Nuuk - Die Grönländer haben sich am Dienstag mit grosser Mehrheit für mehr Selbständigkeit im Rahmen des dänischen Königreichs ausgesprochen. Langfristig wollen sie sich dank erhoffter Öleinnahmen auch die Unabhängigkeit leisten können. In den Küstengewässern der grössten Insel der Welt werden grosse Ölvorkommen vermutet. Der Klimawandel ermöglicht die Ausbeutung bisher unerschlossener Bodenschätze und öffnet für Schiffe die strategisch wichtige Nordwestpassage nach Asien, bedroht aber die traditionelle Lebensweise der Inuit. Ein Interview mit Aussen- und Finanzminister Per Berthelsen.
André Anwar: Sie sind Finanz- und Aussenminister. In beiden Ressorts wird bislang fast nichts ohne Dänemark entschieden. Ändert sich das durch das erwartete Ja beim Referendum?
Per Berthelsen: Nein, unsere Aussenpolitik wird zum überwiegenden Teil genauso wie die Sicherheitspolitik weiterhin von Dänemark gesteuert. Aber wir haben einen sehr guten und engen Kontakt nach Kopenhagen.
André Anwar: Was ist ihnen das wichtigste am jetzigen Referendum?
Per Berthelsen: Zum einen ist der symbolische Wert wichtig. Wir werden nicht mehr nur als regionale Bevölkerungsgruppe anerkannt, sondern als nationales Volk. Zum anderen bekommen wir das Recht, über Naturressourcen wie das Erdöl zu entscheiden. Das schafft eine völlig neue Ausgangssituation. Heute steht Dänemark für die Hälfte unseres Budgets ein. Mittelfristig könne wir durch die umfangreichen Bodenschätze ein unabhängiges Einkommen erzielen, dass uns hoffentlich in einigen Jahrzehnten die völlige Unabhängigkeit ermöglichen wird.
André Anwar: Könnten die Dänen dann nicht einen Teil des Reichtums einfordern mit der Begründung, dass sie Grönland so lange unterstützt haben?
Per Berthelsen: Die Dänen sind natürlich eingeladen uns bei der Förderung des Öls zu helfen, wenn deren Firmen das dann wollen. Wir sind ein kleines Land mit nur 56.600 Menschen und werden Hilfe brauchen. Wir empfinden uns als eine grosse Familie mit Dänemark. Auch wenn wir gerne unabhängig werden möchten, bleibt die Verbundenheit bestehen. Ein Fünftel unserer Bevölkerung ist dänisch, in Dänemark leben knapp 40.000 Menschen mit grönländischem Blut. Das verbindet. Auch nach dem Referendum bekommen wir finanzielle Unterstützung, die mit steigenden Rohstofferlösen sinken wird. Erst wenn wir genug eigenes Geld haben, werden wir den letzten Schritt in die Unabhängigkeit machen. Das dauert aber sicher noch 20 bis 30 Jahre. Dänemark ist ein willkommener Begleiter, auch über die Unabhängigkeit hinaus .
André Anwar: Könnte Dänemark das Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung wieder annullieren?
Per Berthelsen: Wir haben die Erfahrung gemacht , dass die Dänen uns immer fair behandeln. Sie werden sich an die Abmachung halten. Die überwiegende Mehrheit der Dänen unterstützt unsere Unabhängigkeit. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass sich das ändert.
André Anwar: Ist es sicher, dass Grönland über so grosse Erdölvorkommen verfügt wie Sie annehmen?
Per Berthelsen: Das Interesse der internationalen Ölfirmen ist enorm. Alleine am Montag haben wir zwei neue Verträge für Bohrungen unterschrieben. Die Experten sind sich einig: Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis wir grosse Ölvorkommen finden. Aber es ist ein langer Weg von der Identifizierung der Ölfelder bis zu deren Ausbeutung und der Generierung von bedeutenden Einnahmen. Diese Einnahmen wollen wir dann in einen Ölfonds vergleichbar dem norwegischen anlegen. Ausgegeben werden wir nur die Zinserlöse dieses Fonds.
André Anwar: Wer an Grönland denkt, hat oft schmelzende Gletscher vor Augen. Leidet Grönland unter dem Klimawandel?
Per Berthelsen: Durch die ständigen und sehr plötzlichen Wetterschwankungen hat es schon viele Unglücke geben. Gerade unsere Fischer und Jäger leiden sehr darunter, dass sich ihre unmittelbare Umwelt, ihr Arbeitsplatz, so dramatisch verändert hat. Aber durch das schmelzende Eis rückt Grönland weiter nach oben in seiner internationalen Bedeutung. Es liegt strategisch nahe am Nordpol mit seinen grossen Rohstoffvorkommen und möglichen neuen Schiffsrouten, wenn das Eis weiter schmilzt. Auch auf Grönland wird es leichter, an Rohstoffe zu gelangen.
André Anwar: Sind Sie damit Gewinner des Klimawandels?
Per Berthelsen: Nein, die wirtschaftlichen Grundlagen aber auch die kulturelle Identität unserer traditionell lebenden Bevölkerung sind gefährdet und das ist schlimm. Wir müssen uns aber auf neue Klimabedingungen einstellen. Grönländer waren schon immer Überlebenskünstler. Wir sehen in dem erleichterten Zugang zu Bodenschätzen natürlich eine Chance zur Anpassung an etwas, das wir nicht beeinflussen können.
Zur Person:
Per Berthelsen, 58, ist Grönlands Finanz- und Aussenminister. Der frühere Lehrer machte sich als Kritiker der auf Grönland lange regierenden Sozialdemokraten und deren angeblicher Vetternwirtschaft und Inkompetenz einen Namen. Er gründete die liberale Protestpartei „Demokraten“. Um Erneuerung zu signalisieren, luden ihn die Sozialdemokraten ihn kürzlich ein, ihrer Partei beizutreten und das wichtigste Amt der Insel nach dem des Ministerpräsidenten zu übernehmen.
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