Elektrische Antriebe in Industrie und Gewerbe galten bislang als eine energiepolitische Quantité négligable. Dabei liesse sich mit energieeffizienteren Geräten annähernd ein Zehntel des SchweizerStromverbrauchs einsparen. Mit dem Programm Topmotors soll nun auch im Antriebssegment Gegensteuer gegeben werden.
Sie treiben Wasserpumpen öffentlicher Versorgungsunternehmen und grosse Förderanlagen an, sie pumpen Abluft aus Betriebshallen, und sie liefern die Antriebsenergie für zahlreiche industrielle Prozesse: Ohne Elektromotoren ginge gar nichts in Gewerbe und Industrie. Stets sind es die unscheinbaren, gusseisern anmutenden Gebilde, die höchst zuverlässig und oft rund um die Uhr in Betrieb stehen. Auf rund 1,2 Millionen schätzt Jürg Nipkow von der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz die Zahl der in der Schweiz für industrielle und gewerbliche Zwecke eingesetzten Elektromotoren. Sie verbrauchen rund elf Terawattstunden Strom pro Jahr. Das entspricht fast einem Viertel des gesamten schweizerischen Stromverbrauchs. Lange Laufzeit als Segen und Fluch Die Elektromotoren erreichen ohne weiteres Laufzeiten von 50’000 Stunden, laufen dabei weitgehend pannen- und wartungsfei und leisten manchmal während Jahrzehnten ihren Dienst. Diese herausragende Zuverlässigkeit ist Segen und Fluch zugleich. Denn der technische Fortschritt macht auch vor Elektromotoren nicht Halt. Vor allem der Wirkungsgrad kleinerer und mittlerer Motoren ist in den vergangenen Jahren teils deutlich verbessert worden. Sie machen den überwiegenden Teil der elektrischen Antriebe in Industrie und Gewerbe aus und zeichnen hier für etwa zwei Drittel des jährlichen Energieverbrauchs verantwortlich. Und auch bei den ganz grossen Brocken macht eine Effizienz-Steigerung um wenige Prozent beträchtliche Einsparungen möglich. Wer hier die ökonomische Rechnung macht, kommt um diese modernen Maschinen nicht mehr herum. Die leicht höheren Investitionskosten werden durch die enormen Effizienzgewinne mehr als wettgemacht. Denn über den ganzen Lebenszyklus betrachtet machen die Anschaffungs- und Unterhaltskosten gerade ein bis zwei Prozent aus – sind also praktisch bedeutungslos. Der ganze Rest geht auf das Konto Stromkosten. Gerade für industrielle Anwendungen sind die Strompreise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, und nach jüngsten Prognosen dürften sie sich binnen weniger Jahre nochmals verdoppeln. Käufer schauen selten auf Energieeffizienz Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere zeigt ein Bild, auf dem die Elektromotoren fast von dessen Oberfläche verschwunden sind. Es ist das Bild eines Unternehmens, das in seiner Rechnung Investitions- und Betriebskosten – auch personell - strikt trennt. Energiekosten als Ganzes spielen auch nach den jüngsten Preissteigerungen in den meisten Branchen nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Elektromotoren, selbst wenn sie ineffizient laufen, erscheinen da fast bedeutungslos, zumal, wenn sie in der Bilanz längst abgeschrieben sind, aber nach wie vor zuverlässig weiterlaufen. Vergleicht man das Sparpotential bei Verwendung energieeffizienterer Motoren – ein Prozent der gesamten Kosten liegt da durchaus im Bereich des Möglichen - mit den Unternehmensgewinnen, sieht die Rechnung plötzlich ganz anders aus. Und macht man die ganz grosse Rechnung auf, dann verpufft in der Schweiz mit ineffizienten Elektromotoren mehr Strom als für den gesamten öffentlichen Verkehr benötigt wird. Dennoch, so Jürg Nipkow, sei die Bereitschaft in Industrie und Gewerbe gering, in Elektromotoren der neuesten Generation zu investieren. „Beim Investitionsentscheid spielt der Beschaffungspreis nach wie vor die entscheidende Rolle“, sagt Thomas Stetter von der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW). Dabei werden die allermeisten Elektromotoren nicht einzeln gekauft, sondern sind Teil einer Produktions-Anlage. Energieffizientere Motoren, deren Stückpreis zehn bis 20 Prozent höher liegt, machen da gerade noch einen Mehrpreis von 0,5 bis 1 Prozent aus. „Die Anlagenbauer sagen mir, dass ihre Kunden nicht bereit sind, selbst diese geringen Mehrkosten in Kauf zu nehmen“, meint