Umbau mit Risiken

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Geschrieben von: Martin Arnold, Posen 15.12.08
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Posen - Der Klimawandel erzwingt einen Umbau der Wirtschaft zu einer kohlenstoffarmen Produktionsweise. Das schafft Millionen Arbeitsplätze. Aber es gibt auch Risiken für die Beschäftigten. Die Gewerkschaften wollen deshalb mitreden. Die Arbeitswelt verändert sich wie zuletzt in der Industriellen Revolution.

Die Klimakrise und der damit verbundene Einsatz umweltfreundlicher Technologien führen zu einer Flut neuer Arbeitsplätze. Dies belegt eine Studie, die der Verantwortliche für nachhaltige Entwicklung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf, Peter Pochen, auf einer Informationsveranstaltung im Rahmen der Weltklimakonferenz in Posen (Polen) präsentierte. Die Zahlen sind eindrücklich: Bereits 2006 waren weltweit im Bereich Produktion und Energienutzung von Biomasse über eine Million, im Zusammenhang mit Solartechniken 800.000 und bei der Windenergieindustrie 300.000 Angestellte beschäftigt. Experten gehen davon aus, dass heute im Markt der erneuerbaren Energien schon über 2,5 Millionen Menschen beschäftigt sind. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) schätzt, dass die Industrie der erneuerbaren Energien 2030 rund 20 Millionen Menschen Arbeit geben werde.

Weltweiter New Deal angeboten

Agieren statt reagieren - dies ist die Strategie von Guy Ryder, Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (ITUC) in Brüssel. Wenn der Brite in den Verhandlungsräumen und Gängen der Weltklimakonferenzen für die Interessen der Arbeiter und Angestellten eintritt, weiß er 168 Millionen Mitglieder und 311 Organisationen, verteilt auf 153 Länder, hinter sich. Die Gewerkschaften reden von einem New Deal und wollen selber aktiv am Aufbau von „Green Jobs”, also ökologischen Arbeitsplätzen, mitmachen. Er sagt: „Der Klimawandel ist eine Tatsache und, dass wir deswegen so schnell wie möglich die Wirtschaft umbauen müssen, ebenso. Dass dies aber Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt nach sich ziehen wird, die mit der industriellen Revolution vergleichbar sind, ist uns mit der Veröffentlichung des Stern-Reports endgültig klar geworden.” Darin beschäftigte sich der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, im Auftrag der britischen Regierung mit den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. In dem 650 Seiten starken Dokument werden die gewaltigen Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt beschrieben, und es wird deutlich gemacht, dass alles schlimmer kommt und teurer wird, wenn nichts getan wird. „Wir bieten deshalb unsere Hand und schlagen einen weltweiten New Deal zugunsten einer ökologischen Entwicklung der Wirtschaft vor” erklärt Guy Ryder. Der New Deal war ein Paket von Wirtschafts- und Sozialreformen, die zwischen 1933 und 1937 die Folgen der Wirtschaftsdepression in den USA bekämpfen sollten. In Anlehnung daran nannte auch der ehemalige britische Premierminister Tony Blair ein Maßnahmenpaket zur Verringerung der Arbeitslosigkeit New Deal.

Sozialverträgliche Strukturreformen

Für Guy Ryder bedeutet der ökologische New Deal die Bereitschaft der Gewerkschaften zur Kooperation, wenn im Gegenzug der Umbau in der Wirtschaft so sozial verträglich wie möglich über die Bühne geht. Dabei können die Dachverbände der nationalen Gewerkschaften ebenso wenig von einer einigen Gefolgschaft ausgehen, wie Guy Ryder und der ITUC selbst. Das machte an Ort und Stelle die polnische Kohlegewerkschaft deutlich, die große Vorbehalte gegen die nach ihrer Meinung zu kooperative Politik des internationalen Gewerkschaftsdachverbandes äußerte. „Wir müssen diese Bedenken ernst nehmen”, erklärt Guy Ryder, doch eine Empfehlung für einen 60-jährigen Kohlearbeiter, der für saubere Umwelt seine Arbeit verliert, hat auch er nicht. „Neue Ausbildungen und Weiterbildungen”, lauten die Zauberworte, die bei den Gewerkschaftern überall zu hören sind. Das ist freilich nur für einen Teil der künftigen Generation der Öko-Arbeitslosen ein Rezept.

Neue Arbeitsplätze

Fest steht, dass im Bereich des Häuserbaus (Sanierungen), der Energieeffizienz, der Produktion von nachhaltigen Energiesystemen, bei Massentransportmittel, der Abfallbewirtschaftung und der Biomassenproduktion sehr viele Arbeitsplätze entstehen werden. Doch das sind ganz andere Arbeitsbedingungen für jemanden, der etwa den Bergbau gewohnt ist.
Guy Ryder hat Verständnis für die Forderung der Polen nach Sonderregelung für die Kohleindustrie. Er sagt aber: „Wir müssen den fundamentalsten Umbau, den die Weltwirtschaft je hatte, akzeptieren.” Die Gewerkschaften möchten in die weiteren Verhandlungen einbezogen werden, denn wenn beim kommenden Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 die vorgesehenen Beschlüsse gefasst werden, nämlich eine europaweite Reduktion des CO2-Ausstosses bis 2020 um 20 Prozent und bis 2050 um 50 Prozent, beginnt der wirtschaftliche Umbau schon sehr schnell.

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