Edinburgh - Vor der Küste Schottlands und Nordirlands soll das grösste Gezeitenenergieprojekt Grossbritanniens entstehen. Experten sprechen schon vom „Saudi-Arabien der Meeresenergie.“ Bis 2020 könnte Schottland bereits die Hälfte seines Strombedarfs mit sauberen Energien decken.
Auf der Suche nach umweltfreundlicheren Energiequellen gehen die Schotten auf Tauchstation. Sie gaben kürzlich grünes Licht für den Bau von Gezeitenkraftwerken vor der Küste Nordschottlands. Die Offshore-Areale zählen zu den strömungsstärksten der Welt und bieten dadurch ein enormes Potenzial für die saubere Energiegewinnung aus dem Meer. Es ist das erste kommerzielle Meereskraftwerk seiner Art in Grossbritannien. Meeresstrom ab 2011 Im Rahmen des Grossprojekts sollen zunächst je 20 Turbinen an drei Standorten 60 Megawatt für 40 000 Haushalte produzieren. Ein Standort allein, der Pentland Meeresarm bei den Orkney-Inseln, könnte ein Drittel des gesamten Strombedarfs Schottlands decken. Weitere Standorte sind bei den Inneren Hebriden sowie an der Antrim-Küste vor Nordirland geplant. Dort sollen so genannte Langstrom Gezeitenturbinen zum Einsatz kommen, die als fortschrittlichste der Welt gelten. Sie wurden vier Jahre lang von dem norwegischen Technologieunternehmen Hammerfest Stroem in Zusammenarbeit mit dem Energiebetreiber Scottish Power getestet. Wenn die Behörden dem Planungsverfahren im nächsten Jahr zustimmen, könnten die Turbinen schon ab 2011 sauberen Strom produzieren. Tom Hastings vom Crown Estate, der Institution, die unter anderm Grossbritanniens Küstengewässer verwaltet, sieht die Region bereits als „Zentrum für weltführende Wellen- und Gezeitenstromerzeugung, Forschung und ökologische Überwachung“. Prädestiniert für die Insel Gezeitenkraftwerke bieten viele Vorteile. Sie sind im Gegensatz zu Windfarmen weniger wetterabhängig – denn Ebbe und Flut gibt es schliesslich immer. Aus den Kräften, die die Gezeiten erzeugen, lässt sich genauer ermitteln, wie viel Strom produziert werden kann. Und da Grossbritannien von Meer umgeben ist, eignet sich die Insel bestens für die Meeresstromenergie. Im Prinzip funktioniert das Gezeitenwerk ähnlich wie eine Windenergieanlage, nur bewegt sich der Rotor unter Wasser. Ein Generator wandelt dabei die Strömungs¬energie in Elektrizität um, die per Kabel an Land geführt wird. Da die freistehenden Turbinen unter der Wasseroberfläche installiert werden, beeinträchtigen sie die Landschaft nicht visuell. Durch die langsame Rotation des Rotors sind die Kraftwerke für Fische und andere Meerestiere angeblich ungefährlich. Dies wollen Umwelt- und Tierschützer im Rahmen des Testprojekts allerdings genauer untersuchen. Ebenfalls geprüft wird der Einfluss möglicher Strömungsveränderungen auf die Umwelt. Auch die Fischereiindustrie beäugt das Projekt kritisch. Denn das Fischen würde im direkten Umkreis aus Sicherheitsgründen verboten. Goldgrube Meer Erneuerbare Energien haben in Schottland Hochkonjunktur. Der schottische Energieminister Jim Mather sagte Nachhaltigkeit.org: „In den letzten Wochen wurden unserem Land Investitionen im Wert von 100 Milliarden Pfund (128 Milliarden Euro/ 200 Milliarden Franken) für grüne Energieprojekte zugesichert.“ Scottish Power will allein 100 Millionen Pfund in den Unterwasserstrom investieren. Erst kürzlich stimmte die Regierung dem Bau der grössten Windfarm Europas auf dem Festland bei Clyde zu. Laut der Britischen Windenergie-Gesellschaft BWEA, einer Handelsvereinigung für erneuerbare Energien, befindet sich Grossbritannien, wo die Windfarmenergie vor zehn bis 15 Jahren stand. Investoren sehen die britischen Inseln als beste Quelle für Wellen- und Gezeiten-Energie in Europa. Der Wille, Innovation zu fördern, ist entsprechend gross. Dabei gelten Dänemark und Deutschland, wo Windfarmen eine weitaus wichtigere Rolle spielen, als Vorbilder. Auch Energieminister Mather bekräftigte, „Unsere Meere könnten 25 Prozent der Gezeitenenergie und zehn Prozent der Wellenenergie Europas produzieren.“ Das Pentland Gezeitenprojekt ist darüber hinaus ein willkommener Ersatz für das Atomkraftwerk im nordschottischen Dounreay, das vor der Schliessung steht. Neben sauberer Energie bringen die Gezeitenkraftwerke also auch neue Arbeitsplätze in die Region. Die Zukunft soll grün sein Während Grossbritannien bis 2010 zehn Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen gewinnen will, hat Schottland einen Anteil von 31 Prozent bis 2011 im Visier. Das wird nach Angaben Jim Mathers leicht zu erzielen sein, denn bestehende und zur Zeit geplante Projekte sollen eine Leistung von 5,5 Gigawatt bieten. Mather sieht insgesamt ein grünes Energie-Potenzial von 60 Gigawatt für Schottland. „Das ist mehr als das Zehnfache des Strombedarfs des Landes.“ Der Energieminister fuhr fort:„Langfristig wollen wir die Hälfte unseres Stroms bis 2020 aus erneuerbaren Quellen beziehen“. Wenn alles nach Plan läuft, werden die Schotten – dem Klischee zum Trotz – also bestimmt nicht geizig mit ihren Ressourcen umgehen müssen.
|