Die Entwicklungshilfeorganisation Swissaid feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag. Swissaid-Geschäftsleiterin Caroline Morel sieht trotz aller Not und Armut in der Welt Erfolge. Zu den grössten gehört die Gründung der Max-Havelaar-Stiftung, die fair gehandelte Produkte mit einem Gütesiegel auszeichnet. Entwicklungshilfe leistet aus ihrer Sicht einen Beitrag für eine gerechtere, nachhaltigere Welt.
Michael Walther: Swissaid ist 60 Jahre alt geworden. Armut und Not sind heute so aktuell wie damals. Gibt es überhaupt etwas zu feiern?
Caroline Morel: Ja, natürlich gibt es etwas zu feiern. Wir haben zum Beispiel Partner in Entwicklungsländern, die unsere Hilfe nicht mehr nötig haben, das ist ein Erfolg. Es gibt aber auch noch immer sehr viel zu tun, wir können uns auch nach 60 Jahren noch nicht abschaffen.
Michael Walther: Wie hat die Hilfe damals ausgesehen?
Caroline Morel: Vor 60 Jahren leisteten wir Flüchtlings- und Wiederaufbauhilfe. Das hatte noch nichts mit Entwicklungshilfe zu tun. Erst als wir in den 60er-Jahren in Indien zu arbeiten begannen, konnte man von Entwicklungshilfe sprechen. Dort haben wir schon damals mit marginalisierten Bevölkerungsgruppen gearbeitet, mit Landlosen und mit Frauen. Hinter dieser Entwicklungshilfe war aber immer noch die Idee, dass man in die armen Länder kommt und etwas Gutes bringt. Man dachte, dass wir als Schweizer wissen, wie man es am besten macht. Das ist wenig hilfreich, denn die Leute wissen eigentlich selbst am besten, wie sie ihre Probleme lösen können und sie müssen das auch selbst tun. Deshalb sprechen wir heute von Entwicklungszusammenarbeit. Wir gehen nicht einfach dorthin und sagen, was es zu tun gibt.
Michael Walther: Was hat Swissaid erreicht in den letzten 60 Jahren?
Caroline Morel: Die Gründung von Max Havelaar 1992 in der Schweiz sticht heraus. Aber auch der Zusammenschluss von Schweizer Hilfswerken zur Arbeitsgemeinschaft "Alliance Sud" vor 35 Jahren war ein Erfolg. Zusammen können wir in der Entwicklungspolitik mehr erreichen. Die allergrössten Erfolge sind aber nicht wirklich messbar, es ist die Entwicklung der Leute selber, die Stärkung des Selbstbewusstseins. Besonders freut mich das bei den Frauen, weil sie oft kaum Selbstbewusstsein haben und sonst auch wenig Unterstützung bekommen.
Michael Walther: Was hat das Selbstbewusstsein der Frauen mit Armutsbekämpfung zu tun?
Caroline Morel: Die Frauen sind in diesen Ländern am stärksten von der Armut betroffen. Lange wurden sie bei den Projekten aber vergessen, man wurde ihren Bedürfnissen nicht gerecht. Man baute zum Beispiel Waschgelegenheiten im Dorf, die dann aber nicht genutzt wurden, weil der soziale Austausch beim Waschen am Fluss für diese Frauen so wichtig war. Das Wohl der Frauen ist sehr wichtig für das Wohl der ganzen Gemeinschaft. Wenn wir Ihnen den Alltag zum Beispiel mit einem Brunnen erleichtern können, dann haben sie mehr Zeit für ihre Kinder. Selbstbewusste und gebildete Frauen können sich ausserdem auch besser gegen häusliche Gewalt wehren.
Michael Walther: Wann ist Entwicklungszusammenarbeit effizient?
Caroline Morel: Wenn die Arbeit zur Verbesserung der Lebenssituation der Leute beiträgt und zwar nachhaltig. Wenn unsere Arbeit also dazu beiträgt, dass die Leute selbst einen Weg aus der Armut finden.
Michael Walther: Alles, was Sie an Hilfe leisten können, geschieht aus einer westlichen Perspektive. Führt das nicht zu grundlegenden Meinungsverschiedenheiten?
Caroline Morel: Wir versuchen, diesen Spagat zu meistern, indem wir Leute vor Ort haben. Leute, die den Kontext kennen, die aus denselben Ländern und Kulturen kommen, wie die Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten. Das hilft schon sehr viel. Manchmal bin ich aber schon irritiert und frage mich, weshalb etwas so und nicht anders getan wird. Dann muss man reden und versuchen, zu verstehen. Ich muss verstehen, weshalb sie die Dinge so und nicht anders tun und sie müssen verstehen, weshalb ich damit nicht einverstanden bin. Das sind die Schwierigkeiten der interkulturellen Kommunikation. Persönlich komme ich manchmal an die Grenzen meiner Geduld. Vieles geht langsam, es wird oft unendlich lange diskutiert, besonders in Lateinamerika. Aber meine Leute vor Ort haben diese Geduld und verstehen es auch besser, tagtäglich mit diesen Leuten zu verhandeln.
