Stiftungen im Aufwind

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 01.12.08
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Stiftungen entsprechen dem Zeitgeist. Ein Grossteil der Schweizer Stiftungen wurde in den letzten zehn Jahren gegründet, und es werden immer mehr. Basel ist seit langem ein Paradies für Stiftungen, das kulturelle, gesellschaftliche und sportliche Leben der Stadt am Rheinknie wurde stark von ihnen geprägt. Nun wurde an der Universität ein eigenes Studienzentrum gegründet. Ein Interview mit seinem Leiter, Georg von Schnurbein.
Steffen Klatt: Was macht die Stiftungen als Forschungsgegenstand so interessant, dass es nun an der Universität Basel ein eigenes Zentrum dafür gibt?

Georg von Schnurbein: Aus wissenschaftlicher Sicht sind sie vor allem aufgrund ihrer Gegensätze interessant. Einerseits ist es eine der ältesten Rechtsformen der Welt. Andererseits ist ein Grossteil der Schweizer Stiftungen in den letzten zehn Jahren entstanden.

Steffen Klatt: Warum hat die Zahl der Stiftungen in den letzten Jahren zugenommen?

Georg von Schnurbein: Das lässt sich aus der demografischen Entwicklung erklären. Die Nachkriegsgeneration kommt jetzt in das Alter, in dem sie daran denkt, ihr Vermögen zu vererben. Bei dem einen oder andern entwickelt sich der Wunsch, für die nachfolgenden Generationen und für die Allgemeinheit etwas zu tun. Stiftungen entsprechen auch dem Zeitgeist, weil sie ein sehr individualistisches Konstrukt sind.

Steffen Klatt: Geht es bei Stiftungen in der Regel um Philanthropie, um den Wunsch, Gutes zu tun?

Georg von Schnurbein: Es geht um Philanthropie. Aber es gibt auch bei Stiftern keinen Altruismus ohne Eigennutz. Die Motive sind altruistisch, und sie gehen oft von einem persönlichen Erlebnis aus. Aber die Stiftung entspricht auch den Wertvorstellungen des Stifters.

Steffen Klatt: Hat mit der Zunahme der Zahl der Stiftungen auch die Bedeutung der Philanthropie zugenommen?

Georg von Schnurbein: Es ist das Bewusstsein gewachsen, dass man etwas für die Welt tun muss. Vor 50 Jahren hätte man dafür einen Verein gegründet. Wenn man Geld gehabt hätte, dann hätte man es eher einer Organisation wie das Rote Kreuz gespendet. Heute gründet man eine Stiftung. Der Stifter ist sich dann sicher, dass die Stiftung seinen Vorstellungen folgt. Man darf aber trotz des Wachstums die Kraft und den Einfluss der Stiftungen nicht überschätzen. In der Schweiz haben die Stiftungen ein Vermögen von etwa 50 Milliarden Franken und schütten pro Jahr etwa eine bis anderthalb Milliarden Franken aus. Das entspricht zwei Prozent des Bundeshaushalts. Die Stiftungen können also in keiner Weise den Staat ersetzen. Sie können nur punktuell agieren, Vorbildprojekte verwirklichen. Sie können auf einzelne Themen aufmerksam machen, die von der breiten Öffentlichkeit noch nicht wahrgenommen werden.

Steffen Klatt: Haben Stiftungen damit die Funktion von Pfadfindern?

Georg von Schnurbein: Sie können auch eine Mittlerfunktion übernehmen. Sie greifen ein Problem auf und tragen das in die Politik und in die Gesellschaft.

Steffen Klatt: An einigen Orten sind Stiftungen besonders aktiv. Ein Beispiel ist gerade Basel, wo das kulturelle Leben sehr stark durch Stiftungen getragen wird. Wie kommt das?

Georg von Schnurbein: Das ist eine spannende Frage, auf die ich jetzt noch keine abschliessende Antwort geben kann. Eine Situation wie in Basel gibt es auch in Genf. An beiden Orten haben mehrere Faktoren dazu beigetragen. Die Strukturen in beiden Städten sind seit langem relativ stabil. Beide Städte waren immer auf sich allein gestellt, eingeschlossen von andern Ländern. So ist eine philanthropische Tradition gewachsen. Sie äussert sich nicht nur in Stiftungen, sondern auch in direkten philanthropischen Beiträgen. In Basel hat das auch auf die Industrie übergegriffen. Die grossen Pharmakonzerne betätigen sich auch philanthropisch, um die Stadt attraktiv für ihre Mitarbeiter zu machen. So eine Tradition muss wachsen. Man kann sie anderswo nicht einfach kopieren.

