basierten. Ein Vorteil für die Schifffahrt wäre auch das Tauen der Eisfelder in der Arktis, heisst es in dem Bericht weiter. Nur das Auftauen des ewigen Frostbodens im Norden Russlands könne zu erheblichen Infrastrukturstörungen führen. Die Piratenüberfälle vor der somalischen Küste gaben dem Thema eine neue Wendung. Die nördliche Schifffahrtsstrasse entlang der russischen Nordküste könne den gefährdeten Weg durch den Suezkanal ersetzen, heisst es in der russischen Presse. Sie sei bekanntlich der kürzeste Weg aus dem Pazifik nach Nordosteuropa. Bisher war sie nur in den paar Sommermonaten befahrbar. Schon heute sei aber die eisfreie Zeit dort länger geworden. Mit der fortschreitenden Erwärmung werde man auf Eisbrecher verzichten können. Der nördliche Seeweg werde rund um das Jahr schiffbar sein. Kritiker sehen Chaos voraus Der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow unterstützt eine Neuauflage des aus den 70er Jahren stammenden und bereits einmal verworfenen Projekts, sibirische Flüsse nach Mittelasien umzuleiten. Wenn die globale Erwärmung zur Wüstenbildung im Süden führe, werde Russland Süsswasser teurer verkaufen können als heute sein Erdöl, behauptet er. Es gibt aber auch Warnungen: Wenn Permafrost in der Tundra auftaue, würden Riesenmengen Methangas freigesetzt, die den Treibhauseffekt mehrfach erhöhten, warnt Professor Alexej Giljarow von der Moskauer Lomonossow-Universität. Dagegen werden Steppen, wo sich heute die meisten Getreideanbaugebiete befinden, heillos austrocknen. Weltweiter Hunger wäre die Folge. Das vermeintliche neue Urlaubsgebiet Sibirien werde mit grosser Wahrscheinlichkeit versumpfen. Im Norden würden von Gletschern abbrechende Eisberge zu neuen Titanic-Katastrophen führen. Besonders gefährdet seien Bohrinseln, die nicht seitlich ausweichen können, sagen Skeptiker.
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