Michael Walther: Das ist eine umständliche Arbeit, die für die Spender hier in der Schweiz wohl schwer nachvollziehbar ist. Würden die nicht lieber einfach ein Kind adoptieren?
Caroline Morel: Es stimmt, dass die Organisationen, welche Patenschaften anbieten, viel mehr Erfolg haben. Auch deshalb, weil ein Patenkind den Leuten das Gefühl gibt, etwas Konkretes zu tun. Wir kritisieren aber diese Art von Hilfe.
Michael Walther: Was ist nicht gut an Patenkindern?
Caroline Morel: Es ist nicht gut, in ein Sozialgefüge einzugreifen, indem man ein Kind als etwas Besonderes behandelt, was einem Dorf dann Geld einbringt. In diesen Gemeinschaften haben oft die Ältesten einen hohen Status. Wenn dann plötzlich ein Kind sehr viel Einfluss kriegt, dann bringt das die soziale Ordnung der Gemeinschaft durcheinander. Wir sind generell gegen individuelle Unterstützungen, die Gemeinschaften müssen als ganze angesehen werden.
Michael Walther: Die Leute bezahlen nur, wenn sie sehen, dass Sie Erfolg haben. Wie messen Sie diesen Erfolg?
Caroline Morel: Wir können zum Beispiel sehen, wie sich landwirtschaftliche Produktion verbessert, bis hin zu Verdoppelungen dank besserer Bodenbearbeitung oder biologischen Düngemitteln. Da kann man die Resultate der Arbeit ganz klar sehen. Bei neuen Brunnen kann man die Zahl der Menschen erfassen, die dort ihr Wasser beziehen können. Viel schwieriger ist es bei Weiterbildungen. Wir lassen deshalb auch externe Evaluationen machen, die uns sagen, wo wir uns verbessern können.
Michael Walther: Warum soll man einem Land Hilfe leisten, in dem die Politiker ihre Verantwortung nicht übernehmen. Stützt man damit nicht das System dort?
Caroline Morel: Im Gegenteil, wir fordern die Systeme heraus. Zum Beispiel im Tschad, die Regierung dort nimmt ihre Verantwortung nicht wahr und sie ist hoch korrupt. Wir unterstützen dort Bauerngruppen, Frauenorganisationen und kritische Journalisten. All diese Leute verlangen Transparenz, fordern die Armutsbekämpfung und bringen auch konkrete Vorschläge. Sie versuchen, mit der Regierung zu verhandeln. Wir unterstützen Sie aber auch bei Verhandlungen mit unserer Regierungsvertretung, der DEZA, oder mit der Weltbank. Das ist der einzige Weg, den wir sehen, um die Demokratie dort zu fördern.
Michael Walther: Nirgendwo leben so viele arme Menschen wie in Indien. Gleichzeitig sind auf der Liste der zehn reichsten Menschen der Welt vier Inder aufgeführt. Müsste man nicht dort ansetzen und diese Leute zwingen zu helfen?
Caroline Morel: Ja, machen Sie das einmal! Es ist schwierig, an die zehn Reichsten zu gelangen. In Indien gibt es aber viele Gesetze für die Ärmsten, für Landlose und Frauen. Die werden jedoch selten umgesetzt. Wir unterstützen die Leute dort dabei, diese Gesetze einzufordern. Wir helfen ihnen also dabei, von der Regierung verlangen, dass sie bezahlt. Und die Regierung sollte ja theoretisch von den Reichsten Steuern bekommen.
Michael Walther: 2007 war ein Rekordspendejahr für Swissaid. Nun spricht man von einer Rezession. Spüren auch Sie die Krise?
Caroline Morel: Ja, wir haben ein paar Reserven und Anlagen, die sehen jetzt wirklich nicht besonders gut aus. Das wird sich aber wieder verbessern, wir sind nicht beunruhigt. Bei den Spendenergebnissen merken wir bis jetzt noch nichts. Die Schweiz ist weniger betroffen im Vergleich mit anderen Ländern. Und die Leute, die uns unterstützen, sind sehr treue Spender und Spenderinnen.
Michael Walther: Bringt Entwicklungshilfe auch uns im reichen Norden auch etwas?
