Die Internationale Energie Agentur (IEA)schlägt in ihrem neusten Bericht, dem World Energy Outlook 2008, Alarm. Sie berät 28 OECD Länder, unter anderem die USA und die Schweiz, in energiepolitischer Hinsicht. Zwar wurde schon im letztjährigen Bericht darauf hingewiesen, dass die Welt ein gravierendes Problem haben könnte, wenn China und Indien die Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch nicht schaffen. Erstaunlicherweise widerspiegelt die Berichterstattung einiger Schweizer Tageszeitungen die Stärke und Wichtigkeit der IEA-Warnung ungenügend klar.
Verglichen mit dem jetzt erschienenen Bericht war der des vorangehenden Jahres ein scheues Fingerheben. Die ersten zwei Sätze lassen keine Zweifel übrig: „Das Weltenergiesystem steht an einem Scheideweg. Die derzeitigen weltweiten Trends von Energieversorgung und –verbrauch sind eindeutig nicht zukunftsfähig, in ökologischer ebenso wie wirtschaftlicher oder sozialer Hinsicht“. Wer diese Aussage nicht versteht, hält sich die Hände bewusst vor die Augen – um so mehr, als die IEA einst 1974 geschaffen wurde, um Unterbrüche in der Erdölversorgung zu verhindern.
Die IEA sagt, dass bis 2030 insgesamt 45 Prozent mehr Energie bereitgestellt werden müsse, um den steigenden Energiekonsum zuverlässig decken zu können. Diese Zuwächse sind hauptsächlich dem Bevölkerungswachstum und steigenden Lebensstandards in Wachstumsmärkten wie Indien und China zuzuschreiben. Alleine diese zwei Länder verbrauchen bis 2030 zusätzlich zum jetzigen Konsum 2600 Megatonnen Erdöläquivalente pro Jahr. Das ist mehr als der aktuelle Gesamtenergieverbrauch der USA (2366 Megatonnen im Jahr 2007).
Dies ist aber nur ein Teil der Herausforderung. Dazu kommt, dass das Erdöl, welches momentan ein Drittel des Gesamtenergieverbrauchs deckt, knapp wird. Zwar sagt die IEA, dass Peak Oil wahrscheinlich nicht vor 2030 stattfinden wird. Gleichzeitig weist die IEA ausführlich auf die mangelnde Investitionstätigkeit in der Erdöl und Erdgasindustrie hin.
Dabei stellt sich die Frage, wie sinnvoll eine Investition in eine sterbende Technologie ist – vor allem mit dem Klimawandel im Spiel. Kohle als naheliegenden Ersatz für Erdöl wird mit steigenden Preisen für Kohlendioxid und zunehmenden staatlichen Vorschriften immer weniger nachhaltig. Zudem ist laut breit akzeptierter Meinung wissenschaftlicher und unternehmerischer Kreise Öl weder beim Gebäudeheizen noch in der Mobilität die richtige Lösung. Heizungen sollten auf lokal verfügbaren und erneuerbaren Ressourcen basiert sein. Bezüglich Mobilität ist klar erwiesen, dass der Elektromotor sowohl aus Gründen der Effizienz wie auch bezüglich Lärm und anderen Emissionen dem Verbrennungsmotor weit überlegen ist. Die IEA selbst sagt, dass es einer „Energierevolution“ bedarf, um unsere dringlichen Energie- und Klima-Herausforderungen zu meistern. Die Zusammenfassung schliesst damit ab, dass die Massnahmen jetzt getroffen werden müssen, wenn das Klima sich nicht um mindestens 3 Grad erwärmen soll. Im schlimmsten Fall rechnet die IEA mit einem Temperaturanstieg von 6 Grad!
Sie schaut trotz allem positiv in die Zukunft: „Noch ist Zeit für einen Kurswechsel“. Dazu braucht es jedoch selbst laut IEA „radikale Aktionen seitens der Regierungen“. Diese sollen über internationale, nationale und regionale Mechanismen erfolgen. Das Energieverbrauchsverhalten müsse geändert werden, und gleichzeitig soll in die Entwicklung CO2-armer Technologien investiert werden. Wenn Kohlekraftwerke gebaut werden „müssen“, soll das entstehende Kohlendioxid abgetrennt und gespeichert werden (wobei die IEA einräumt, dass dies mit jetzigem Stand der Technik die Energieeffizienz eines Kohlekraftwerks um beinahe einen Drittel reduziert). Auch ist zu beachten, dass Erdöl als Treibstoff in vielen kleinen, dezentralen Fahrzeugen verbraucht wird, und somit sicherlich kurzfristig nicht abgetrennt und gespeichert werden kann. Die Frage der bevorzugten Energiequelle ist damit leider nicht geklärt.
Auch die Schweiz steht vor der Frage, auf was für eine Energiequelle sie sich fokussieren soll. Das Bundesamt für Energie (BFE) sagt in seinen Energieperspektiven für die Schweiz für das Jahr 2018 eine Stromlücke voraus. Bemerkenswert ist, dass in keinem BFE-Szenario „radikale Aktionen“ für effizientere Energienutzung getroffen werden. Es werden explizit keine Energierevolutionen betrachtet. Zudem orientiert sich die Schweizer Politik zur Zeit immer noch nicht an einem Szenario, das Energiesparen stark fördert. Auch seitens der Energiebeschaffung ist im Bereich der Erneuerbaren im In- und im Ausland noch klares Potential vorhanden. Bei jährlich 16 Millionen Franken Einspeisegebühr für Photovoltaik (verglichen mit 517 Millionen Euro in Deutschland) muss sicherlich auch lange auf eine Schweizer „Energierevolution“ gewartet werden. Michel Walker arbeitet als Analyst für die Foundation for Global Sustainability und beschäftigt sich mit erneuerbaren Energien und Stoffkreisläufen.
|