Brüssel – Die Zukunft liegt bei den erneuerbaren Energien, sagt Charles Esser, Energieanalyst für das Forschungsinstitut International Crisis Group in Brüssel. Diese haben nicht nur positive Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaft, sondern auch das Potential, zur Sicherheit beizutragen.
Caroline Ausserer: Seit wann gibt es einen Trend hin zu erneuerbaren Energieformen? Charles Esser: Nach Jahrhunderten der Verwendung von Holz, Kohle und Gas wurden schliesslich nach dem Zweiten Weltkrieg die enormen Ölreserven im Persischen Golf entdeckt. Zu der Zeit gab es noch kaum ein Bewusstsein über Umweltschutz, der Klimawandel war noch unbekannt. Eines der wenigen Projekte mit erneuerbarer Energie war damals der in den 30er Jahren errichtete Hoover Damm bei Las Vegas. In den 50er Jahren kam es dann zur Entwicklung von Atomkraft, die zwar keine erneuerbare Energie darstellt, aber auch nicht zum Klimawandel beiträgt. Doch erst nach den ersten schlimmen Unfällen in Kernkraftwerken wird Kritik laut und ab den 70er Jahren beginnt man immer mehr erneuerbare Energieformen zu verwenden. Caroline Ausserer: Warum? Charles Esser: Das Bewusstsein über Umweltverschmutzung wuchs, auch wenn noch kaum etwas über Klimawandel bekannt war. Dann gab es das OPEC-Öl-Embargo. Man begann nun über Themen wie Energiesicherheit nachzudenken. Was passiert, wenn die Erdöl- und Gasproduzenten uns politisch beeinflussen können? Die Antwort des Westens auf das Embargo war die Gründung der Internationalen Energieagentur (IEA), die es immer noch gibt. Seitdem haben die ölproduzierenden Länder nie wieder so etwas unternommen. Es verdeutlicht aber, dass Energie und Sicherheit eng zusammenhängen. Caroline Ausserer: Wie hängen Sicherheit und erneuerbare Energien zusammen? Charles Esser: Erneuerbare Energieformen, durch Wasser, Sonne oder Wind gewonnen, werden im Land selbst produziert, das heisst sie werfen keine Sicherheitsfragen auf. Dies ist ein weiterer Pluspunkt zusätzlich zu den Umweltvorteilen, die Erneuerbare schon mit sich bringen. Ein Gegenargument, das immer wieder verwendet wird, sind jedoch die hohen Kosten. In einem ersten Moment ist es sicher billiger, Energie aus Kohle zu gewinnen. Doch wenn wir an die Folgekosten für die Umwelt denken wie Klimawandel, saurer Regen, Gesundheitsschäden und ähnliches zahlt sich das nicht aus. Daher müssen wir immer an die negativen Auswirkungen von herkömmlichen Energieformen denken, und diese bereits in die Kosten mit einbeziehen. Wir Ökonomen nennen dies negative externe Effekte. In dem Sinn zahlen sich Erneuerbare viel mehr aus. Caroline Ausserer: Welche Rolle nimmt die EU ein, wenn es um erneuerbare Energie geht? Charles Esser: Meines Erachtens führt die EU keine wirkliche Energiepolitik, sondern eine Klimawandelpolitik. Wenn Sie sich die EU anschauen, geht es mehr um die unterschiedlichen Kompetenzen der einzelnen politischen Akteure, mehr um Handelsthemen als um Umweltthemen. Der berühmte 20-20-20 Plan (bis 2020 soll die EU 20 Prozent weniger Kohlendioxid ausstossen und den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent erhöhen, red.) ist nicht überzeugend; diese Regel für die gesamte EU aufzustellen, ergibt keinen Sinn. Denn er gibt nicht an, was jedes Mitgliedsland zu tun hat. Somit wird jeder hoffen, dass die anderen ihre Emissionswerte verringern, damit man selbst nichts tun muss. Besser wäre es, über Zielvorgaben für jedes Land zu reden. Ausserdem ist zu sagen, sollte es die EU schaffen, ihre Klimaemissionen zu reduzieren, würde das global gesehen wahrscheinlich immer noch keinen grossen Unterschied machen, wenn sich nicht auch andere Länder darum bemühen. Ich sage nicht, dass es keine Auswirkung hätte, aber es handelt sich hierbei um ein so genanntes Kollektiv-Aktion-Problem. Caroline Ausserer: Woran scheitert die internationale Zusammenarbeit? Charles Esser: Der grösste Verschmutzer ist China. Doch da wird es beim Gipfel in Kopenhagen (im Dezember 2009, er soll über die internationale Klimapolitik nach dem Auslaufen des Kioto-Protokolls 2012 entscheiden, red.) wahrscheinlich heissen, unsere Abgase sind nicht so hoch, wenn man es pro Kopf berechnet. Sie weisen ihre Verantwortung zurück, indem sie sagen, der Westen hat in den letzten Jahrhunderten bereits soviel verschmutzt und konnte dadurch das eigene Wirtschaftswachstum gewährleisten, warum sollten wir nun kürzer treten? Eigentlich ist der Westen für den Klimawandel verantwortlich und soll dafür auch aufkommen. Sollen wir auch etwas unternehmen, sagen sie, dann wollen wir kostenlosen Technologietransfer und keine kostenintensiven Massnahmen. Caroline Ausserer: Können erneuerbare Energieformen die Welt sicherer machen? Charles Esser: Wie gesagt, in dem es sich dabei um national produzierte Energie handelt, bringen sie keine