Brüssel - Auf den Klimawandel soll ein Unternehmenswandel folgen, fordert Barend van Bergen von der Unternehmensberatung KPMG. Die Politik müsse nachhaltiges Handeln der Unternehmen belohnen, um den Wandel zu fördern. An einer Konferenz zu nachhaltiger Produktion in Brüssel, organisiert von Green Power Conferences, stellte van Bergen die Studie „Klima verändert Ihr Unternehmen“ vor. Die Studie untersucht die Risiken und ökonomische Auswirkungen des Klimawandels auf Unternehmen.
Caroline Ausserer: Bringen erneuerbare Energieformen Risiken mit sich oder eröffnen sie mehr Möglichkeiten für Unternehmen? Barend van Bergen: Beides, sie bringen Risiken, aber auch neue Möglichkeiten mit sich. Beim unternehmerischen Handeln geht es schliesslich auch darum, Risiken einzugehen. Die sollten aber bewusst eingegangen werden. Ich bin in unserer Studie „Klima verändert Ihr Unternehmen“ (Climate changes your business) stark auf die Risiken eingegangen. Denn vor zwei paar Jahren gab es viel Gerede über die tollen Möglichkeiten, die der Klimawandel eröffne. Man sprach viel von grüner Wirtschaft. Wir fanden das nicht sehr realistisch. Denn wenn der Klimawandel Schäden in Höhe von 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts verursacht, dann hat das sicher auch enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft. Daher entschieden wir damals, von Risiken zu sprechen. Nur wenn man die Risiken im Griff hat, kann man auch die Möglichkeiten ausschöpfen. Denn darum geht es. Caroline Ausserer: Sind Sie damals gegen den Strom geschwommen? Barend van Bergen: Ja, damals wurde von politischer und Unternehmensseite zwar viel darüber geredet, aber immer um den heissen Brei herum. Wir sehen unsere Rolle nicht nur darin, Unternehmen zu beraten, sondern auch aktiv in der Debatte mitzureden. Wir wollten auch was anderes sagen als alle anderen, deshalb haben wir diese Studie über die vier Geschäftsrisiken veröffentlicht. Caroline Ausserer: Welches ist das grösste Risiko? Barend van Bergen: Ein altes Sprichwort im Investment Banking besagt, dass das grösste Risiko jenes ist, das man nicht kennt. Das ist auch beim Klimawandel so. Wenn man nicht einmal Bescheid weiss über die Risiken, dann ist das das erste Problem. Wenn wir es uns näher anschauen, dann ist die Antwort abhängig von vielen Faktoren, wie Produkt und Geographie. Doch allgemein kann gesagt werden, dass eines der grössten Risiken jenes ist, nicht den politischen Anforderungen zu entsprechen. Wir können zum Beispiel bei der Autoindustrie enorme Veränderungen feststellen, eben weil es so viele neue Regelungen gibt, die den Ausstoss von Kohlendioxid regeln. Autoproduzenten, deren Modelle nicht den Regelungen angepasst sind, sprich Autos mit hohen Abgasen, gehen das Risiko ein, keinen Absatzmarkt mehr zu finden. Caroline Ausserer: Muss die Politik Regelungen aufzwingen? Barend van Bergen: Ja, genau. Es gibt zwei treibende Kräfte. Das sind zum einen neue verpflichtende Richtlinien. Die sind vor allem in jenen Bereichen notwendig, in denen finanzielle Anreize nicht funktionieren, wie beispielsweise in der Bauindustrie. Denn der Bauherr übernimmt keine Verantwortung für den Energieverbrauch des Besitzers, das heisst die Energiekette wird nicht im Ganzen betrachtet. Da ist es sehr wichtig, Richtlinien zu haben, die den Markt regulieren. Im Grunde kann der Klimawandel als der grösste Misserfolg des Marktes gesehen werden. Die zweite treibende Kraft ist der Preis. Wir müssen die externen Kosten internalisieren. Bis jetzt kostet es nichts, Ressourcen wie Öl aufzubrauchen und die Umwelt zu verschmutzen. Das wird sich verändern. Einerseits durch die Marktkräfte, durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Andererseits durch politische Anreize für den Markt, wenn etwa Kohle und andere umweltschädliche Energieformen höher besteuert werden. Caroline Ausserer: Fragen die Industrien dann nicht zu recht, wie sie das finanzieren sollen? Barend van Bergen: Nicht unbedingt. Denn jene Unternehmen mit der umweltfreundlichsten Performance können dafür belohnt werden. Caroline Ausserer: Was ist dann das Problem? Barend van Bergen: Das Problem ist die Kurzsichtigkeit, von Seiten der Politik wie auch von Seiten der Unternehmen. Problematisch ist, dass die Werte von Aktionären nicht mit den Werten der Gesellschaft übereinstimmen. Die Gesellschaft will die externen Kosten in den Preis integrieren, damit sie nicht für die Umweltschäden von Unternehmen aufkommen muss. Doch für Unternehmen zahlt es sich immer noch aus, unter schlechten und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu produzieren, weil der Profit gross ist. Damit sich etwas ändert, wäre es notwendig, dass verantwortliches Handeln auch als profitabel verstanden wird. Zur Person: Barend van Bergen ist Direktor von KPMG Sustainability in den Niederlanden. Vor seinem Einstieg bei KPMG 1998 arbeitete er fünf Jahre als unabhängiger Berater. Der ausgebildete Betriebswirt (Universität Eindhoven/NL) berät multinationale Kunden im Bereich nachhaltiges Management.
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