Die Schweiz ist ein Stiftungsparadies: Auf jeden Bürger kommen rund 1500 FrankenStiftungskapital, vermuten die Experten. Die Fakten fehlen aber. Die Eidgenossen haben den Überblick über ihre Wohltäter längst verloren.
Bei den Reichen lernt man sparen, heisst es. In der betuchten Schweiz aber liegt Wohltätigkeit im Trend: Allein im Jahr 2007 wurden 265 neue Stiftungen ins Leben gerufen – rund dreimal soviel wie 1997. «Offenbar ist bei den vermögenden Personen die Bereitschaft zu stiften gestiegen», sagt Katja Zürcher-Mäder, Pressesprecherin beim Innenministerium, dem die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) unterstellt ist. Spitzenreiterin in Europa Es gibt aber auch demografische Gründe: «Die Generation der Babyboomer kommt jetzt ins Stiftungsalter», sagt Beate Eckhardt, Geschäftsführerin von Swissfoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen. Tatsächlich ist der durchschnittliche Stifter mit 60 Jahren eher älter – überdies kinderlos und gut gebildet. Dies ergab eine Studie der Universität Freiburg i.Ue. und Swissfoundations 2006. Gut 2900 gemeinnützige Stiftungen listet die ESA momentan, und das sind längst nicht alle. Denn nur die landesweit und international tätigen Stiftungen sind der eidgenössischen Aufsicht unterstellt. Für die übrigen ist nach dem föderalistischen Prinzip deren Wirkungsort zuständig, also der Kanton oder sogar die Gemeinde. Eckhardt schätzt, es gebe landesweit rund 12 000 gemeinnützige Stiftungen mit einem Kapital von 60 bis 80 Milliarden Franken. Das ist viel für ein so kleines Land: Konservative Schätzungen gehen von 1500 Franken Stiftungskapital pro Kopf aus – damit ist die Schweiz europäische Spitzenreiterin und ein wahres Stiftungsparadies. Besonders stark ausgebildet ist das Stiftungswesen in Basel und Genf. Georg von Schnurbein, Assistenzprofessor an der Universität Basel und Leiter des Ende November gegründeten Zentrums für Philanthropie, erklärt dies mit der langen und ungebrochenen Geschichte der beiden Stadtkantone: Beide seien lange als Stadtrepubliken isoliert und damit auf sich gestellt gewesen. Damit habe sich der Gemeinsinn entwickeln können. In beiden Städten sei es Tradition, etwas für die Stadt und ihre Kultur zu tun. Föderalistischer Flickenteppich Die starke Stellung der Stiftungen in der Schweiz insgesamt liegt zum einen am Stiftungsrecht, das als eines der weltweit liberalsten gilt. «Aber auch an der sehr positive Haltung von Gesellschaft und Politik Stiftungen gegenüber», sagt Eckhardt. Stiftungen werden nicht argwöhnisch als verkappte Steuerhinterzieher, sondern primär als gute Sache im Dienst der Allgemeinheit betrachtet. So gaben in der Swissfoundations-Studie denn auch vier von fünf befragten Stiftern an, die Stiftung aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Mitmenschen gegründet zu haben. Der grösste Teil der Geldspenden fliesst in den sozialen Bereich, gefolgt von Bildung, Wissenschaft und Kultur. «Die gesellschaftliche Relevanz der Stiftungen ist gross», sagt Zürcher-Mäder. Das jährliche Ausschüttungsvolumen der gemeinnützigen Stiftungen dürfte ein bis zwei Milliarden betragen, was rund zwei Prozent des Bundeshaushalts entspricht. Wo genau wie viel Geld hin geht, weiss keiner. «Die Informationslage ist dürftig», sagt Echkhardt. Sorgen Stiftungen für negative Schlagzeilen, ertönt oft der Ruf nach mehr Kontrolle. Zu Unrecht, sagt Eckhardt: «Das Schweizer Stiftungsrecht bietet wenig Potential für Betrug. Anders als etwa in Liechtenstein kann der Gründer hier nicht mehr auf das Kapital zugreifen. Und eine Änderung des Stiftungszwecks ist nur dann möglich, wenn die Gründungsurkunde das vorsieht.» So gebe es im Verhältnis zur hohen Anzahl Stiftungen sehr wenig Skandale. «Und in den meisten Fällen geht es nicht um Steuerhinterziehung, sondern um Strukturprobleme.» Vorzeige-Wohltäter Ein Musterschüler punkto Professionalität ist die Basler Gebert Rüf Stiftung. Der «WC-König» Heinrich Gebert war mit Sanitätstechnik reich geworden. 1997 steckte er stolze 220 Millionen in eine neu gegründete Wissenschaftsstiftung. Filzgefahr drohte nie: Der König hielt sich vom Operativen immer fern. «Es sitzen überhaupt keine Familienmitglieder im Stiftungsrat. Wir arbeiten dadurch sehr unabhängig», sagt Pascale Vonmont, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung. Und transparent: An wen und nach welchen Kriterien die Stiftung jährlich rund zehn Millionen Franken ausschüttet, kann jeder auf der Homepage nachlesen. Auch der finanzstärkste Schweizer Wohltäter, der Milliardär Stephan Schmidheiny, führt offen Buch über seine guten Taten. Der Unternehmer, der den geschäftlichen Erfolg als gesellschaftliche Verpflichtung versteht, gründete 1994 die Avina Stiftung zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in Südamerika. Seither hat die Stiftung mit rund 395 Millionen Franken Projekte im In- und Ausland gefördert, rechnet Schmidheiny online vor. Der alte PR-Grundsatz gilt inzwischen auch für manche neue Stiftung: Tue Gutes und sprich darüber. Bild: Basel ist eines der Stiftungsparadiese im Stiftungsparadies Schweiz und nun auch Sitz des Zentrums für Philanthrophiestudien (Bild: Basel Stadt)
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