Vorteil für alle

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Geschrieben von: Ulrich Glauber, Frankfurt 09.12.08
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Nachhaltigkeit als Teil der Firmenstrategie und die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung gewinnt bei den Unternehmen an Bedeutung. Dabei müssen der Vorteil für die Gesellschaft und der Vorteil für das Unternehmen Hand in Hand gehen, sagt Gerhard Prätorius, bei Europas führendem Automobilhersteller Volkswagen für „Corporate Social Responsibility“ (CSR) zuständig. Die Unternehmen sollen über das Gute reden, das sie tun. Aber sie sollen Gutes nicht nur um des schönen Scheins willen tun.

Ulrich Glauber: Was verstehen Sie unter sozialer Verantwortung für Unternehmen?

Gerhard Prätorius: Firmen haben durch Hilfen für sozial Schwächere oder mit Initiativen im regionalen Kontext schon lange Aktivitäten jenseits des ökonomischen Kernprozesses entwickelt. Neu ist aus meiner Sicht, dass wir jetzt versuchen, das Thema systematisch anzugehen. Die Initiative muss einen Vorteil für Volkswagen haben, ganz klar , aber auch zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems beitragen. Zwei Beispiele: Wir engagieren uns bei Wasserprojekten in der Umgebung unseres Produktionsstandortes in Mexiko. Wir sind interessiert an einer sicheren Wasserversorgung für unsere Produktion. Gleichzeitig kommt unsere Unterstützung neuen Technologien und der Wiederaufforstung der Region zugute. In Südafrika helfen wir bei der HIV-Prävention. Wir brauchen eine gesunde und leistungsfähige Belegschaft. Gleichzeitig sprechen wir mit unserer Hilfe ein wichtiges gesellschaftliches Problem an.

Ulrich Glauber: Als Vertreter eines Grosskonzerns haben Sie viele Möglichkeiten. Würden Sie auch Mittelständlern empfehlen, sich mit CSR und Nachhaltigkeit zu befassen?

Gerhard Prätorius: Das Thema geht alle Unternehmen an. Die Firmen dürfen sich aber nicht zuerst der Frage zuwenden, wie kann ich damit glänzen. Kommunikation ist wichtig, aber es muss aus der Substanz heraus kommen. Deshalb muss ein Unternehmen sich sehr sorgfältig überlegen, was passt zu mir, womit kann ich die beiden genannten Ziele, unternehmerischer und gesellschaftlicher Vorteil, vereinen. Da kann jede, auch eine kleine Firma etwas bewirken. Das ist ja nicht Neues. Nehmen Sie die Unterstützung eines Handwerkers auf dem Land für den örtlichen Sportverein: Man will seine jungen Mitarbeiter an sich binden und da ist es doch nur zum allseitigen Vorteil, sie bei ihren sportlichen Aktivitäten zu unterstützen.

Ulrich Glauber: Wie beurteilen Sie das Spannungsverhältnis zwischen Freiwilligkeit und staatlicher Reglementierung im Hinblick auf die soziale Verantwortung von Unternehmen?

Gerhard Prätorius: Im ursprünglichen Kontext ist CSR ein genuin freiwilliger Ansatz. Aber Freiwilligkeit und Reglementierung als jeweils ausschliesslichen Ansatz zu sehen, blockiert eine Lösung. Wir brauchen beide Elemente. Auf der einen Seite möchte ich in meinem Handlungsspielraum nicht durch unsinnige Regularien eingegrenzt sein. Auf der anderen Seite kann es nicht schaden, wenn es eine bestimmte Verhaltenssicherheit hat. Das kommt in gewissen Standardisierungsprozessen zum Ausdruck. So gibt die internationale CSR-Richtlinie ISO 26.000 eine gewisse Verhaltensorientierung für Unternehmen und eine Grundlage für unsere Arbeit. Aber Monsterprojekte auf nationaler Ebene, die zu unterschiedlichen Kategorien in den einzelnen Staaten führen würden, mag man sich gar nicht ausdenken.

Ulrich Glauber: Wir kann man sicherstellen, dass es nicht bei reiner Kosmetik bleibt?

Gerhard Prätorius: Bei uns gibt es eine relativ kleine Koordinations-Truppe unter meiner Leitung. Wir stellen sicher, dass die Fachkompetenzen in Bereichen wie Umweltschutz, Personalbetreuung oder Korruptionsabwehr so mit diesem Thema befasst sind, dass wir daraus das Beste für das Unternehmen machen können. Projektteams sorgen dafür, dass der Austausch zwischen den Fachbereichen deutlich besser geworden ist. Wir profitieren vom Wissen der fachlichen Seite und die fachliche Seite von unserer Fähigkeit, das Ganze nach aussen zu tragen und eine gewisse Anerkennung in Form von Rankings und Preisen zu bekommen. Bei einem Unternehmen wie Volkswagen müssen die Entscheidungen dezentral fallen, aber eine gewisse Koordination erfahren.

Ulrich Glauber: Wie stellen Sie sicher, dass auch Zulieferer einbezogen werden?

Gerhard Prätorius: Ganz wichtig ist, dass CSR nicht am Werkstor aufhört. Der Einkauf, der Umweltschutz und unsere Einheit haben bei VW ein spezielles Projekt auf den Weg gebracht. Es nennt sich Nachhaltigkeit in den Lieferantenbeziehungen. Dort sorgen wir dafür, dass unsere Lieferanten erst einmal unsere sozialen und ökologischen Standards kennen lernen. Wenn sich die Lieferanten über unsere Standards informiert haben, können sie Fragen dazu stellen. Bei Problemen stellen wir Expertenwissen zur Verfügung. Damit versuchen wir gemeinsam etwas zu entwickeln, das dann unseren Erwartungen entspricht.

Ulrich Glauber: Welche Fehler der Vergangenheit bereuen Sie am meisten?

Gerhard Prätorius: Wir haben vor zehn Jahren das erste Drei-Liter-Auto auf den Markt gebracht. Der Lupo ist nicht so angenommen worden, wie wir es erwartet hatten. Ich bedaure angesichts der heutigen Diskussion über die Automobilbranche sehr, dass wir mit dem Lupo am Markt nicht etwas länger Geduld hatten. Aber insgesamt sind wir nicht schlecht unterwegs. Allerdings ist der Wunsch nach umweltfreundlichen Autos beim Kunden extrem ausgeprägt, nicht aber die Zahlungsbereitschaft. Mit unserem Konzept Blue Motion versuchen wir, beim Preis im erwarteten Korridor zu liegen. Ausserdem investieren wir in die Ausbildung. Wir schulen unseren Nachwuchs auf das Thema Nachhaltigkeit und ökologische Antriebe um.


Der Volkswirt Gerhard Prätorius, Jahrgang 1954, leitet die Koordination CSR und Nachhaltigkeit der Volkswagen AG und ist Lehrbeauftragter „Verkehrsökonomie und Verkehrspolitik“ am Sozialwissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Braunschweig.

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