Stetter. Das liege oft an deren internen Vorgaben. „Für die Mitarbeiter, die eine solche Anlage einkaufen, ist der Anschaffungspreis das absolut zentrale Kriterium. Sie haben dann gut gearbeitet, wenn sie unter der Budgetvorlage liegen. Alles andere wird nahezu ausgeklammert. Mehrkosten lassen sich da kaum mehr rechtfertigen“. Und so blieben firmenintern die Stimmen jener ungehört, die die Anlagen später betreiben und sich bewusst sind, dass mit besseren Motoren beträchtliche Kosteneinsparungen möglich sind. Gesetzgeber scheut Mindestanforderungen Die Zurückhaltung der Industrie lässt sich auch aus der Statistik ablesen. Der Marktanteil der effizientesten Elektromotoren liegt heute bei unter einem Prozent, und selbst die technisch eigentlich schon überholten Modelle der letzten Generation bringen es auf gerade mal neun Prozent. Weit über 80 Prozent der verkauften Motoren genügen gerade mal dem in Europa im Rahmen einer freiwilligen Vereinbarung zustande gekommenen „Eff 3“-Standard. Deren Wirkungsgrad liegt, abhängig von der Motorengrösse, bei 75 bis 93 Prozent. Das lag auch am Gesetzgeber, der es sowohl in der Schweiz als auch der Europäischen Union bislang versäumt hatte, die Mindestanforderungen an das verfügbare technische Niveau anzupassen. Die Vereinigten Staaten sind hier, für einmal, der umwelt- und energiepolitische Vorreiter. Schon vor einem Jahrzehnt wurden die Anforderungen deutlich nach oben geschraubt. Der Erfolg kann sich sehen lassen. Heute sind in den USA zwei von drei industriellen Elektromotoren in den beiden höchsten Effizienzklassen angesiedelt. Motoren der Effizienzklasse „Eff 2“ erreichen 82 bis 94 Prozent, die letzte, mit einer neuen Methode gemessene Generation „US-Premium“ gar 85 bis 95 Prozent. Derweil setzte man in Europa auf das Prinzip Freiwilligkeit, wohl mit dem Hintergedanken, dass die deutlich bessere Kostenrechnung über den gesamten Lebenszyklus von energieeffizienten Elektromotoren Kaufargument genug sei. Das hat sich als Irrglauben erwiesen, und selbst aus der Wirtschaft wird inzwischen auf eine gesetzliche Regelung gedrängt. „Die Signale, die ich erhalte, sind eindeutig“, sagt Thomas Stetter. „Erst mit Vorgaben des Gesetzgebers ist hier eine Wende zum Besseren zu schaffen“. Jetzt schickt sich die Europäische Kommission an, das Versäumte nachzuholen. Schon bis Mitte kommenden Jahres sollen für Elektromotoren verbindliche Effizienzvorschriften vorliegen, die sich am mittleren technischen Stand orientieren. In der Schweiz dürfte es schon bis Anfang kommenden Jahres soweit sein. Dann wäre mit einer Umsetzung binnen zweier bis dreier Jahre zu rechnen. Bis der Gerätepark vollständig ersetzt und auf dem technisch neuesten Stand ist, werden nochmals etliche Jahre ins Land gehen. Pilotprojekte in mehreren Branchen Diesen Prozess zu beschleunigen, ist eines der Ziele des Programmes Topmotors unter Federführung der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz. Das Programm Energie Schweiz des Bundesamts für Energie ist Hauptsponsor, daneben sitzen unter anderen die Energie-Agentur der Wirtschaft und Elektrizitätswerke als Partner im Boot. „Topmotors bietet den Betrieben die nötigen Grundlagen, um den Ist-Zustand des Elektromotorenparks zu analysieren und Massnahmenpläne zu erarbeiten“, erklärt Jürg Nipkow. Dazu sind verschiedene Hilfsmittel erarbeitet worden, die kostenlos bei Topmotors heruntergeladen werden können. Derzeit werden diese Grundlagen in verschiedenen Pilotprojekten auf ihre Tauglichkeit überprüft. Dabei werden Betriebe aus mehreren Branchen genauer betrachtet: Kunststoffspritzguss, Lebensmittel, Mühle, Druckerei, Chemie, Wasserversorgung und Abwasserreinigung. Erste Ergebnisse sollen bis Ende Jahr vorliegen und, nach einer Auswertung, in die Verbesserung der verschiedenen Instrumente eingearbeitet werden. Denn, so Nipkow, wer wirklich ernst machen will mit einer Verbesserung der Energieeffizienz, der kommt um eine umfassende Analyse des ganzen Systems nicht herum „Da lässt sich oft noch viel mehr Energie sparen als mit einem energieeffizienteren Elektromotor allein“. Und damit auch viel Geld.
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