Sicherheitsprobleme mit sich. Weiter tragen sie nicht zum Klimawandel bei, der an sich auch zu Konflikten führen kann. Denken wir zum Beispiel an eine mögliche Verwüstung gewisser Landstriche. Insofern könnten erneuerbare Energieformen sehr wohl zur Sicherheit beitragen, doch im Grossen und Ganzen sollte das nicht übertrieben werden. So bedeuten fünf Prozent Windenergie nicht, dass ein Land um fünf Prozent sicherer ist. Meines Erachtens sind erneuerbare Energieformen für den Wirtschafts- und Umweltbereich wichtiger als für den Sicherheitsbereich. Caroline Ausserer: Wird Europa zum Sklaven des eigenen Energiedurstes? Muss es seine Seele an Nachbarn wie Russland verkaufen? Charles Esser: Langfristig gesehen ist es sicher gut, Alternativen zu haben, insbesondere wenn Europa immer weiter wächst und dadurch auch der Energieverbrauch ansteigt. Doch das Gas-Thema mit Russland ist meiner Meinung nach auch anders zu lösen. Eigentlich sollte es nicht so ein grosses politisches Thema sein. Die EU sollte sich besser organisieren, sodass in Europa ein integrierter Gasmarkt möglich wäre. Damit könnte Russland nicht nur an ausgewählte Länder Gas liefern, sondern müsste es an alle oder niemanden verkaufen. Das würde die Energiesicherheit der EU deutlich erhöhen und sollte die eigentliche Priorität der derzeitigen Politik darstellen. Caroline Ausserer: Russland könnte immer noch drohen, es an niemanden zu verkaufen... Charles Esser: Das wäre eine „nukleare“ Lösung, so schrecklich, dass ich mir nicht vorstellen könnte, dass Russland das macht. Das würde immerhin bedeuten, dass dessen Einkünfte gekappt werden und die Beziehungen zu Europa zerstört werden. Dies ist nur im Falle eines Krieges vorstellbar. Caroline Ausserer: Werden auf Dauer die Produzenten von Öl und Gas wie Russland und die Golfstaaten das Sagen haben oder diejenigen, die etwas Intelligentes damit machen, wie Europa? Charles Esser: Insbesondere Länder wie Saudi Arabien wollen nicht, dass der Ölpreis zuviel ansteigt. Denn sie befürchten, dass der Westen dann tatsächlich beginnt, in erneuerbare Energieformen zu investieren. Wenn sie nicht mehr Öl verkaufen könnten, würde wahrscheinlich deren Gesellschaft zusammenbrechen. Es scheint paradox, doch die Saudis sind sicherlich in gewisser Weise erleichtert über den niedrigen Ölpreis, den die Finanzkrise mit sich gebracht hat. Ich denke nicht, dass sie gegen erneuerbare Energien sind, aber sie wollen einfach ihr Produkt weiter verkaufen können. Caroline Ausserer: Bedeutet das, dass die Unterstützung für Erneuerbare zurückgehen wird, da nun die Ölpreise gestiegen sind? Charles Esser: Leider ja, denn wenn man den Produktionspreis für eine Kilowattstunde Strom von einer Windturbine mit jenem von Erdgas vergleicht, solange das Gas sehr teuer ist, dann scheint der Windturbinenpreis kostengünstig. Doch wird das Gas billiger – und in Europa hängen etwa 70 Prozent der Gaspreise mit den Ölpreisen zusammen – dann ist der Strom aus Windenergie, relativ gesehen, teuer. Caroline Ausserer: Werden die Öl produzierenden Staaten auf Dauer Macht über die Länder ausüben, die kein Öl haben? Charles Esser: Ein berühmter saudischer Ölminister hat in den 70er Jahren einmal gesagt, das Steinzeitalter sei nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen. Dasselbe gilt für das Erdöl. Das Ölzeitalter wird nicht aus Mangel an Öl enden, sondern Dinge ändern sich, das ist der Lauf der Zeit. Die Menschheit wird nicht ewig so Öl verwenden, wie sie es derzeit tut. Ich wäre sehr überrascht, sollte man in 100 Jahren immer noch Erdöl verwenden. Caroline Ausserer: Sind erneuerbare Energien somit die Zukunft? Charles Esser: Ja, das glaube ich, kombiniert mit hochwertigen Technologien. Zum Beispiel, wenn wir es schaffen würden, jene Energie, die aus einer Verbindung von zwei Atomen entsteht, zu beherrschen, wäre das beeindruckend. Derzeit wird ja nukleare Energie aus Atomspaltung gewonnen. Mit Elektroautos wäre auch schon viel erreicht. Schliesslich gibt es die Technologie dafür schon. Die Grundlage des derzeitigen Automotors wurde bereits vor einem Jahrhundert erfunden. Es gibt also keinen Grund dafür, dass wir uns nicht weiter entwickeln und weiter gehen. Zur Person: Charles Esser ist Ökonom und arbeitet seit 2006 bei der International Crisis Group, einem Institut zur Konfliktforschung in Internationaler Politik. Zuvor war er von 2005 bis 2006 als Energieberater beim US-amerikanischen State Department tätig, und zuvor drei Jahre lang als Volkswirtschafter im US-Statistikamt für Energieinformation, das dem US-amerikanischen Energieministerium untersteht. Seine Forschungsgebiete umfassen Erdöl-Weltmärkte, Energiesicherheit sowie Energiepolitik insbesondere in Europa, dem Nahen Osten und Zentralasien.
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