Caroline Morel: Ja, ganz klar. Global gedacht bringt es Sicherheit. Es gibt immer mehr Konflikte, die zu tun haben mit Ressourcenkämpfen, mit Armut und dem Klimawandel. Wenn man dieses Brodeln nicht bremst, dann wird das auch auf die Schweiz zurückschlagen.
Michael Walther: Was wird geschehen?
Caroline Morel: Es gibt mehr Flüchtlinge. Denn Armut und Krieg schaffen Flüchtlingsströme. Die Schweiz sollte aber auch daran interessiert sein, neue Absatzmärkte zu schaffen. Wir haben am Beispiel von China gesehen, wie viel Potential in Entwicklungsländern steckt. Entwickelte Länder schaffen auch qualifizierte Arbeitskräfte, auf die wir in Zukunft angewiesen sein werden. Und schliesslich ist Solidarität ein wichtiger Grundwert der Schweiz. Es gibt eine Gesamtverantwortung und immer mehr Probleme, die global sind und global gelöst werden müssen.
Michael Walther: Swissaid will eine nachhaltige Entwicklung fördern. Was verstehen Sie darunter?
Caroline Morel: Nachhaltige Arbeit muss wirtschaftlich, sozial und ökologisch aufgehen. Das Gleichgewicht dazwischen muss stimmen. Die Umwelt ist uns ein sehr grosses Anliegen. Wir unterstützen zum Beispiel die biologische Landwirtschaft, weil sie Grundlagen schafft, die lange bestehen können. In der Entwicklungszusammenarbeit bedeutet Nachhaltigkeit auch, dass unsere Partner selbständig werden.
Michael Walther: Sie wollen vor allem die Grundbedürfnisse und Grundrechte der Leute sichern. Wo hat der Umweltschutz in ihrer Arbeit Platz?
Caroline Morel: Von Beginn weg. Wenn wir in Gebieten arbeiten, die von einer falschen Landwirtschaft kaputt gemacht wurden, dann tun wir nichts anderes. Wir arbeiten dort daran, dass ausgelaugte und ausgetrocknete Böden wieder fruchtbar gemacht werden. Das ist die Grundlage für Nahrungsmittelproduktion. Oder wir versuchen, den Leuten zu zeigen, wie sie sparsam mit Wasser umgehen können.
Michael Walther: Glauben Sie, Gutes zu tun?
Caroline Morel: Ja, ganz sicher, das ist die Hauptmotivation. Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, was ich tue. Das merken wir auch bei uns im Team. Die Höhe des Lohnes ist nicht das Wichtigste, die grösste Motivation für die Arbeit ist, dass wir eine sinnvolle Arbeit machen, dass wir uns einsetzen können für etwas, wofür wir einstehen können und womit wir einen Beitrag leisten für eine gerechtere Welt.
Michael Walther: Woher wissen Sie, dass das, was Sie tun, das Richtige ist?
Caroline Morel: Wir haben schon von den Resultaten gesprochen, am wichtigsten sind für mich aber die Reisen, wenn ich vor Ort bin, mit den Leuten sprechen kann. Natürlich ist es ein steiniger Weg, es geht langsam. Wenn ich dann aber ein Dorf nach einiger Zeit wieder besuche und eine Veränderung sehe, dann bringt mir das sehr viel Motivation.
Caroline Morel ist seit 2002 Geschäftsleiterin der Swissaid. Sie wurde 1969 in Südafrika geboren, wuchs in Kilchberg ZH auf und studierte in Zürich Ethnologie. Nach einem Abstecher in die Markt- und Sozialforschung absolvierte sie das ETH-Nachdiplomstudium für Entwicklungsländer in Zürich und arbeitete in Nicaragua als Verantwortliche für Gleichberechtigung in einem Wasser- und Siedlungshygiene-Projekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Caroline Morel lebt in Bern und Zürich.
Swissaid wurde nach dem Krieg als „Schweizer Europahilfe“ (SEH) gegründet. Sie war eine Dachorganisation der damaligen Schweizer Hilfswerke und leistete im kriegszerstörten Westdeutschland und in Österreich Hilfe zur Selbsthilfe. 1956 wurde die Arbeit in Deutschland beendet, Griechenland wurde zum wichtigsten Empfänger. 1960 kam mit Indien das erste Entwicklungsland hinzu. Aus der SEH wurde die „Schweizerische Auslandshilfe“, 1969 umbenannt in „Swissaid“. 1992 beteiligte sie sich an der Gründung der Max-Havelaar-Stiftung für gerechten Handel. Heute ist Swissaid in neun Ländern aktiv. Das Budget beträgt 15,5 Millionen Franken. Ein gutes Drittel stammt aus Bundesmitteln. Der Rest wird von Gemeinden, Kantonen, Stiftungen, der Glückskette und vor allem privaten Spendern bestritten.
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