Steffen Klatt: Stiftungen sind oft sehr langlebig. Ist das eine gleichsam natürliche Eigenschaft?

Georg von Schnurbein: Der Ewigkeitsgedanke ist ein klassisches Merkmal von Stiftungen. In der Schweiz wurde lange gesagt, dass das Stiftungskapital nicht verbraucht werden dürfe. Damit war automatisch vorgesehen, dass die Stiftung ewig existiert. Ob das immer sinnvoll ist, ist die andere Frage. Wenn kleinere Stiftungen – und in der Schweiz haben 80 Prozent der Stiftungen ein Kapital von unter 5 Millionen – pro Jahr nur wenige tausend Franken ausschütten können, dann kann man sich fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, mit dem Geld einen Leuchtturm zu bauen. Das Geld ist dann zwar nach ein paar Jahren weg. Aber man hat etwas bewirkt. Über solche Formen von Stiftungen wird derzeit diskutiert. Erste Beispiele gibt es schon.

Steffen Klatt: Handeln Stiftungen nachhaltiger, weil sie diesen Ewigkeitscharakter haben?

Georg von Schnurbein: Stiftungen sind sicher nachhaltig, weil sie in langen Zeiträumen denken. Ein schönes Beispiel für diese Nachhaltigkeit ist die Christoph-Merian-Stiftung in Basel, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Wenn Christoph Merian sein Vermögen normal vererbt hätte, dann wäre es inzwischen längst verschwunden. Heute ist die Stiftung ein Markstein des kulturellen und sozialen Lebens in Basel.
Die organisatorische Nachhaltigkeit bedeutet aber nicht immer, dass die Stiftungen sich auch nachhaltig verhalten. Die meisten Stiftungen agieren heute noch anders: Sie schauen, wie viel sie ausgeben können, und geben das Geld aus. Es ist noch selten, dass sie ein strategisches Förderprogramm entwickeln.

Steffen Klatt: Lassen sich Stiftungen zu einer solchen Nachhaltigkeit „erziehen“?

Georg von Schnurbein: Ich weiss nicht, ob man Stiftungen „erziehen“ kann. Aber man kann Hilfestellungen geben. Unser Zentrum wird deshalb auch Weiterbildung betreiben. Im März werden wir unsern ersten Lehrgang Stiftungsmanagement anbieten.

Steffen Klatt: Erwarten Sie, dass die Zunahme der Stiftungen anhält?

Georg von Schnurbein: Wir gehen davon aus, dass der Aufschwung der Stiftungen weiter anhält. Es werden sicherlich noch einige grosse Stiftungen entstehen. Irgendwann wird man sich aber fragen, ob angesichts der vielen kleinen Stiftungen nicht auch Kooperationen eingegangen werden oder Stiftungen sogar fusionieren sollen. Insgesamt wird das Stiftungswesen noch an Bedeutung gewinnen. Aber die Stiftungen werden deshalb nicht Staatsaufgaben übernehmen können: Selbst wenn doppelt so viel Vermögen wie jetzt zur Verfügung steht und doppelt so viel ausgeschüttet werden kann, dann ist das immer noch nichts, was der Staat jährlich leistet. Sie können den Staat nicht ersetzen, sondern nur komplementär wirken.


Zur Person:

Georg von Schnurbein ist Assistenzprofessor für Stiftungsmanagement und Leiter des Ende November gegründeten Centre for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Verbandsmanagementinstitut an der Universität Freiburg i.Ue.
Das CEPS wurde von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Stiftungen, initiiert. Die Avina Stiftung, die Christoph Merian-Stiftung, die Ernst Göhner-Stiftung, die Gebert Rüf-Stiftung, die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel und die Sophie und Karl Binding-Stiftung haben die Anschubfinanzierung übernommen.

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Rolf Wuestenhagen
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Rolf Wuestenhagen,
Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien, Uni SG

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