“Ein Seeländer gibt kein Land auf”, sagt ein niederländisches Sprichwort. Doch das kann sich bald ändern: Aus ökologischen Gründen soll ein Polder in der Provinz zwischen Küste und der belgischen Grenze wieder dem Meer überlassen werden. Das wäre eine Premiere im Polderland.
Tiefe Enttäuschung für die Mitglieder des Aktionskomitees “Rettet unsere Polder” in Seeland, der südwestlichsten Provinz der Niederlande: Eine vom Parlament einberufene Expertenkommission spricht sich in ihrem Bericht dafür aus, den Hertogin-Hedwige-Polder an der Grenze zu Belgien zu fluten. Ausgleich für Vertiefung der Fahrrinne Hintergrund des viel beachteten Dokuments ist der 2007 unterzeichnete “Westerschelde-Vertrag” zwischen den Niederlanden und der belgischen Region Flandern. Darin wird eine Vertiefung des gleichnamigen Meeresarms beschlossen, um den nahe gelegenen Hafen von Antwerpen besser erreichbar für grosse Schiffe zu machen. Das Abkommen beinhaltet jedoch auch, dass der dadurch entstandene Eingriff in das Ökosystem der Westerschelde durch eine Entpolderung aufgefangen werden soll. Wegen des grossen Widerstands in Seeland berief das Parlament in Den Haag eine Kommission ein, die 78 mögliche Alternativen untersuchte - und schliesslich verwarf. Den Polder dem Meer zurück zu geben, ist demnach “bei weitem” die beste Option. Land aus Schlamm und Schlick Von “Aufopfern” spricht Magda de Feijter, Sprecherin der Polderschützer. Nicht allein das Aufgeben von kostbarer landwirtschaftlicher Nutzfläche steht hier zur Debatte: Die Polder, dem Meer abgerungenes und nutzbar gemachtes Land, sind in der von zahlreichen Überschwemmungen geplagten Region noch mehr als im Rest der Niederlande ein Symbol für den zähen Kampf mit den Gezeiten. “Da schufen sich die Seeländer aus Schlamm und Schlick ihr Land” heisst es nicht umsonst in der Hymne der Provinz, die besonders schwer von der Flutkatastrophe 1953 betroffen war. Dass die Deiche nun freiwillig durchbrochen werden sollen, gilt der Bevölkerung daher als Sakrileg. “Entpoldern ist un-seeländisch” folgert Magda de Feijter, die eine Unterschriftenaktion gegen die seit Jahren umstrittene Massnahme koordinierte. Flandern trägt die Kosten Ausschlaggebend für die Entscheidung der Kommission ist nicht zuletzt die Kostenfrage. Die billigste der alternativen Optionen würde den Staat 120 Millionen Euro kosten. Den Preis für ein Fluten des betreffenden Polders dagegen übernimmt gemäss des Vertrags die flämische Regierung, in derem Interesse die beschlossene Vertiefung der Fahrrinne liegt. Auch die Tatsache, dass die Westerschelde im Gegensatz zur nahen Oosterschelde nach der Sturmflut nicht vom offenen Meer abgeschlossen wurde, diente bereits der Erreichbarkeit des Seehafens Antwerpen. Den Hedwige-Polder der Nordsee zu überlassen, soll zudem die südlich gelegene flämische Küste vor Überschwemmungen schützen. Ed Nijpels, Vorsitzender der Kommission, verteidigte das Dokument nach der Präsentation vehement. Der frühere Minister für Wohnungsbau, räumliche Ordnung und Umwelt, wies darauf hin, dass die unpopuläre Massnahme gerade auch die Küste Seelands sicherer mache. Das Anlegen von vorüber gehenden oder dauerhaften Überflutungsgebieten wird in den Niederlanden seit geraumer Zeit als Option im Kampf gegen den steigenden Meerwasserspiegel diskutiert. Dazu beruft sich Nijpels auf europäische Verpflichtungen, die sensiblen Ökosysteme der Ästuarien genannten Flussmündungen zu schützen, in denen sich Süss- und Salzwasser mischen. Bild: Denkmal des Fischer von Nieuwerkerk aan den Ijssel, der 1953 seinen Ort vor der Sturmflut rettete, indem er sein Boot in den gebrochenen Deich setzte (Bild Tobias Müller).
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