Die Finanz- und Wirtschaftskrise macht um die Nachhaltigkeit und die erneuerbaren Energien keinen Bogen. Fonds erhalten kaum noch Neugelder. Unternehmen bekommen Kredite nur noch unter erschwerten Bedingungen. Die Solarenergie hält sich besser als die Windenergie.
Im polnischen Posen bereitet der diesjährige Weltklimagipfel derzeit die Klimapolitik der Zukunft vor. Viel Zeit haben die Teilnehmer nicht: Bereits in einem Jahr soll in Kopenhagen der Nachfolger des Kyoto-Protokolls unterzeichnet werden, der die Ziele zur Verringerung der Treibhausgase nach 2012 verbindlich festschreiben soll. Kaum noch Neugelder Doch trotz dieser Eile: Die Finanzkrise bremst auch die Klimapolitik oder zumindest deren praktische Umsetzung. Die weltweite Talfahrt der Börsen und die Kreditklemme erfassen auch die Unternehmen, die in erneuerbaren Energien tätig sind, und ihre Investoren. Thiemo Lang, Portfolio Manager der Sustainable Asset Management Group (SAM), in Zürich kann ein Lied davon singen. Das SAM-Kernprodukt bei den erneuerbaren Energien habe 50 Prozent seines Werts verloren. Der Fonds habe nun noch einen Wert von 160 Millionen Euro (245 Millionen Franken). Alle SAM-Anlageprodukte im Bereich erneuerbare Energien zusammen hätten noch einen Wert von 400 Millionen Euro. Immerhin zögen Investoren ihr Geld nicht zurück. „Das ist relativ ermutigend.“ Aber es gebe auch keinen nennenswerten Zustrom von Neugeldern mehr. Das bedeutet auch, dass SAM keine neuen Gelder anlegen kann. Kreditklemme beisst Da ist Good Energies in einer andern Situation. Das Investmentunternehmen gehört der Cofra Holding AG, dem Familienkonzern der C&A-Besitzerfamilie Brenninkmeijer. Good Energies investiert seit 2001 in erneuerbare Energien. Das Portfolio hat derzeit einen Wert von etwa 4 Milliarden Euro (6 Milliarden Franken) investiert. Jedes Jahr stehen 350 Millionen Euro zur Verfügung. Kein Wunder, dass Unternehmen gerade in klammen Zeiten Schlange stehen. „Über einen Mangel an Investitionsmöglichkeiten müssen wir uns nicht beklagen“, sagt Kommunikationschef Alexander Rohde. Dennoch ist auch Good Energies von der Krise betroffen. Der Wert der Anlagen schmilzt dahin. Allein die wichtigste Anlage, das deutsche Solarunternehmen Q-Cells, hat innerhalb eines Jahres drei Viertel des Werts verloren. Hinzu kommt, dass viele der 32 Unternehmen, in die Good Energies investiert hat, die Kreditklemme spüren. „Wir werden uns verstärkt damit beschäftigen müssen. Wenn die Unternehmen keine Kredite mehr bekommen, dann könnte Good Energies gezwungen sein einzuspringen“, sagt Rohde. Solar hält sich besser als Wind Nicht alle Branchen sind gleichermassen betroffen. Eine Studie der Bank Sarasin sagt der Solarindustrie zwar stürmische Zeiten voraus – aber das nächste Hoch komme bald. Denn die Solarindustrie fasst Fuss in neuen Märkten: Nach Deutschland, den USA, Japan und Spanien setzen nun auch Italien, Tschechien auf die Sonne. Frankreich und Griechenland könnten folgen. SAM-Manager Lang verweist zudem darauf, dass viele kleine Solaranlagen von Privaten gebaut und von Sparkassen und Raiffeisenbanken finanziert werden. Die Windkraft dagegen braucht grosse Anlagen und damit grosse Kredite. Selbst grosse Energieversorger müssten jetzt höhere Zinsen zahlen. Thiemo Lang rechnet deshalb damit, dass die Windkraft 2009 erstmals überhaupt schwächer wächst als im Vorjahr. 2007 hatte die Branche erstmals die Grenze von 100 Milliarden Dollar an Investitionen durchstossen. Politik zwingt zu Nachhaltigkeit Trotz der schwierigen Zeiten: Nachhaltigkeit bleibt auf der Tagesordnung. Die politischen Vorgaben zeigen alle in die gleiche Richtung: Der Marktanteil der erneuerbaren Energien wird steigen. Doch Nachhaltigkeit beschränkt sich nicht auf die Energieproduktion. Gerade die Automobilindustrie steht unter massiven Druck, den Ausstoss von Kohlendioxid massiv zu senken. Herstellern, die ab 2015 nicht die Vorgaben der EU einhalten, drohen happige Strafen. Gerade die deutschen Autobauer, die am meisten gegen diese Vorschriften angekämpft haben, dürften dabei laut Philipp Mettler, Automobilanalyst bei SAM, zu den Gewinnern gehören. Denn sie müssten zwar den CO2-Ausstoss stärker senken als ihre Konkurrenten. Aber sie hätten auch margenstärkere Produkte und eine niedrigere Verschuldung als etwa Peugeot und Fiat. Auch in der Konsumgüterindustrie ist die Nachhaltigkeit längst ein Thema. Der Markt fordert umwelt- und sozialverträgliche Produkte. „Investitionen in Massnahmen zum Ausbau der Nachhaltigkeit bleiben ein ‚Muss’, um auch zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt eine neue Studie des Schweizer Logistikverbandes GS1 und der Beratungsfirma Accenture. Allerdings kommt auch hier die Nachhaltigkeit unter Kostendruck: Sie muss sich letztlich rechnen. Die Nachhaltigkeit steckt in der Flaute. Aber der nächste Rückenwind kommt bestimmt.
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